https://www.faz.net/-gtl-ag9ot

Joshua von Usyk entthront : Champion im Unterlassen

  • -Aktualisiert am

Furchtloser Fighter: Usyk treibt Joshua vor sich her Bild: dpa

Er verliert erst den Glauben an sich und dann seine WM-Titelsammlung: Anthony Joshua scheitert auf seinem Weg zur Vereinigung aller großen Schwergewichtsgürtel krachend.

          2 Min.

          Das Feuerwerk kam ein wenig früh. Es funkelte und blitzte knallbunt, als Anthony Joshua am vorgerückten Samstag im Tottenham Hotspur Stadium an den Boxring paradierte. Aus den Lautsprechern dröhnte „Ambitions“, ein Song von Maulo, dem britischen Hip-Hopper mit ähnlich afrikanischen Wurzeln, während der Weltmeister dreier großer Verbände (WBA, WBO, IBF) unterwegs noch Zeit fand, links und rechts in die Ränge zu grüßen. Wer wollte, konnte das richtig cool finden und glauben, dass hier ein imposant wirkender Modellathlet mal eben seine Championgürtel verteidigen geht. Wer abwartete, wusste es eine dreiviertel Stunde später besser: Hier versuchte einer offenbar die Zweifel an seiner Mission abzuschütteln –indem er sie einfach überspielt.

          Londons Nordwesten war früher der Ort, an dem der 31 Jahre alte Nachfahre nigerianischer Zuwanderer mit seinen Buddies die angesagten Clubs aufmischte – oft genug mit den einschlägigen Nebenwirkungen. Vor dem Hintergrund inszenierten dessen Promoter Eddie Hearn und seine Helfer die 26. Arbeitsschicht des Schwergewichts als eine Art Heimkehr. Als Boxer wie als Familienvater gereift, sollte der strahlende Werbeträger die neue Arena der Spurs in sein Wohnzimmer verwandeln. Tatsächlich kamen dann auch über 66 000 Fans, um den letzten Aufgalopp vor dem rein britischen Megafight zwischen Joshua und Tyson Fury, Weltmeister des WBC, als Party zu erleben. Ihr Lärm versiegte zusehends, weil dieses Halbfinale vor dem Endspiel krachend verlorenging.

          Schuld daran war zum einen der um drei Jahre und über 300 Amateurkämpfe erfahrenere Aleksandr Usyk: ein furchtloser Faustkämpfer aus Kiew, der sich weder von seinen physischen Nachteilen gegenüber dem sieben Zentimeter größeren Titelverteidiger noch von der krass patriotischen Stimmung vor Ort beeindrucken ließ. Der Emporkömmling, der im Cruisergewicht bereits alle Titel auf sich vereinigte, fand in jeder Sekunde dieses Vergleichs zweier Olympiasieger von 2012 (Usyk im Schwer-, Joshua im Superschwergewicht) die für ihn perfekte Distanz. Blieb nah genug dran, um den Titelverteidiger unter Druck zu setzen, und im nächsten Moment doch außer Reichweite für jedwede Treffer. Das hatte viel mit bestechender Beinarbeit und glänzenden Reflexen zu tun.

          Der neue Box-Champion: Oleksandr Usyk jubelt über seine Sieg
          Der neue Box-Champion: Oleksandr Usyk jubelt über seine Sieg : Bild: dpa

          Zum anderen trug Joshua aber auch selbst erheblich zur zweiten Niederlage in seiner Profi-Laufbahn (24 Siege) bei. Wer ihn an seinen besten Kämpfen maß, fühlte sich an diesem Abend phasenweise zu einer Unterlassungsklage hingerissen. Die kurzen Jabs mit der Führhand kamen längst nicht im gebotenen, kurzen Intervall. Die Schläge mit der Rechten, einschließlich dem gefürchteten Uppercut, blieben schlecht getimte Versuche. Das hatte viel mit schwacher Beinarbeit und wenig Flexibilität zu tun. Auch würde man gern erfahren, welcher Game Plan zwischen „AJ“ und Robert McCracken, seinem Coach seit alten Amateurtagen, eigentlich verabredet war. Kaum vorstellbar, dass der erfahrene Coach, der im August noch die britischen Boxer bei Olympia betreute, dem Musterschüler zu so viel Passivität geraten hat.

          Die ersten vier Runden waren jedenfalls schon mal weg, bis Joshua etwas besser in den Kampf kam. Da blitzte für zwei, drei Runden etwas von der Power auf, die ihn zu einem der gefürchtetsten Puncher im Königslimit machen. Nach dem achten Durchgang aber ließen die Kräfte und mit ihnen auch der Glaube an sich selbst zusehends nach, während Usyk die Schlagzahl noch mal erhöhte. Am Ende hatte es der 1,98 Meter große Modellathlet wohl nur dem allzu raschen Zeitnehmer zu verdanken, dass er, restlos ausgepumpt, unter Usyks finalem Schlaghagel nicht gar noch k. o. ging. Das Verdikt der drei Punktrichter zugunsten des Herausforderers (117:112, 116:112, 115:113) fiel denn auch zur Erleichterung unvoreingenommener Beobachter einhellig aus.

          Damit hat sich der weiter ungeschlagene Usyk (19 Siege) als neue Größe auf dem obersten Deck dieses Kreuzfahrtdampfers namens Schwergewichtsboxen etabliert: Einer, der schon in zwei Wochen, wenn Tyson Fury noch mal auf Deontay Wilder trifft, für alle nachfolgenden „Megafights“ in Frage kommt. Joshua hingegen wird sich eventuell darauf besinnen, erst mal zu liefern, bevor er es krachen lässt. Auf sein Team kommt viel Arbeit zu.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Zieht sich vorzeitig von der Bundesbank-Spitze zurück: Jens Weidmann

          Europas Geldpolitik : Das Ende einer Ära

          Mit dem Abschied Jens Weidmanns findet die Tradition der Bundesbank in der europäischen Geldpolitik sichtbar einen Abschluss. Künftig dürfte sich die EZB noch mehr der amerikanische Vorstellung auf diesem Feld annähern.
          Hat vor dem Flug nach Amerika noch etwas zu sagen: Mathias Döpfner

          Döpfner zum Fall Reichelt : Vor dem Abflug

          Kurz vor seinem Abflug nach Washington, den Mathias Döpfner antrat, um den Kauf der Mediengruppe Politico zu besiegeln, wandte sich der Springer-Chef mit einer Videobotschaft an seine Mitarbeiter. In ihr geht es um den gekündigten Bild-Chef Julian Reichelt – und um ihn selbst.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.