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Olympia-Kommentar : Als das Winterkleid makellos war

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Flamme der Hoffnung: In Lillehammer denkt man gerne zurück an die Winterspiele. Bild: EPA

Für Olympische Winterspiele finden sich mittlerweile kaum noch Bewerber. Das Misstrauen gegenüber dem IOC vergrault die Bürger von Europas Wintersportregionen. Die Idylle von Lillehammer scheint länger her als nur ein Vierteljahrhundert.

          Vor ein paar Tagen haben sie in Lillehammer nahe bei den Sprungschanzen die olympische Flamme noch einmal angezündet. Nach 25 Jahren Pause. So lange liegen die letzten Olympischen Winterspiele zurück, die genau so waren, wie man sie sich wünscht. Mitten in einer tiefverschneiten Landschaft, in knackiger Kälte, mit einer wintergemütlichen Kleinstadt als Zentrum.

          Der Blick zurück auf die Tage von Lillehammer 1994 weckt nicht nur nostalgische Gefühle. Er lässt auch fühlbar werden, was sich in der Zwischenzeit alles verändert hat. Was Olympia durch sein Wachstum und seine Expansion aufgegeben, und wie dramatisch der Ruf seiner Funktionäre, der ja nie gut war, sich seither noch verschlechtert hat.

          Winterspiele waren damals viel kleiner als heute. Gut 1700 Athleten waren in Lillehammer am Start. Zuletzt in Pyeongchang waren es über tausend Sportler mehr, die Zahl der Wettkämpfe stieg von 61 auf 102. Heute könnte eine Region in dieser Größe Winterspiele nicht mehr stemmen. Darum ging die Reise weiter in Richtung Großstadt – 2022 ist Peking das Ziel. Das hätte man sich 1994 in der intimen Atmosphäre der norwegischen Kleinstadt nicht träumen lassen: dass eines Tages in einer Gegend, wo es weder Schnee noch eine Wintersport-Tradition und noch nicht einmal einen für eine solide Abfahrt tauglichen Hang gibt, das größte Wintersportfest der Welt abgehalten werden könnte.

          Die letzten Spiele ihrer Art

          In Lillehammer strömten Massen von Norwegern, die mit der nationalen Wintersportbegeisterung aufgewachsen waren, aus den Zügen und wanderten in langen Reihen über zugefrorene Seen zu den Sportstätten. Um sich nicht die Zehen abzufrieren, stellten sie sich auf Styropor-Platten und vollführten gehorsam die gymnastischen Übungen, die ihnen über Lautsprecher empfohlen wurden.

          Der norwegische Eisschnellläufer Johan Olav Koss wurde mit drei Goldmedaillen unsterblich und Markus Wasmeier mit zwei Olympiasiegen zur deutschen Legende. Katarina Witt gab ihre letzte Olympia-Show – eine erwachsen gewordene Prinzessin. Amerikas Medien standen kopf wegen des Eisenstangen-Attentats: Der Ex-Mann der Eiskunstläuferin Tonya Harding hatte den Angriff auf deren Konkurrentin Nancy Kerrigan in Auftrag gegeben. Beide durften schließlich starten und demonstrierten auf dem olympischen Eis eisern Charme und Eleganz. Kerrigan wurde überraschend Zweite, Harding trollte sich auf Rang acht. Das war der Schandfleck auf Lillehammers makellosem Winterkleid.

          Als Erinnerung kaufte sich so ziemlich jeder einen Norwegerpullover mit Rentier-Muster. Als schließlich der letzte Zuschauerzug davonfuhr und dabei dünne Wölkchen aus Pulverschnee über den Bahndamm stieben ließ, ahnten wir es: dass wir solche Winterspiele nie mehr erleben würden.

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