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Zehnkämpfer Behrenbruch : King im Ring

  • -Aktualisiert am

Dann doch in schwarz-rot-gold: Behrenbruch verzichtet auf der Ehrenrunde auf die estnische Flagge Bild: REUTERS

Pascal Behrenbruch hat sich im vergangenen Jahr mit seinen Trainern überworfen. Dieses Jahr wird er als erster Deutscher seit 41 Jahren Zehnkampf-Europameister - auch dank seines estnischen Mentors.

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          Von allen deutschen Teilnehmern bei den Leichtathletik-Europameisterschaften in Helsinki hatte der Frankfurter Pascal Behrenbruch den kürzesten Weg. Nur mal eben mit dem Schnellboot über den Finnischen Meerbusen, und schon nach knapp zwei Stunden war der Zehnkämpfer am Reiseziel. Dort angekommen dauerte es dann zwar noch zwei harte Wettkampftage, bis er an seinem sportlichen Ziel war, doch auch das erreichte der Hesse mit Wohnsitz Tallinn ohne Umweg: Europameister.

          „Es kann keiner sagen, dass ich den Titel geschenkt bekommen habe“, sagte Behrenbruch nach seiner souveränen Vorstellung, bei der seine persönliche Bestleistung um 119 Punkte auf starke 8558 Punkten steigerte. Zweiter wurde der Ukrainer Oleksiy Kasyanov (8321) vor dem Russen Ilja Schkurenjow (8219): „Es zeigt mir, dass meine Entscheidungen, nach Tallinn zu gehen, und in Helsinki zu starten, richtig waren.“

          Er weiß, wie’s geht: Behrenbruchs Mentor Nool wurde 2000 in Sydney Olympiasieger

          Wegen diverser Meinungsverschiedenheiten mit allen möglichen Autoritäten bei der Frankfurter Eintracht und in der deutschen Leichtathletik-Szene hatte sich der eigenwillige Athlet Ende 2011 entschieden, konsequent seinen eigenen Weg zu gehen. Er brach seine Zelte in Frankfurt ab und schloss sich der Trainingsgruppe der estnischen Zehnkampf-Legende Erki Nool und dessen Trainers Andrej Nazarow an. Da man Reisende nicht aufhalten soll, legte der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) Behrenbruch zwar keine Steine in den Weg, strich ihm aber auch dessen Unterstützung. Bundestrainer Rainer Pottel äußerte sich sogar erleichtert: „Pascal war für die Gruppe nicht mehr tragbar“, erklärte er nach dessen Emigration. „Wenn man mich sauer macht, antworte ich mit Leistung“, gab Behrenbruch nun zurück.

          Entgegen des Ratschlags der deutschen Teamleistung, sich ganz auf die Olympischen Spiele zu konzentrieren, wollte der „estnische Hesse“ unbedingt bei beiden Großereignissen starten.. „Meine Trainer haben mir gesagt, ich soll die EM machen“, erklärte Behrenbruch: „Erki traut mir zu, Europameister zu werden.“ Pottel vermutete noch „eine andere Motivation, nämlich: Denen zeige ich es.“ Nur der frühere Stabhochspringer Günter Lohre, einst als Athletensprecher Prototyp des mündigen Sportlers, heute DLV-Vizepräsident, wollte den Konflikt nicht überbewerten. „Wir betreiben eine Individualsportart. Da hat man mit jeder Menge unterschiedlicher Typen zu tun.“ Das Verhältnis zwischen Athlet und Verband habe sich „entwickelt“, so Lohre diplomatisch: „Die Konflikte sind ausgeräumt.“

          Tatsächlich strahlte Behrenbruch eine neue Ausgeglichenheit aus, nicht nur wegen des EM-Sieges. Er genießt in Tallinn neue Freiheiten, die ihm gut tun. „Ich kann mein Ding machen und es wird auf meine Wünsche eingegangen.“ Zugleich lebt er die Freiheiten, trainieren zu können, wann er will, aber auch mit neuer Ernsthaftigkeit aus. Der gebürtige Offenbacher legte in Helsinki einen Wettkampf auf durchgehend hohem Niveau hin, gekrönt von zwei persönlichen Bestleistungen im Kugelstoßen (16,89 Meter), wo er zeigte „wer der King im Ring“ ist und im Stabhochspringen (5,00 Meter), wo er eine magische Grenze übersprang: „Fünf Meter waren immer mein Traum.“

          Ein perfekter Stabhochsprung

          Zur Halbzeit lag er mit 4291 Punkten noch hinter Kasyanow auf Rang zwei, kündigte aber an „Den Ukrainer hole ich mir auch noch.“ Theoretisch hätte Behrenbruch sogar in seiner neuen Heimat übernachten können, schließlich sind die Fährverbindungen über die Ostsee schnell und häufig. Doch bei aller Eigenständigkeit wollte er doch gerne auch das Miteinander der Mannschaft erleben und wohnte deshalb im offiziellen Teamhotel.

          Nach der achten Disziplin, seinem perfekten Stabhochsprung, übernahm der blonde Hüne erstmals die Führung, die er nach einem Speerwurf ausbaute und sich im abschließenden 1500-Meter-Lauf nicht mehr nehmen ließ. Dabei unterdrückte er den Impuls, zu früh zu jubeln, denn er wollte keine Punkte verschenken, und unbedingt über 8500 kommen. Trotz aller vorangegangenen Streitigkeiten feierte er seinen Coup dann mit einer deutschen Flagge. „Ich hatte mir auch überlegt, eine estnische Fahne mit auf die Ehrenrunde zu nehmen“, bekannte er anschließend: „Aber ich bin immer noch stolz auf mein Land und freue mich schon auf die Hymne bei der Siegerehrung.“

          Nachdem er nun die Ankündigung seines Mentors, er könne Europameister werden, erfüllt hat, steht nun noch dessen größte Leistung auf dem Anforderungsprofil: Nool war 2000 Olympiasieger. Unabhängig davon, wie Behrenbruch seinen EM-Zehnkampf verkraften wird, dürfte dieses Ziel in knapp sechs Wochen (8./9. August) eine Nummer zu groß sein: „In London kann nur Ashton Eaton Gold gewinnen“, erklärte Behrenbruch den neuen amerikanischen Weltrekordhalter (9039) zum haushohen Favoriten. Um eine Medaille will er freilich mitkämpfen. Doch sein Gold bekommt er schon an diesem Freitag: Überreicht von einem gewissen Erki Nool.

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