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Biathlon in Oberhof : Runter vom hohen Ross

Biathlonatmosphäre zum Dahinschmelzen: Sonnenuntergang am Grenzadler in Oberhof Bild: AP

Der Biathlonstandort Oberhof kämpft nach langem Stillstand gegen den schleichenden Imageverlust - und um seinen Platz im Weltcupkalender. Einen Joker haben die Deutschen in der Hinterhand.

          Das ist ein Reizthema, bei dem Erik Lesser der Kamm schwillt. Alle Jahre wieder diese Endlosdiskussion, ob Oberhof über das Jahr 2018 hinaus im Weltcup bleiben sollte oder nicht. Da strömen die Leute in die Biathlon-Arena am Grenzadler, die Stimmung ist fast wie in alten Zeiten, zur Abwechslung herrscht mal richtiger Winter im Thüringer Wald, und obendrein hat der Deutsche Skiverband verkündet, sich mit Oberhof für die WM 2023 zu bewerben. Und trotzdem kommt wieder dieses leidige Thema auf.

          Behält Oberhof seinen festen Platz unter den Top Neun der Weltcup-Veranstalter? „Völliger Quatsch“, poltert Lesser und wählt einen drastischen Vergleich. „In Presque Isle kommen 50 Schulkinder, und die Strafrunde geht um das Skigebäude drumherum. Das sind alles andere als Weltcup-Bedingungen“, sagt der 28 Jahre alte Thüringer zum Kreisklasse-Event im vergangenen Jahr im amerikanischen Bundesstaat Maine. Und dann wird an Premium-Orten wie Oberhof und Ruhpolding rumgemeckert. Auch Teamkollege Arnd Peiffer findet die Diskussion komisch. „Für mich stehen die Weltcups in Deutschland nicht zur Debatte, die haben Biathlon ja auch ein bisschen groß gemacht.“

          Aus der Luft gegriffen ist die Debatte um den Weltcup-Standort Oberhof dennoch nicht. Das liegt einmal an der garstigen Thüringer Wetterküche, mit häufigem Schneemangel, unberechenbarem Wind und dem berüchtigten Nebel. Schon beim Weltcup 2015 hatten Martin Fourcade und Darija Domratschewa deswegen von unfairen Bedingungen gesprochen. Dazu kommt eine Hotellerie, die wenig bietet, aber einen kräftigen Weltcup-Aufschlag fordert. Aber es liegt auch an einer gewissen Selbstgefälligkeit, mit dem trügerischen Gefühl, dass Oberhof aus Tradition schon ein Selbstläufer sei. Lange herrschte am Grenzadler Stillstand, wo andernorts schon kräftig aufgerüstet wurde.

          Innovationsstau, fehlendes Schneedepot und ein Stasi-Mitarbeiter

          Wie sehr das Standing der einstigen Stimmungshochburg im Biathlon gelitten hat, offenbarte die Bewerbung um die Ausrichtung der WM 2020. Im September 2016 gab es gegen den Südtiroler Mitbewerber Antholz eine krachende Ohrfeige, mit nur vier Stimmen. Im Januar zuvor war schon der „worst case“ eingetreten: kein Schnee, kein Frost, kein Weltcup, ein finanzielles Minus von mindestens 300.000 Euro. Das vielleicht Schlimmste an dieser Misere: „Der Ausfall war selbstverschuldet.“ Das behauptet jedenfalls Borut Nunar, der Renndirektor der Internationalen Biathlon-Union (IBU), weil Oberhof zu lange im Innovationsstau gesteckt habe. Das in Zeiten des Klimawandels lange geforderte Schneedepot war noch nicht gefüllt. Und als wäre der Ausfall nicht schon schlimm genug, warf Christopher Gellert, der Präsident des Organisationskomitees, auch noch das Handtuch. Die besondere Oberhofer Gemengelage mit alten Seilschaften, Kompetenzgerangel und politischen Machtkämpfen hatte ihn mürbegemacht. Dass sein Nachfolger Holger Wick einst Stasi-Mitarbeiter war, passt da ins Bild.

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