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Martin Fourcade : Der selbstherrliche König ist im „Teufelskreis“

Es läuft nicht mehr rund beim bisherigen Biathlon-Dominator Martin Fourcade. Bild: Reuters

Sieben Jahre lang hat er den Biathlon-Zirkus dominiert und seine Spielchen getrieben mit der Konkurrenz. Nun ist Martin Fourcade mehr als ein Zacken aus der Krone gebrochen. Wie konnte das nur passieren?

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          Wenn die Staffel nicht wäre, Martin Fourcade wäre jetzt wohl schon zu Hause bei der Familie. Aber er will seine Kollegen an diesem Samstag (16.30 Uhr im ZDF und bei Eurosport) nicht im Stich lassen, und vielleicht kann er ja doch noch etwas halbwegs Befriedigendes von dieser vermaledeiten WM in Östersund mitnehmen. Sieben Jahre lang hat er den Biathlon-Zirkus dominiert, hat seine Spielchen mit der Konkurrenz getrieben und ist ihnen mit seinen übertriebenen Triumphgesten oft genug auf die Nerven gefallen. Da stand immer der latente Vorwurf der Arroganz im Raum, auch wenn der 30 Jahre alte Franzose stets betont hatte, dass er seine Gegner respektiere, seiner Freude aber spontan Ausdruck verleihen müsse.

          Im achten Jahr ist alles anders. Da ist dem selbstherrlichen Biathlon-König mehr als ein Zacken aus der Krone gebrochen. Platz 39 im Einzelwettbewerb, mit fast sechs Minuten Rückstand auf Sieger Arnd Peiffer, das war niederschmetternd, nachdem die WM mit Platz sechs im Sprint und Rang sieben in der Verfolgung ganz passabel angefangen hatte. Allerdings zählt für den fünfmaligen Olympiasieger und elfmaligen Weltmeister, der sieben Jahre lang in Folge den Gesamt-Weltcup gewonnen hat, nur eines: die Nummer eins zu sein in der Welt.

          Aber der 25 Jahre alte Norweger Johannes Thingnes Bö hat ihm in dieser Saison endgültig den Rang abgelaufen, und selbst in seinem eigenen Team, das zugegebenermaßen stark ist, reicht es für Monsieur Fourcade derzeit nur noch zur Nummer drei. „Wenn einem als Dominator plötzlich zwei, drei in der eigenen Mannschaft um die Ohren laufen, da fängt das Hirn an zu arbeiten“, sagt Mark Kirchner, der Cheftrainer der deutschen Biathleten. Oft genug war von den überragenden Fähigkeiten des Franzosen die Rede, von seiner mentalen Stärke, seiner körperlichen Robustheit. Jetzt ist dieser saft- und kraftlose Mann mit den eingefallenen Wangen und der resignierten Körpersprache allen ein Rätsel. Vor allem sich selbst. Das geht ja schon die gesamte Saison so, auch wenn Fourcade zwei Weltcup-Siege zu Buche stehen hat und auf Platz fünf im Gesamt-Weltcup liegt. Das ist Weltklasse, und 95 Prozent seiner Konkurrenten wären über so eine Position glücklich, aber Fourcade leidet. „Es ist so frustrierend und so schwierig.“

          Er findet den Schlüssel nicht, egal was er auch anstellt. Da lässt er den Nordamerika-Trip unmittelbar vor der WM aus, um noch etwas zu retten. Regeneriert zehn Tage lang, bevor er wieder voll ins Training einsteigt, fängt sich eine Angina ein, verliert vier Kilogramm Gewicht – und muss irgendwie damit klarkommen, dass auch sechs Wochen Wettkampfpause seinen Akku nicht entscheidend haben aufladen können. Alles, selbst das Shoppen, zehrt an seiner Energie, wie er behauptet. Aber am schlimmsten ist es für einen Siegertypen wie Fourcade, die permanenten sportlichen Rückschläge zu verkraften. Spaß macht das schon lange nicht mehr. Und es klingt ja auch drastisch, wenn der Franzose sagt: „Ich bin es leid, immer wieder die Tür zu öffnen und jedes Mal wieder eins in die Fresse zu bekommen.“

          Er spricht von einem „Teufelskreis“, aus dem er nicht ausbrechen kann, von Resignation, von Selbstzweifeln. Es sieht so aus, als könne ihm da im Moment niemand helfen, auch wenn die Trainer versuchen, das wenige Positive aus dem ganzen Schlamassel herauszufiltern. Vincent Vittoz, seit dieser Saison Trainer der französischen Männer, gibt aber auch offen zu „Martin findet keine Lösung, aber wir finden auch keine.“

          Des Rätsels Lösung liegt vermutlich in der Vergangenheit. Im Sommer, wenn im Wintersport die Weltmeister gemacht werden. Fourcade ist in Frankreich eine Sportgröße weit über Biathlon hinaus, und nach seinen drei Goldmedaillen von Pyeongchang war er noch gefragter als sonst. Er ist in vielen Projekten engagiert, unter anderem als Botschafter der Olympischen Spiele 2024 in Paris, er hat an seiner Autobiographie gearbeitet, hat ein Spiel für Kinder mitentwickelt. Und während die Kollegen nach den jeweils zehntägigen Trainingslagern nach Hause fuhren, um zu regenerieren, wartete auf Monsieur Fourcade schon mal der Hubschrauber, um ihn zum nächsten Termin zu befördern.

          Und zu Hause lassen ihm die heranwachsenden Töchterchen Manon und Inès auch nicht wirklich Ruhe. Nicht nur Stéphane Bouthiaux, Technischer Direktor Biathlon, vermutet, dass Fourcade jetzt den Preis für seine Popularität bezahlen muss, auch wenn Fourcade der These von mangelnder Regeneration lange nichts abgewinnen konnte. „Wenn Martin weitermachen will, wird er sich als absoluter Profi sicher die Frage stellen, inwieweit er sich diese Ausritte noch leisten will, er wird ja nicht jünger“, sagt auch Kirchner. Weitermachen will Fourcade auf jeden Fall. Aber nicht so. Er will als strahlender Held in Erinnerung bleiben, nicht als der Ritter von der traurigen Gestalt.

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