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Handball-Nationalmannschaft : Die Suche nach dem Mann für Furcht und Angst

Mann für die Zukunft: Tim Suton Bild: Reuters

„Voller Erfolg“ – mit Mängeln: Die WM-Analyse von Handball-Bundestrainer Christian Prokop zeigt, was seinem Team für den nächsten großen Schritt noch fehlt.

          Es sollte auch um die Zukunft gehen, und die hatte der Deutsche Handballbund (DHB) praktischerweise gleich mitgebracht. Sie saß in Person von Tim Suton auf dem Pressepodium in der Sportschule Kaiserau, gleich neben Christian Prokop, dem Bundestrainer. Suton, 22 Jahre alt, Rückraumspieler, gehört zu der Generation von Jungprofis, die die Eliteförderung durchlaufen haben, mit deren Hilfe der DHB Weltklassespieler hervorbringen will – „ein Spieler, dem die Zukunft gehören soll“, wie auch Prokop sagte.

          Aktuell steht Suton beim TBV Lemgo unter Vertrag, Bundesliga-Mittelklasse, am Samstag wird er sich wieder einer breiteren Öffentlichkeit vorstellen: Beim ersten Länderspiel seit der Heim-Weltmeisterschaft, in Düsseldorf gegen die Schweiz. Die Halle dürfte ausverkauft sein, was den DHB freut – ein Beleg dafür, dass das Interesse am Handball anhält, auch wenn der große Hype einen guten Monat nach dem Turnier, das für Prokops Team mit dem verlorenen Spiel um Platz drei endete, schon wieder ziemlich weit weg scheint.

          Als der Bundestrainer seine Mannschaft am Dienstag im funktionalen Sportschulen-Ambiente versammelte, ging der Blick zunächst noch einmal zurück: in jene Tage, in denen das deutsche Team auf großer Bühne das Publikum, aber auch sich selbst in einen emotionalen Ausnahmezustand versetzt hatte. Nun aber war Nüchternheit gefragt, mit „geschärftem Blick“ hatte Prokop die WM analysiert und stellte seine Ergebnisse vor. Alles in allem fiel das Fazit wie zu erwarten positiv aus. Es sei „im Großen und Ganzen ein voller Erfolg, eine tolle WM“ gewesen, sagte Prokop. Der nach der verpatzten EM 2018 eingeschlagene Weg werde weiter beschritten. Es sei aber auch zu sehen gewesen, dass „zur absoluten Weltspitze noch ein paar Prozentpunkte“ fehlten.

          „Eine Riesenerfahrung“

          Tim Suton konnte aus eigener Anschauung davon berichten, wie sich das auf dem Parkett angefühlt hatte im Halbfinale, dem 25:31 gegen Norwegen, das für viele, die sich hatten mitreißen lassen, wie ein jäher Partykiller wirkte, letztlich aber die Grenzen dieses Teams realistisch markierte. Die WM, sagte Suton, der für den verletzten Martin Strobel nachnominiert worden war, sei für ihn „eine Riesenerfahrung“ gewesen, gegen Norwegen aber habe auch er „gesehen, wo vielleicht noch eine Kleinigkeit fehlt“: Er hätte von seiner Position im zentralen Rückraum das Spiel „taktisch ein mehr steuern“ und „im Angriff variabler spielen“ können. Leicht gesagt, aber eben nicht so leicht getan für jemanden, der sein erstes großes Turnier spielt. Oder, wie Prokop sagte: „Er hat gesehen, was alles geht“, aber gegen Norwegen auch, „was vielleicht nicht geht“. Die Zukunft – sie hatte für Suton und das deutsche Team ein bisschen zu früh angefangen.

          Bundestrainer Christian Prokop wirbt für „Zeit und Geduld“

          Tatsächlich erwies sich Strobels Ausfall durch einen Kreuzbandriss gegen Kroatien als Handicap, das in der entscheidenden Turnierphase nicht mehr zu kompensieren war. Dass ohne ihn das Spiel „ein wenig an Geschwindigkeit und Struktur eingebüßt“ habe, war einer der Punkte in Prokops Mängelliste. Ein anderer war Cleverness, gerade an der hatte es in den hektischen Schlussphasen vorher schon gemangelt, gegen Norwegen aber fast von Anfang an.

          Cleverness – und Klasse, könnte man auch sagen. Denn wenn etwas deutlich wurde bei dieser WM, dann die Tatsache, dass bei aller Ausgeglichenheit des Kaders ein oder zwei Extrakönner fehlen. Spieler, die „aus dem Rückraum die sogenannten einfachen Tore erzielen und ein Spiel komplett in die Hand nehmen“, wie Axel Kromer das formuliert, der Sportvorstand des DHB. Spieler, die „international für Furcht und Angst sorgen“ – und wie Norwegen und Weltmeister Dänemark sie haben. So mag die deutsche Mannschaft in der Angriffsstruktur zwar „einen großen Schritt nach vorn gemacht“ haben. Der nächste große aber ist noch nicht unmittelbar in Sicht, auch wenn jetzt einige junge Spieler hineinschnuppern werden.

          Prokop warb deshalb auch um „Zeit und Geduld“. Als nächstes stehen die EM im Januar und, wichtiger, die Olympia-Qualifikation auf dem Programm. Er sei „ein Freund von realistischen Zielen“, sagte Prokop, und das wären – Stand jetzt – wieder Halbfinal-Teilnahmen. Mit dem Erfüllen dieser Vorgabe bei der WM hat der Bundestrainer seine Weiterbeschäftigung gesichert, aber dass er seine Kritiker noch nicht restlos überzeugt hat, zeigte sich auch am Dienstag. Er wurde mit unbequemen Fragen konfrontiert wie der nach der Rolle des zusätzlichen Feldspielers, ein Mittel, das – wie schon 2018 – am Ende einen bitteren Nachgeschmack zurückgelassen hatte.

          Selbst Kromer hat „Verständnis“ für die Sicht, dass es im Spiel um Platz drei vielleicht besser gewesen wäre, nach zwei, drei missglückten Versuchen darauf zu verzichten. Zu den nüchternen Wahrheiten gehörte, dass die Wurfquote auf Rechtsaußen nicht diejenige war, „die wir erhofft hatten“, namentlich durch Patrick Groetzki, für den Prokop kein Backup vorgesehen hatte. „Ich bin mit der Arbeit von Christian momentan sehr zufrieden“, sagt Kromer dennoch. Was man auch so verstehen konnte: Selbst wenn es Mängel waren – die entscheidenden lagen außerhalb von Prokops Macht.

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