https://www.faz.net/-gtl-8l2ps

Handballer Finn Lemke : Der nachdenkliche Riese

  • -Aktualisiert am

Bild: AP

„Finn ist ein Denker“ – diese Beschreibung ist sowohl als Lob wie auch Tadel zu verstehen. Denn dem Abwehrspieler standen seine Zweifel oftmals im Weg, beim SC Magdeburg soll er nun zur „Identifikationsfigur“ werden.

          3 Min.

          Das ewige Sinnieren, Analysieren und Bewerten kann auf dem Spielfeld eine ganz schöne Last sein. „Finn ist ein Denker“, hat Bennet Wiegert jüngst über seinen Abwehrchef Finn Lemke gesagt - und in diesem Satz schwangen Lob und Tadel gleichermaßen mit.

          Denn während Lemke mit seinen 210 Zentimetern Körperlänge und seinen krakenhaften Armen die gegnerischen Angreifer ins Zweifeln bringt, wirkt er vorn wie ein Fremdkörper im Spiel des Handball-Bundesligaklubs SC Magdeburg. „Er hat da noch keine Automatismen“, urteilte Experte Stefan Kretzschmar am vergangenen Mittwoch, als die Magdeburger im Supercup als Pokalsieger gegen den Meister Rhein-Neckar Löwen verloren, Lemke unglückliche Szenen aneinanderreihte und sich seinen ganz persönlichen Tadel von Wiegert abholte.

          Immerhin versuchte der 34 Jahre alte Coach, seinen längsten Feldspieler auf dessen angestammter Position im linken Rückraum einzusetzen - eine naheliegende Option, ist Lemke doch gelernter Rückraumspieler. Es nicht auszuprobieren, hieße gerade für die Magdeburger, Potential zu verschenken: Sie sind im linken Rückraum dünn besetzt. Doch es bleibt fraglich, ob Wiegert im Angriff geduldig bleibt mit dem Spieler, der neben Torwart Andreas Wolff zum Gesicht des deutschen Handballaufschwungs geworden ist. Am Samstag bei der 20:29-Niederlage in Mannheim bei den Löwen ließ er Lemke in der Offensive meist draußen.

          So richtig behagt hat dem 24 Jahre alten Lemke die Rolle des Shooters ohnehin nie. Manchmal wirkte es, als überforderten ihn die vielen Möglichkeiten, die sich im Angriff bieten. Seine Länge und die sich daraus ergebenden Optionen schienen wie ein Hemmschuh. Eher aus der Not heraus funktionierten sie den nahe Bremen geborenen Lemke beim TBV Lemgo zum Abwehrspieler um. Zusammen mit Hendrik Pekeler, auch so ein schweigsamer Riese, bildete er den Mittelblock beim TBV und half zum Klassenverbleib 2015.

          Er stand sich oft selbst im Weg

          Dann folgte der Wechsel nach Magdeburg. Weil die Hinrunde beim SCM nicht eben optimal für ihn verlief, war es eine ziemliche Überraschung, dass Nationaltrainer Dagur Sigurdsson ihn bei der EM in Polen zum Chef der Mannschaft beförderte. „Finn hat herausragende Qualitäten“, sagt Sigurdsson, „er muss nur an sich glauben.“ Zweifel gehören bei ihm aber zum Leben. Seit er 14 Jahre alt ist, kümmert sich Lemke in diversen Praktika um Behinderte. Das wahre Leben neben der Glamourwelt Profisport erdet ihn. In Magdeburg hat er ein Studium „Soziale Arbeit“ aufgenommen.

          Uwe Gensheimer, Finn Lemke und Patrick Wiencek (von links) erkämpfen sich bei den Olympischen Spielen die Bronzemedaille.

          Immer wieder hat sich Finn Lemke gefragt, ob das Dasein als Handballprofi das Richtige für ihn sei. Einerseits ist das eine wohltuende Reflektion in der harten Handballwelt. Andererseits stand sich Lemke oft selbst im Weg. Er hat in Wolfgang Sommerfeld einen Mentor gefunden, der ihm geholfen hat, auch die leichten Seiten des Lebens zu schätzen. Sommerfeld ist Sportdirektor beim DHB und kennt Lemke als Nachwuchsspieler. Sigurdsson war es dann, der Lemke einimpfte, dass Härte und Hingabe helfen können, übermächtige Gegner zu besiegen.

          Bei der EM wirkte es dann, als glaube Lemke so sehr an diese Vorgaben, dass buchstäblich keiner mehr an ihm vorbeikam. Bei Olympia näherte er sich dieser Qualität zumindest an. Auch dank Sigurdssons und Sommerfelds Hilfe befindet sich Finn Lemke also gerade im besten Jahr seiner Laufbahn. Der Titel in Polen, dann der DHB-Pokal mit dem SCM, zuletzt die Bronzemedaille in Rio.

          „Finn kann zur Identifikationsfigur werden“

          Doch wie es im Leistungssport so ist: Jetzt soll der nächste Schritt erfolgen. Lemkes Ausstrahlung im Magdeburger Trikot ist seit der EM eine andere geworden. Er steht seinen Mann im Mittelblock, hat deutlich Rückenwind bekommen. Das reicht jetzt nicht mehr. Trainer Wiegert braucht keinen Lemke, der sich nach gelungener Abwehraktion feiern lässt und auf die Bank verschwindet. Lemke soll es auch vorn richten, denn in Magdeburg haben sie große Ziele und wollen mehr erreichen als den enttäuschenden achten Platz der Vorsaison. „Finn kann bei uns zur zentralen Identifikationsfigur werden“, sagt Wiegert. Dafür muss er besser ins Angriffsspiel eingebunden werden. Trainer und Spieler wollen weiter daran arbeiten.

          Wie lange die Magdeburger Führung geduldig bleibt, ist eine Frage - die andere ist, ob das hinterlegte Angebot der Rhein-Neckar Löwen nicht doch eine sehr interessante Option für Lemke wäre. Sein Vertrag in Magdeburg endet mit Ablauf der Saison. In Mannheim könnte er an der Seite seines Spezis Pekeler decken. Andererseits fühlt sich Lemke sehr wohl in Magdeburg. Und schon hat der sanfte Riese wieder etwas, worüber er nachdenken kann.

          Weitere Themen

          Die nächste Dortmunder Show mit Haaland

          5:1 gegen Köln : Die nächste Dortmunder Show mit Haaland

          Die unglaubliche Geschichte geht weiter: Wieder kommt Erling Haaland spät ins Spiel, wieder trifft er fast nach Belieben. Beim Kantersieg über Köln zeigen aber auch andere Dortmunder ihr Können.

          Duvnjak-Show führt Kroatien ins Finale

          Handball-EM : Duvnjak-Show führt Kroatien ins Finale

          Was für ein Krimi! Kroatien und Norwegen brauchen bei der Handball-EM zwei Verlängerungen, bis ein Sieger feststeht. Ein Bundesligaspieler ist maßgeblich beteiligt, dass die Kroaten im Finale gegen Spanien stehen.

          Topmeldungen

          Helikopter über den Schweizer Alpen auf dem Weg nach Davos: In einem sitzt der amerikanische Präsident Donald Trump.

          Davos : Jahr der Megatrends

          In Deutschland besteht eine verhängnisvolle Neigung zu glauben, wer die Welt verändern wolle, müsse in erster Linie moralisieren. Die Wirtschaft ist aber nicht der natürliche Feind der Klimapolitik. Das zeigte sich gerade in Davos.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.