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Berliner Handball-Talent Drux : Ein Versprechen namens Paul

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Wenn die Jungen die Schwächen der Stars kaschieren: Paul Drux beim Wurf Bild: Picture-Alliance

Im EHF-Pokal wollen die Handballer der Füchse Berlin an diesem Samstag gegen RK Velenje die Saison retten. Die Hoffnungen ruhen auf einem Gummersbacher Talent – das auf dem Weg zur Führungskraft ist.

          Der Chef erzählt, wie er sich das an diesem Wochenende so vorstellt. Paul Drux lauscht. Das dauert aber länger als die angekündigten „paar Worte“. Drux sitzt geduldig in seinem schwarzen T-Shirt mit ausgeleierten Ärmeln auf dem Stuhl und schweigt. Wenn Geschäftsführer Bob Hanning spricht, hören die meisten hier in der Trainingsanlage „Füchse Town“ im Berliner Sportforum zu. Da macht Hannings Lieblingsschüler keine Ausnahme.

          Es ist ja auch ziemlich schmeichelhaft, was Hanning über den 20 Jahre alten Profi sagt. „Wahnsinn, was die Jungen hier gerade leisten“, urteilt Hanning mit Blick auf das Kommende, „jetzt müssen aber auch die Alten mal helfen.“ Zuletzt konnte der Rückraum mit Rechtshänder Paul Drux und Linkshänder Fabian Wiede (21 Jahre) die Schwächen der Stars Iker Romero, 34 Jahre, und Konstantin Igropulo, 30, halbwegs kaschieren. Auf die Dauer ist das schwierig. Da braucht man die Mischung.

          Drux ist die bestaunte Ausnahme

          Die Füchse wollen eine enttäuschende Saison retten – im „Final Four“ des EHF-Pokals in heimischer Halle warten die Slowenen aus Velenje an diesem Samstag (17.30 Uhr) im Halbfinale. Der Gegner im Endspiel (oder im Spiel um Platz drei) heißt dann einen Tag später HSV Hamburg oder Skjern aus Dänemark. Der Titel in der kleineren europäischen Spielrunde soll her, und Paul Drux wird derjenige sein, auf dem die Hoffnungen ruhen. Dabei ist es seine erste Bundesligasaison.

          Drux will nicht zu viel machen aus sich und seinem bestaunten Weg vom Gummersbacher Talent zum Stammspieler in der Nationalmannschaft und Führungskraft im Verein. So viele deutsche Talente scheitern auf dem Weg von den Junioren zu den Männern, weil die vom ehemaligen Bundestrainer Heiner Brand „Anschlussförderung“ genannte Ausbildung zum Profi misslingt. Drux ist die bestaunte Ausnahme. Das Wunderkind?

          Ach was. Er findet eher, dass sich die Dinge in erstaunlicher Weise fügen. „Ich bin oft einfach reingeschubst worden, und es hat geklappt“, sagt er. „Ich habe in Dagur Sigurdsson einen Trainer, der mir vertraut und spiele in einem Verein, der es ernst meint mit dem Nachwuchs. So wächst man in die Verantwortung hinein. Aber ich bin 20, habe noch viel vor mir und versuche, immer besser zu werden.“

          Trainer Dagur Sigurdsson: „Er meint es mit dem Nachwuchs“

          Derjenige, der am meisten von ihm erwartet, stand gerade noch neben ihm und hat ihm zum Abschied väterlich auf die Schulter geklopft. Bob Hannings Projekt der olympischen Goldmedaille 2020 in Tokio fußt auf den Fähigkeiten des Paul Drux. Er kennt ihn seit 2011 aus dem Füchse-Nachwuchs, hat ihn trainiert, gefördert, begleitet. Nun ist die intensive Hege und Pflege vorbei. Hanning hat als Vizepräsident des Deutschen Handballbundes (DHB) seine Macken und ist wegen seines Egoismus umstritten. Als Förderer hat er große Verdienste.

