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Klassiker Eschborn-Frankfurt : Degenkolb kommen nur kurz die Tränen

  • -Aktualisiert am

Das Siegertreppchen beim Radklassiker Eschborn-Frankfurt: Degenkolb, Philipsen und Kristoff (v.l.n.r.) Bild: dpa

Vor zehn Jahren hatte John Degenkolb sein Heimrennen zuletzt gewonnen, nun kam er dem Sieg wieder ganz nah. Doch einer war schneller. Deswegen kamen dem Oberurseler kurz die Tränen, am Ende überwog die Freude.

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          Es hätte die ganz große Geschichte werden können. Und er hatte ganz fest vor, sie zu schreiben. „Eine positive Nervosität ist da. Ich bin zuversichtlich, gut drauf“, hatte John Degenkolb einen Tag vor dem Rennen Eschborn–Frankfurt noch gesagt. Vor zehn Jahren, als der Radklassiker sich zum 50. Mal jährte, hatte er den Sieg davongetragen, nun, zehn Jahre später, wollte der Oberurseler wieder ganz oben stehen. „Wenn du weißt, dass es bei dir zu Hause vorbeigeht, wird extra Energie freigesetzt“, sagte er.

          Kim Maurus
          Volontärin.

          Und Degenkolb setzte diese Energie am Sonntag frei. 300 Meter vor dem Ziel zog er an die Spitze des Radprofi-Schwarms, der bis dahin noch alles offen gelassen hatte. Doch er war ein Tick zu früh. Der Belgier Jasper Philipsen vom Team Alpecin-Fenix kostete seinen Windschatten für ein paar Sekunden aus, dann überholte er. Degenkolb kam als Zweiter ins Ziel, gefolgt vom viermaligen Eschborn–Frankfurt-Sieger Alexander Kristoff aus Norwegen. Titelverteidiger Pascal Ackermann kam auf Platz fünf.

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          Hinter der Ziellinie an der Alten Oper fiel Degenkolb seiner Mutter in die Arme, die Tränen liefen, er war untröstlich ob dieser so knapp verpassten Chance. Der Fernsehreporter wartete länger als üblich, bis er ihn vor die Kamera holte. „Der Druck war groß, doch eben allen zu beweisen, dass ich es noch draufhabe“, sagt der 32-Jährige dann, etwas gefasster. „Und dann ist man eben auch enttäuscht, wenn es nur der zweite Platz ist. Es war der pure Kampf.“

          Tatsächlich war seine extra Energie nötig gewesen, um überhaupt so weit nach vorne zu kommen. In der Pressekonferenz wenige Minuten nach dem emotionalen Ende des Rennens sagte er: „Ich hatte zwischendurch immer wieder Wadenkrämpfe“, immer wieder habe er die Beine ausstrecken müssen. Dann, 300 Meter vor dem Ziel, habe er alles in eine Waagschale geworfen. Er könne sich über den zweiten Platz freuen und überhaupt auf alles, was in den nächsten Wochen noch auf ihn warte. Der Widerspruch zu den Szenen kurz zuvor machte deutlich, wie es um seine Gefühlswelt stand. Aber auch, dass sein Kämpfergeist nicht gebrochen war. „Ich freue mich riesig darauf, dort Aufgaben zu übernehmen“, sagte Degenkolb über die am kommenden Sonntag anstehende Straßen-WM in Belgien.

          Wieder ein Belgier: Jasper Philipsen jubelt über seinen Erfolg in Frankfurt.
          Wieder ein Belgier: Jasper Philipsen jubelt über seinen Erfolg in Frankfurt. : Bild: dpa

          Es ist der Corona-Pandemie zu verdanken, dass diese beiden Rad-Events nur sieben Tage auseinander liegen. 2020 war das hessische Rennen ersatzlos gestrichen worden. Im Jahr 2021 hatten die Veranstalter zunächst am Traditionstermin 1. Mai festgehalten und mussten es dann wegen der Bestimmungen der Landesregierung auf den 19. September verschieben.

          20 Teams gingen am Sonntag an den Start, 16 davon waren zuvor bei der Tour de France gefahren. 13 WorldTour-Teams sahen den ungewöhnlichen Termin als Einstimmung für die Straßen-Weltmeisterschaft und schickten ihre erste Besetzung zum Rennen. So viel Elite hatte es bei dem hessischen Radklassiker noch nie gegeben. Zeitgleich fand das Einzelzeitfahren der Weltmeisterschaft statt, weshalb der in Eschborn aufgewachsene Tony Martin fehlte. Eine Rückkehr auf Hessens Straßen ist ausgeschlossen, der Profi verkündete vor seinem Start am Sonntagmittag sein Karriereende nach der Rad-WM.

          Degenkolb am Mammolshainer Stich: Die Steigung von in der Spitze 23 Prozent macht den Fahrern durchaus zu schaffen.
          Degenkolb am Mammolshainer Stich: Die Steigung von in der Spitze 23 Prozent macht den Fahrern durchaus zu schaffen. : Bild: dpa

          Die 139 Fahrer in Frankfurt erwartete die gleiche Strecke wie beim zuletzt 2019 ausgetragenen Rennen. 187,5 Kilometer galt es zurückzulegen, 3200 Höhenmeter zu überwinden. Es ging den Feldberg hoch, den Mammolshainer „Stich“ etwa mussten die Profis gleich viermal bewältigen, dazwischen lagen lange Streckenabschnitte, zäh wie Kaugummi.

          Dass es zweieinhalb Jahre dauerte, bis die 60. Ausgabe endlich ausgetragen werden konnte, schien die Motivation nur verstärkt zu haben. Favoriten jedenfalls hatte es im Vorfeld viele gegeben. Titelverteidiger Ackermann hatte sich tags zuvor noch gelassen gegeben. „Ich bin total entspannt, hatte zuletzt gute Beine und bin zuversichtlich für morgen“, sagte er. Gereicht hat es dann am Ende nicht einmal für das Treppchen.

          Auch Philipsen hatte zur engeren Auswahl mit Chance auf den Sieg gezählt. „Es war ein harter Tag da draußen“, sagte der Belgier am Abend nach seinem Erfolg. „Ich hatte im mittleren Teil des Rennens Schwierigkeiten, aber mein Team hat mich gepusht.“

          Alexander Kristoff, der das Frankfurter Rennen 2014, 2016, 2017 und 2018 gewonnen hatte, hielt sich kurz. „Jasper war einfach schneller“, sagte er. „Aber ich komme natürlich wieder, ich will das fünfte Mal gewinnen.“ Aller Voraussicht nach wird ihm das im kommenden Jahr wieder zum gewohnten Termin möglich sein. „Der erste Mai 2022 ist der Termin, den die UCI auch jetzt schon bekannt gegeben hat“, sagte Rennchef Claude Rach. Alle Veranstaltungen sollen dann demnach wieder stattfinden, in diesem Jahr hatten etwa die U23- und U19- Rennen gestrichen werden müssen. Zudem denke man über Angebote für die Alltagsradler nach. „Warum nicht auch die Runde einmal der Bevölkerung zur Verfügung stellen und Frankfurt autofrei erleben?“ Er wolle dazu ins Gespräch mit den Städten kommen.

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