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Dahlmeier bei Olympia : Ein Bild als Bürde

Ein Schuss Lockerheit – den kann Biathletin Laura Dahlmeier gut gebrauchen. Nach den Erfolgen der vergangenen Winter fiel ihr das nicht immer leicht. Bild: dpa

Schießen perfekt, Laufen tadellos: Laura Dahlmeier hinterlässt im Training einen vielversprechenden Eindruck. Aber was die Erwartungshaltung mit ihr macht, weiß nicht einmal ihr Trainer.

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          Das Flutlicht ist längst eingeschaltet und taucht die Biathlon-Arena im Alpensia Park in helles Kunstlicht. Das Thermometer zeigt minus zwei Grad, und das ist für die Biathleten nach den Eisschranktemperaturen der vergangenen Tage fast schon ein Hauch von Frühling, auch ohne Sonne.

          Endlich kein Zähneklappern, kein langes Armschleudern, um die klammen Finger auf Betriebstemperatur zu bringen, keine Gesichtsmasken oder Tapes, sondern einfach nur auf das Wesentliche konzentrieren – die fünf Scheiben in 50 Meter Entfernung. Abschlusstraining, auch für den Stadionsprecher, der jede Aktion kommentiert, als sei es schon 24 Stunden später. Als würde dort unten schon der Sprint laufen, der erste olympische Biathlon-Wettbewerb.

          Laura Dahlmeier hat ihr Tagwerk allerdings schon beendet, streift sich eine dicke Jacke über, wechselt lachend ein paar Worte mit ihrer Teamkollegin Franziska Preuß und verschwindet dann im Bauch der Arena. Das Reden überlässt sie dem Bundestrainer.

          Verlass auf positive Vorbereitung

          Und was Gerald Hönig sagt, klingt nach Optimismus: „Die Laura arbeitet hier sehr fokussiert, sehr detailversessen, aber nicht verkrampft“, sagt er, „und wenn sie das im Wettkampf mit einem Schuss Lockerheit rüberbringen kann, dann. . .“ Der Satz bleibt unvollendet, aber er erhält weiteres Gewicht, wenn er sagt: „Dieses Abschlusstraining sollte ihr Zuversicht geben.“ Schießen perfekt, Laufen tadellos.

          Laura Dahlmeier hat ihn ja in bester Erinnerung, diesen Kunstschnee-Kurs auf 750 Meter Seehöhe mit seinen knackigen Anstiegen und seinem schwierigen Schießstand, in den bisweilen heimtückisch der sibirische Wind hineinfährt.

          Bei der Olympia-Generalprobe im vergangenen Winter hat sie sich mit ihren Siegen im Sprint und in der Verfolgung im Hinblick auf Olympia ein „gutes Gefühl“ verschafft. Diese „positiven Erfahrungen“ könnten sich in einer Saison, in der die 24 Jahre alte Biathletin aus dem Werdenfelser Land bisweilen ins Grübeln und vielleicht sogar in Selbstzweifel verfallen ist, als umso wichtiger erweisen. Wichtig für das Selbstbewusstsein, das zwischendurch gelitten hat.

          Die große deutsche Medaillenhoffnung

          Aber egal, was sie anstellt: Laura Dahlmeier bleibt die große deutsche Medaillenhoffnung. Kein Vergleich zu Sotschi vor vier Jahren, als sie als Debütantin im Kaukasus vor allem Erfahrung sammeln durfte, manchmal auch sehr schmerzhafte. Aber sehr lehrreiche. „Natürlich ist mein persönlicher Anspruch diesmal ein anderer, aber das sind auch die Erwartungen von außen. Das ist eine Rolle, die ich mir so nicht gewünscht habe.“ Aber was soll sie machen? Läuft es super, wie vergangene Saison, steht sie im Mittelpunkt, läuft es nicht so rund, wie bisweilen in diesem Winter, ist das Interesse womöglich noch größer.

          Man hat ihre Unruhe gespürt. Die Unruhe, die eine befällt, für die das Siegen zur Gewohnheit geworden war, weil sie im Flow durch eine Saison gerauscht war, an deren Ende fünf WM-Titel und der Gewinn des Gesamt-Weltcups standen. Eine Saison, in der ihr alles mit frappierender Selbstverständlichkeit zuflog, selbst wenn sie sich bis zur Erschöpfung trieb. So ein Gefühl der Unantastbarkeit.

          Und wenn sie sich am Schießstand aufbaute, dann ließ diese dominante Körpersprache die Konkurrenz innerlich schon zusammenzucken, bevor der erste Schuss gefallen war. Nach dem Motto: Ihr könnt machen, was ihr wollt – an mir kommt ihr nicht vorbei. Gerade die WM in Hochfilzen war wie ein wunderbarer Winterrausch. Und obwohl jeder wusste, dass man so etwas kaum wiederholen kann, was auch Laura Dahlmeier oft genug betonte, scheint sich doch dieses Bild der Dominanz verfestigt zu haben. Und es wurde zu einer Bürde.

          „Sie hat so ein hohes Potential“

          Denn als dann tatsächlich der kleine Einbruch kam, für den es objektive Gründe gab, weil die beiden Infekte eben Spuren hinterließen, da schien die erfolgverwöhnte Bayerin darauf nicht vorbereitet. In Hochfilzen, beim verspäteten Einstieg in den Weltcup, flossen nach Platz zehn in der Verfolgung Tränen, obwohl niemand Wunderdinge nach der Krankheit von ihr erwartet hatte.

          Außer sie vielleicht selbst. Hönig war selbst dann nicht beunruhigt, als die Formkurve ein paar untypische Ausschläge zeigte. „Sie hat so ein hohes Potential – auch physisch. Es ist ja verwunderlich, wenn bei ihr mal so eine unplanmäßige Pause kommt, wie schnell sie wieder da ist“, sagt er. Aber er hat sehr wohl registriert, dass seine Meister-Biathletin mit der neuen Situation nur schwer zurechtkam: „Sie hat noch nie mit Niederlagen umgehen müssen. Sie ist mit dem Jet durch die Biathlon-Jahre geflogen“, sagt Hönig und erinnert an die vergangenen Weltmeisterschaften: zwei Medaillen 2015, fünf Medaillen 2016, fünf WM-Titel plus einmal Silber 2017, was kaum zu toppen ist.

          „Und wenn dann das erste Mal so eine leichte Delle kommt, dann ist das schwierig.“ Im Laufe der Saison hat sich Laura Dahlmeier besser auf vermeintliche Enttäuschungen eingestellt – oder sie zumindest besser nach außen verkauft. Hat versucht, sich vom Resultat zu emanzipieren. „Es ist unheimlich schön, Biathlon zu machen. Natürlich macht es mehr Spaß, wenn man Erfolge feiern kann. Aber wenn ich jetzt das nächste Mal auf dem Podium stehe, kann ich das wieder ganz anders genießen als im letzten Jahr, als ich so einen Lauf hatte.“

          Was sich tatsächlich im Kopf seiner besten Biathletin abspielt, das vermag auch Hönig nicht in letzter Konsequenz einzuschätzen. „Laura ist mittlerweile so ein Profi, dass sie das ein oder andere auch mal überspielt.“

          Aber ihr großes Potential ist immer wieder aufgeblitzt. Mit einem Sieg in Le Grand-Bornand etwa, kurz vor Weihnachten, vor allem aber zuletzt in Antholz, beim letzten Weltcup vor den Spielen. Da hat Hönig, gerade was die Körpersprache angeht, wieder die alte Laura Dahlmeier gesehen. In Pyeongchang auch – aber bislang eben nur im Training.

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