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Kristina Vogels neues Leben : „Früher war es nur Radsport“

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„Wenn ich gebraucht werde, bin ich da“: Kristina Vogel Bild: dpa

Auch wenn Kristina Vogel selbst auf der Bahn nicht mehr mitwirken kann, bleibt die Rekordweltmeisterin weiter im Rampenlicht. Sie sprüht vor Tatendrang – ob als Expertin, Politikerin oder Gastrednerin.

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          Im kurzen Werbefilmchen ist sie natürlich das Gesicht der WM. „Bahnradsport ist geil“, ruft Kristina Vogel und soll als Botschafterin Appetit auf die am Mittwoch beginnenden Titelkämpfe im Berliner Velodrom machen. Wenn das ZDF oder der hauseigene Kanal des Weltverbandes UCI während der Rennen auf Sendung gehen, ist ihre Stimme zu hören. Und sollten die jungen Sprinterinnen mal eine Frage haben, steht die einstige Grand Dame des Bahnradsports als Ratgeberin bereit. Alles wie früher halt. Vogel bleibt im Mittelpunkt, auch wenn die zweimalige Olympiasiegerin und Rekord-Weltmeisterin nach ihrem tragischen Unfall im Juni 2018 nicht mehr selbst in die Pedale treten kann.

          Bewundernswert geht die querschnittsgelähmte Vogel mit ihrem Schicksal um, die 29-Jährige sprüht weiterhin vor Energie und Tatendrang. „Der Kalender ist voll. Manchmal weiß ich gar nicht, wann ich mal trainieren soll“, sagt Vogel der Deutschen Presse-Agentur und fügt hinzu: „Das ist aber auch schön, weil es diverse Themen sind - von roten Teppichen bis zu Vorträgen. Als Athlet hatte ich niemals die Chance, solche Sachen zu machen. Früher war es nur Radsport.“

          Heutzutage sind es Fraktionssitzungen im Erfurter Stadtrat, Vorträge als Gastrednerin, Empfänge bei diversen Anlässen oder Einladungen bis nach Australien. Vogel ist berühmter als zu ihrer aktiven Zeit, als sie die Konkurrenz auf dem Holzoval nach Belieben dominierte. Auch bei der Bundespolizei ist sie wieder im Einsatz, aktuell hospitiert sie als Trainerin. Von Vorruhestand will die Erfurterin nichts wissen, auch wenn „Streife laufen nicht mehr funktioniert“.

          Mit dem Bund Deutscher Radfahrer hat sich bislang keine Zusammenarbeit ergeben, als Ratgeberin steht sie aber zur Verfügung. „Wenn ich gebraucht werde, bin ich da“, sagt Vogel. Hilfe, die die erst 20 Jahre alte Sprint-Hoffnung Lea Sophie Friedrich gerne annimmt: „Ich hole mir auf jeden Fall Tipps, weil sie eine Riesen-Sportlerin war, mental megastark und auch taktisch gut. Die Gegnerinnen, die jetzt da sind, die kennt sie auch noch.“ Friedrich und Emma Hinze sollen bei der WM das schwere Erbe von Vogel und der zurückgetretenen Miriam Welte antreten. „Sie können eine Medaille holen, auch bei Olympia“, sagt Vogel, die Vergleiche ablehnt. „Ich bin ich. Jeder hat einen eigenen Charakter, eigene Voraussetzungen.“

          Als TV-Expertin verfolgt Vogel das Geschehen auf der Tribüne. Sie wolle dem Zuschauer erklären, was passiert, um die Sportart verständlicher zu machen. „Nach 18 Jahren habe ich das ein oder andere im Portfolio, was ich erzählen kann.“ Vogels Blickwinkel hat sich geändert, auch was die Politik betrifft. „Es ist schön, dass ich Demokratie auch mal anders kennenlernen darf und jetzt auch verstehe, warum Entscheidungen manchmal so lange dauern“, sagt die Powerfrau, die als Parteilose für die CDU in den Erfurter Stadtrat 2019 gewählt worden war. Sechs Tage ist sie im Monat inklusive Vor- und Nachbetrachtung beschäftigt. Sie tue alles dafür, dass man wieder mehr der Politik vertrauen könne, sagt Vogel, die aktuell in Thüringen stürmische Zeiten erlebt.

          Von Politikverdrossenheit will sie dabei nicht sprechen. „Wir haben etwas unheimlich Schönes gerade. Man kann inhaltlich zu Fridays for Future stehen, wie man möchte. Aber wir haben junge Leute, die rausgehen, ihre Meinung zeigen und Politik machen. Schöner kann es doch gar nicht sein.“ So pendelt Vogel zwischen Erfurt und Kienbaum, wo sie ihre Reha am Bundesleistungszentrum auch fortführen kann. Und zwischendurch bleibt sogar Zeit, ihre Liste mit verrückten Dingen abzuarbeiten. Zuletzt war sie mit dem Rollstuhl auf der Halfpipe. Typisch Vogel, die schon früher als Sportlerin keine Angst kannte.

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