          Nun schaut er fasziniert zu, wie Drux wächst. In der Länge nicht mehr – schade eigentlich, findet Drux. Ein paar mehr als 192 Zentimeter würden neben seiner Wurfhärte und Durchsetzungskraft helfen, noch torgefährlicher zu sein. An Muskelmasse hat der offiziell 92 Kilogramm wiegende Athlet über die Jahre einiges aufgebaut. „Mir hilft da die Genetik“, sagt er, „außerdem esse ich gern. Handball ist ein Vollkontaktsport, da braucht man Masse.“

          Rasend schnell, auch neben dem Feld

          Gerade, wenn man ihn wie er als Balance aus Abwehr und Angriff begreift. Das würde wohl auch der derzeit beste Handballer so von sich behaupten, Nikola Karabatic. Schmunzeln muss Drux, als nun die erwartbare Frage kommt. Drux könne ein deutscher Karabatic werden, hat Hanning gesagt und ihn mit diesem Vergleich geadelt und belastet. Oder nicht? Drux sagt: „Das ehrt mich. Karabatic ist ein Riesen- Spieler. Aber ich muss noch ganz viel machen, um dahin zu kommen. Und mehr gibt es dazu auch nicht zu sagen.“

          Auch neben dem Feld läuft das Leben rasend schnell weiter. Das Abitur hat Paul Drux vor einem Jahr auf dem nahen Sportgymnasium mit einer Zwei vor dem Komma abgelegt. Jetzt hat er sich an der Beuth Hochschule für Technik in Wedding in Wirtschaftsingenieurwesen eingeschrieben. Er ist aus dem Internat in Hohenschönhausen in die eigene Wohnung nach Weißensee gezogen. Zwar fehlen ihm jetzt die spontanen Playstation-Abende mit den Freunden im Wohnheim, aber eine eigene Küche und ein eigenes Badezimmer sind eben doch handfeste Vorteile.

          Der Gegner der Berliner: RK Gorenje Velenje, hier im Spiel gegen den HSV Hamburg

          Paul Drux ist klug und reif genug, sich über „seinen“ Sport Gedanken zu machen, die über das Spiel hinaus reichen – aber in seiner geerdeten Art, dem Gesagten nicht mehr Bedeutung als notwendig beizumessen, sieht er sich bestimmt nicht als Problemlöser des deutschen Handballs. Wobei ihm bei der Weltmeisterschaft Anfang des Jahres in Qatar schon aufgefallen ist, wie eine attraktive Nationalmannschaft Motor einer beschleunigten Entwicklung sein kann. Selbstbewusst trat er da als 19-Jähriger im Rückraum auf und machte durch Tore und den Jubel mit hocherhobenen, gekreuzten Unterarmen auf sich aufmerksam. Die Geste war für die WM reserviert. Sie steht für das „X“ in seinem Namen.

          Ein Vorbild gibt es nicht, nur Eigenschaften

          Als Team überzeugte die DHB-Auswahl, und mit Blick auf die Heim-WM 2019 und die Spiele 2020 soll mehr kommen. Bezogen auf die Nationalmannschaft, sagt Drux: „Wir wollen als Verband etwas erreichen. Wir brauchen eine Vision, auch wenn sie vielleicht noch abstrakt klingt.“ Seine Vision? Spielmacher für Schwarz-Rot-Gold? Abwarten. Er schaut sich gern Dinge ab. Aron Palmarssons Schlagwürfe, Mikkel Hansens Sprungwürfe, die Professionalität eines Filip Jicha – ein Vorbild gibt es nicht, aber Eigenschaften, die er gern hätte.

          Er sagt: „Im Spiel muss ich Situationen besser erkennen und die richtigen Entscheidungen treffen.“ Es ist sein erstes Profijahr, und sein Vertrag bei den Füchsen endet 2019. Auf einen Berater verzichtet Drux bislang. Einen Karriereplan – naja, den habe er auch nicht so recht. Aber die Ziele, die ergeben sich ja von ganz allein, findet Paul Drux.

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