https://www.faz.net/-hfn-aek29

Annika Schleu zu Olympia-Drama : „Ich habe nicht mit so viel Hass gerechnet“

  • Aktualisiert am

Erst das Drama, dann die Tränen, dann die Hasskommentare: Annika Schleu Bild: AFP

Das Olympia-Drama um Fünfkämpferin Annika Schleu sorgt für teils heftige Reaktionen. Sie weist den Vorwurf der Tierquälerei weit von sich. Nach den Hasskommentaren zieht sie Konsequenzen.

          4 Min.

          Die Moderne Fünfkämpferin Annika Schleu ist nach ihrem Olympia-Drama in Tokio von der Heftigkeit der Reaktionen überrascht. „Ich habe nicht damit gerechnet, dass so etwas auf mich zukommt“, sagte die 31-Jährige der Deutschen Presse-Agentur. Sie hatte in Tokio nach zwei Disziplinen auf Goldkurs gelegen, ehe das ihr zugeloste Pferd mehrfach verweigerte. Schleu setzte auf Aufforderung von Bundestrainerin Kim Raisner die Gerte ein, dafür gab es heftige Kritik. Im Interview schildert die Berlinerin, wie sie die Szenen erlebt hat, was sie zur Kritik an Raisner sagt und wie sie mit den teils heftigen Kommentaren und Beleidigungen im Internet umgeht.

          Wie haben Sie den Wettkampf und die Situation erlebt?

          Das Schicksal hat seinen Lauf genommen, als ich vorher gesehen habe, dass die andere Sportlerin schon drei Verweigerungen mit meinem Pferd kassiert hat. Wir hatten dann die Hoffnung, dass ich ein Ersatzpferd nehmen kann. Das wäre für uns natürlich einfacher gewesen als mit einem Pferd, das schon Stress im Parcours erlebt hat. Diese Chance gab es leider nicht. Die Besitzerin meines Pferds hat mir dann Tipps gegeben, das habe ich mir alles zu Herzen genommen, das hat auch sehr gut funktioniert auf dem Abreiteplatz, so dass ich eigentlich relativ selbstbewusst in den Wettkampf gegangen bin.

          Und was passierte dann?

          Ich habe dann aber gemerkt, dass das Pferd total abgeblockt hat und gar nicht richtig wollte. Ich habe versucht, mit einer leichten Hand – ich war nicht mit der Hand doll vorne am Maul dran – auch mit den Beinen und mit der Stimme das Pferd vorwärts zu bekommen, dass es überhaupt in den Parcours reingeht. Es wollte aber gar nicht mehr aus der Ecke gehen. Leider habe ich in dieser Stresssituation – auf Platz eins bei den Olympischen Spielen – vielleicht etwas schneller die Nerven verloren und angefangen zu weinen. Ich habe dann versucht, die Gerte einzusetzen.

          War das in diesem Moment vielleicht ein Fehler?

          Ich denke nicht, dass es in einer Art und Weise war, wie es nicht auch Reiter machen würden, um einem Pferd Gehorsam beizubringen und es zu überzeugen, in den Parcours reinzugehen. Da sind diese Bilder entstanden. Ich fühle mich natürlich schon angegriffen, wenn gesagt wird, dass ich unmenschlich bin, wenn Vorwürfe der Tierquälerei geäußert werden. Ich bin nach bestem Gewissen mit dem Pferd umgegangen. Es war schon klar, dass man etwas konsequenter werden muss, aber ich war zu keiner Zeit grob.

          Ist Ihnen so etwas schon häufiger in Wettkämpfen passiert?

          Das ist mir so noch nie passiert. Natürlich hat man immer mal Ritte, die nicht so gut sind. Aber dass das Pferd wirklich gar nicht wollte, das habe ich selten erlebt. Es hat sich aber für mein Gefühl schon etwas angedeutet. Eine Verweigerung des Pferds, überhaupt den Parcours weitermachen zu wollen, deutet ja auf größeres Unwohlsein bei dem Pferd hin, als wenn es einen Sprung verweigert.

          Sie haben bei Olympia geführt und waren auf Goldkurs – war diese Situation für Sie deshalb besonders bitter?

          Es war schwierig für mich. Ich hätte gerne ein Ersatzpferd genommen. Aber nachdem dann auf dem Abreiteplatz alles so harmonisch war, habe ich damit gerechnet, dass es anders laufen wird. Die Panik des Pferdes kam in dem Moment, als die Kameras auf uns gerichtet waren. Bis dahin lief alles nach Plan.

          Weitere Themen

          Die bunte Provokation

          Schwul, lesbisch, katholisch : Die bunte Provokation

          Thomas Pöschl hat gelernt, seinen Glauben und seine Homosexualität zu vereinbaren. Seine Kirche kann das auch nach 30 Jahren nicht. Wie eine queere Gemeinde dennoch ihren Platz in der katholischen Kirche sucht.

          Topmeldungen

          Julian Reichelt am 30. Januar 2020 auf einer Messe in Düsseldorf

          Bild-Chef Julian Reichelt : Sex, Lügen und ein achtkantiger Rauswurf

          Erst bringt die New York Times eine Riesenstory über Springer. Vorher stoppt der Verleger Ippen eine Recherche über den Bild-Chef Reichelt. Der ist seinen Job plötzlich los. Er hat wohl den Vorstand belogen. Die Chaostage sind perfekt.
          Antje Rávik Strubel, Gewinnerin des Deutschen Buchpreises 2021, am Montagabend in Frankfurt

          Deutscher Buchpreis 2021 : Die abgeklärte Kämpferin

          Exzellente Wahl: Antje Rávik Strubel erhält für ihren Roman „Blaue Frau“ den Deutschen Buchpreis. Aus ihren Dankesworten war eine große Sicherheit zu spüren, diesen Preis verdient zu haben: als Lohn für eine Kampfansage.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.