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Tour de France : Stärker als vor dem Crash

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Persona non grata gewinnt Tour-Etappe: Dylan Groenewegen Bild: AFP

Auf Jakobsens Sternstunde folgt Groenewegens Triumph. Somit entscheiden jene Fahrer die beiden dänischen Sprintetappen für sich, die 23 Monate zuvor gemeinsam ihren schwärzesten Karrieremoment erlebten.

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          Wie lange es dauert, aus dem Koma in einem polnischen Krankenhaus bis zum Gipfel bei der Tour de France? Wie lange es dauert, vom Schmerzensmann zum Stehaufmännchen und dann wieder zum Siegertypen zu werden? Nicht ganz zwei Jahre, für Fabio Jakobsen jedenfalls. Der Niederländer hat diesen Weg in drei Etappen unterteilt. Erst wieder richtig gehen, essen und überhaupt am Leben teilnehmen; dann wieder aufs Rad steigen und in die Pedale treten; und schließlich schauen, ob er es wieder zu einem der Topsprinter im Peloton bringen kann.

          Wenn es der letzten Gewissheit bedurft haben sollte, dass der 25-Jährige alle drei persönlichen Etappen gewonnen hat, dann brauchte man ihm nur zuzuhören am frühen Samstagabend in Nyborg. Kurz nachdem er das zweite Teilstück der Tour de France gewonnen hatte. Nach seinem mächtigen Antritt, dank dem er auf den letzten Metern des packenden Finals an den weltbesten Konkurrenten schier vorbeiflog, folgten leise, bedächtige Töne. „Für mich hat sich der Kreis geschlossen. Man kann denken, dass es ein Wunder ist. Es ist auf jeden Fall eine besondere Geschichte. Fast schon ein Märchen“, sagte Jakobsen. Und: „Ich bin glücklich und liebe das Radfahren jetzt umso mehr, aber der Sturz hat mich demütiger gemacht.“

          Sturz ist eigentlich nicht das richtige Wort dafür, was Tour-Debütant Jakobsen vor ziemlich genau 23 Monaten bei der Polen-Rundfahrt widerfuhr. Es war vielmehr ein Horrorcrash, einer, bei dem man selbst als Fernsehzuschauer die Zeitlupe nicht ertrug. Und der für Jakobsen eine Nahtoderfahrung bedeutete. Rückblickend erzählte der Profi, dass er ohne die Erste Hilfe am Schauplatz womöglich gestorben wäre.

          Die Zielgerade von Katowice war von den Rennfahrern schon zuvor als zu gefährlich, weil leicht bergab führend kritisiert worden. Bei über Tempo 70 verlor Jakobsens Landsmann Dylan Groenewegen, auch er ein Topsprinter der Szene, die Nerven und drückte ihn in die Balustraden. Der Abflug war so heftig, dass er sich diverse schwere Verletzungen und Knochenbrüche zuzog. Als er aus dem Koma erwachte, war ihm gerade mal ein eigener Zahn geblieben, sein Kiefer aus Knochen aus seinem Becken restauriert, sein Gesicht mit 130 Stichen genäht.

          Jakobsen stammt aus einer radsportbegeisterten Familie. Benannt ist er nach dem italienischen Profi Fabio Casartelli, der bei Tour 1995 bei einer Abfahrt stürzte und seinen Kopfverletzungen erlag. Es fehlte nicht viel und Jakobsen hätte als Rennfahrer dessen Schicksal geteilt.

          Übeltäter Groenewegen wurde für sein Vergehen neun Monate gesperrt, er bekam überdies Morddrohungen, wechselte das Team und hat sportlich seitdem nicht mehr zu alten Schlagkraft im Sprint zurückgefunden. Bis zum Sonntag, bis zur dritten Tour-Etappe, dem 182 Kilometer langen Teilstück von Vejle nach Sonderborg, als der Profi von der Equipe BikeExchange im Massensprint siegte. Auf Jakobsens Sternstunde folgte also Groenewegens Triumph. Nun haben die beiden dänischen Sprintetappen just jene Fahrer für sich entschieden, die 23 Monate zuvor gemeinsam ihren schwärzesten Karrieremoment erlebten.

          Enorm bleibt dennoch, welche mentale Stärke Jakobsen – „Ich denke an die Fahrer, die es nicht zurückgeschafft haben“ – aufbringt. Dass er sich nach jenem Augusttag in Katowice überhaupt wieder in die Sprintermeute stürzen kann und bei Höchstgeschwindigkeit, Schulter an Schulter der Ziellinie entgegen zu jagen. Obwohl er am eigenen Leibe so hart erfahren hat, dass man in dieser Spezialdisziplin der hartgesottenen Kerle sein Schicksal nicht alleine in der Hand hat. Jakobsens Teamkollege bei der Equipe Quick-Step Alpha Vinyl, der deshalb bei der Tour fehlende französische Radliebling Julian Alaphilippe, hat unlängst gesagt, dass er nach seinem furchtbaren Sturz im Frühjahr nicht mehr derselbe sein werde. Die Erfahrung, mit verletzter Lunge und gebrochenen Knochen im Straßengraben zu liegen, habe ihn verändert.

          Jakobsen hat das Unglück sportlich auch verändert – er ist stärker geworden. Stärker als er vor dem Crash war. Der Triumph von Nyborg war schon der elfte Tagessieg des Jahres für ihn. Und druckresistent ist er auch noch. Zugunsten von ihm und seiner Formstärke hat sein Team bei der Tour auf keinen Geringeren als Mark Cavendish verzichtet. Der Brite hätte bei dieser Tour alleiniger Etappenrekordsieger (35) werden können. „Unter Druck“, sagte Jakobsen, „formt man Diamanten.“

          Tour de France

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