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Siebenkämpferin Schäfer : Das Lächeln ist wieder da

  • -Aktualisiert am

Nicht mehr so dicht an die Linie: Auch mit dem Speer macht es Carolin Schäfer anders. Bild: Wolfgang Birkenstock

Neue Trainer, neue Techniken: Carolin Schäfer hat „alles um 180 Grad gedreht“ und nimmt für den Siebenkampf einen neuen Anlauf. Persönliche Stimmung und erste Resultate sind vielversprechend.

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          Daran, dass ohne die Coronavirus-Krise an diesem Freitag die Olympischen Spiele in Tokio begonnen hätten, verschwendet Carolin Schäfer keinen Gedanken mehr. „Ich habe damit abgeschlossen“, sagt die Siebenkämpferin der LG Eintracht Frankfurt. Die Verschiebung sei ihr entgegenkommen. „Ich habe damit ein Jahr gewonnen.“ Im vergangenen Herbst hatte die 28-Jährige die Weltmeisterschaft in Doha wegen einer Knieverletzung ausgelassen. Kurz darauf gab die Silbermedaillengewinnerin von 2017 bekannt, sich nach acht Jahren von Trainer Jürgen Sammert zu trennen und bei den Eltern von Zehnkampf-Weltmeister Niklas Kaul, Michael und Stefanie Kaul, einen Neuanfang zu wagen. „Wir haben alles um 180 Grad gedreht“, sagt Carolin Schäfer.

          Das soll ihr eine größere Chance auf das angestrebte Edelmetall in Asien im nächsten Jahr eröffnen. In sämtlichen Disziplinen wurden ihre Techniken verändert oder umgestellt. So läuft sie beim Speerwerfen nicht mehr so nahe an die Linie heran, um besser nach vorne mit dem Fluggerät mitgehen zu können, statt ihre Geschwindigkeit bremsen zu müssen. Im Kugelstoßen, wo sie 2018 in Götzis keinen gültigen Versuch verbuchte, ist sie zum besser zu kontrollierenden Angleiten zurückgekehrt, einer Technik, die die Bad Wildungerin zuletzt als Jugendliche pflegte. Beim Hochsprung drückt sie sich weiter entfernt von der Latte ab.

          Derartige Veränderungen von teilweise jahrelang eingefahrenen Bewegungen funktionieren nicht von heute auf morgen. „Es ist ein Prozess“, sagt Carolin Schäfer. Dass sie nun noch ein Jahr unbelastet von großem Druck experimentieren und daran arbeiten kann, dass das Neue zur Routine wird, dass sie nicht mehr bei jedem Versuch über Grundsätzliches nachdenken muss, das lässt die Europameisterschaftsdritte von 2018 entspannen. Sowohl körperlich als auch mental stellten die vergangenen Monate auch ohne wichtige Wettkämpfe eine hohe Belastung dar. Früher war Carolin Schäfer alles andere als eine Läuferin und tat sich beim 800-Meter-Rennen am Ende eines Siebenkampfs schwer. Zum Aufwärmen drehte sie im Training gerade mal zwei Runden und brachte einmal im Monat fünf Kilometer hinter sich. Eine doppelt so lange Strecke habe sie sich gar nicht vorstellen können. Heute stehen selbst während einer aktiven Erholungswoche innerhalb von zwei Tagen 15, 16 Kilometer auf dem Plan, und eine Einheit in der Gruppe beginnt mit einem ersten Vergleich mit den Männern über 3000 Meter.

          Der Erwerb noch besserer Grundlagen soll ihr helfen, Mehrkämpfe leichter wegzustecken, schneller zu regenerieren, um auch am zweiten Tag eines Siebenkampfs noch frisch zu sein. Zweifel daran, dass ein solcher Umbruch vor allem im technischen Bereich nicht die erhofften Fortschritte bringen könnte, hegt sie nicht. „Mich überzeugt das Gesamtkonzept“, sagt die Sportlerin. Die Trainer, die ihren eigenen Sohn schon in allen Altersklassen zu WM- und EM-Gold führten, „strahlen so viel Selbstvertrauen aus“, zudem funktioniere die Kommunikation. Sie selbst habe bei ihrer Leidenschaft wieder das Lächeln im Gesicht, das sie zuvor vermisste. Im Wettkampf muss sich das neue Gespann noch aneinander gewöhnen. „Sie müssen sehen, wie ich ticke, wie ich Hinweise umsetzen kann.“

          Zwei erste Starts in diesem Sommer hat Carolin Schäfer schon hinter sich. In Heidesheim flog ihr Speer auf 50,54 Meter, mit der Kugel kam sie auf 13,84 Meter. Am vergangenen Wochenende folgte der Sieg beim Deichmeeting in Neuwied, bei dem sie in vier Disziplinen, die „wie am Fließband ohne Pause abliefen“, auf 3807 Zähler kam. „Ich muss in diesem Jahr so viel Wettkampfpraxis wie möglich sammeln“, sagt Carolin Schäfer. Da die gewohnten Treffen der Allrounder auf internationaler Ebene ebenso wie die Europameisterschaften in Paris der Pandemie zum Opfer gefallen sind, stellen die deutschen Mehrkampfmeisterschaften vom 21. bis 23. August in Vaterstetten für sie die wichtigste Standortbestimmung in diesem Jahr dar. Zuvor will sie bei den nationalen Titelkämpfen in den Einzeldisziplinen Anfang des Monats in Braunschweig über die Hürden antreten.

          Gedanken darüber, dass die Spiele in Japan noch einmal verschoben oder sogar abgesagt werden könnten, macht sich die Olympiafünfte von 2016 nicht. „Ich bin eine Sportlerin, die sich an Tatsachen hält“, betont die vom Dienst freigestellte Polizeikommissarin. In diesem Fall lauten diese, dass die Eröffnungsfeier von Tokio für den 23. Juli 2021 anberaumt ist.

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