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Ärger bei Handball-WM : Wie im wilden Westen

  • -Aktualisiert am

Einreisekontrolle: Nationalspieler Lukas Stutzke unterzieht sich nach der Landung in Kairo dem Corona-Protokoll. Bild: dpa

„Alles bis jetzt war ein großer Witz“: Trotz Corona-Pandemie beginnt die bisher größte Handball-WM in Ägypten. Dabei gibt es großen Unmut über die Lücken im Hygienekonzept. Das deutsche Team hofft.

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          Den Versuch, irgendetwas kleinzureden, unternahm Axel Kromer gar nicht erst. „Das übertrifft unsere Befürchtungen und gibt uns keine Argumente für die, die das hier alles besonders kritisch sehen“, sagte der Sportvorstand des Deutschen Handballbundes (DHB) bei der täglichen Videokonferenz aus dem Teamhotel „Mena House“ zu Gizeh. Sein Wunsch: „Die vielen Hiobsbotschaften aus allen Ecken der Handball-Welt enden jetzt hoffentlich. Wenn die Veranstaltung läuft und die Bubble geschlossen ist, wird es von Tag zu Tag sicherer sein.“ Wie eine gesicherte Erkenntnis klang das nicht.

          Handball-WM 2021

          Die Corona-bedingten Absagen der Nationalteams aus Tschechien und den Vereinigten Staaten vom Dienstagabend waren allgegenwärtig. Gleich dahinter kam die Kunde von positiv getesteten Spielern und Delegationsmitgliedern bei den Kapverden, dem zweiten deutschen Gegner (alle Spiele im F.A.Z.-Liveticker zur Handball-WM) in der Gruppe A am Sonntag, und Brasilien aus der Staffel B. Das von Weltverbands-Präsident Hassan Moustafa erwünschte große Handballfest ist schon beendet, bevor es begonnen hat – und die Sorge davor, wie es weitergeht, war den Deutschen anzumerken: „Das Thema Corona kann man nie ganz ausblenden“, sagte der erfahrene Rückraumspieler Kai Häfner, „es ist schon sehr, sehr präsent.“

          „Kein Versprechen gehalten“

          Deutlicher wurde Sander Sagosen. Der Norweger vom THW Kiel wohnt mit seinem Team im Hotel der Deutschen. Gefragt, ob die WM hätte abgesagt werden müssen, antwortete er: „Ich war vorher nicht dafür und hatte große Hoffnungen. So, wie es jetzt läuft, kann man die Frage danach stellen. Ich weiß nicht, ob man das überhaupt eine Blase nennen kann.“ Im Hotel gingen die Menschen ohne Mundschutz ein und aus, die Teams äßen zusammen, sagte er. Kein vorher gegebenes Versprechen würde eingehalten. „Alles bis jetzt war ein großer Witz“, schimpfte Sagosen. In den ersten Stunden in Gizeh fühlte sich der 25-Jährige an den „Wilden Westen“ erinnert, seine Mannschaft befinde sich in einem „Schockzustand“. Beim DHB sah Kromer die Lage im Hotel entspannter: „Ich sehe auch Leute, die akkreditiert sind, von denen man aber nicht weiß, was sie machen. Es gibt Verbesserungspotential. Wir arbeiten daran.“

          Genaue Informationen zur Infektionslage anderer Teams inklusive des deutschen Gruppengegners lagen Kromer zunächst nicht vor. Beim amerikanischen Team soll ein nachnominierter Spieler die Infektion ins Vorbereitungscamp nach Kolding mitgebracht haben. Einen Nachrücker hatte es bei den Deutschen auch gegeben, als Christian Dissinger passen musste und für ihn am Montag Lukas Stutzke einsprang. Ob den Deutschen dadurch nicht Ähnliches passieren könne, wurde Kromer gefragt. Er antwortete: „Wir wissen alle, dass trotz negativer Tests das Virus schon im Körper schlummern kann. Deswegen wird es in den nächsten Tagen ein erhöhtes Risiko geben. Wir versuchen alles, aber ich kann keine Garantien abgeben.“ Die deutschen Spieler waren wie vorgesehen gleich bei der Ankunft in Kairo am Dienstag im Bus vor der einstündigen Fahrt vom Flughafen ins Hotel getestet worden. Seitdem wird alle 48 Stunden getestet.

          Quarantäne-Puffer hat nicht geklappt

          Die Schwierigkeit, Teams infektfrei zu halten, liegt weniger in der Zeit in Ägypten. Die Infektionen auch bei den Tschechen kamen zustande, bevor sie sich zur Vorbereitung auf die WM trafen, und wurden dann ins Team getragen. Der vom DHB geforderte fünftägige Quarantäne-Puffer, mit dem zum Beispiel die Frauen vor der EM in Dänemark erfolgreich agierten, hat bei den Männern nicht geklappt, weil Anfang Januar EM-Qualifikationsspiele anstanden. Darauf hatte der DHB reagiert, berichtete Kromer: „Wir haben unsere Nationalspieler gebeten, sich nach dem letzten Bundesligaspieltag ab dem 28. Dezember in häusliche Isolation zu begeben. Wir sehen uns darin bestätigt, dass wir schon vor der Maßnahme eine Isolation hatten.“

          Vorsorge getroffen für den nun eingetroffenen Fall hatte die IHF indes lange vor der WM. Offenbar hat sie mit Absagen gerechnet. Nordmazedonien für Tschechien und die Schweiz für Amerika standen auf einer Nachrückerliste ganz oben. Die Nächsten wären die Niederlande und Montenegro. Für die Schweiz wird nun Andy Schmid zur WM reisen, etwas, was den 37 Jahre alten Spielmacher freut: „Ich weiß, dass es wegen der Corona-Situation Argumente für und gegen die WM gibt. Aber ich muss das machen, ich muss diese WM spielen. Diese Chance habe ich wahrscheinlich nur dieses eine Mal in meinem Leben“, sagte er dem „Mannheimer Morgen“. Eine komplett andere Sichtweise als Sagosen – aber Schmid sprach seine Motivation auch vor der Einreise aus.

          Für die deutschen Spieler schienen es zwei verschiedene Welten zu sein, über die sie am Mittwoch sprechen sollten. Wenn man in der Halle sei, gehe es nur um Handball, behauptete Kai Häfner. Turnierneuling Sebastian Firnhaber sagte: „Ich empfinde viel Vorfreude auf das Turnier und tue gut daran, alles andere auszublenden. Wir konzentrieren uns aufs Sportliche und vertrauen Axel und Olli.“ Sportvorstand Kromer und Teammanager Roggisch sind die DHB-Corona-Beauftragten. Doch bei allem Vertrauen wird es nicht auf diese beiden ankommen, ehemalige Handballer mit breiten Schultern und festem Gemüt, ob es noch einmal um Abwehrsysteme und Angriffsvarianten gehen wird. Oder nur noch um eine WM im Zeichen der Pandemie.

          Ägypten gewinnt WM-Eröffnungsspiel

          Gastgeber Ägypten hat im Eröffnungsspiel der 27. Handball-Weltmeisterschaft einen 35:29 (18:11)-Sieg gegen Chile erzielt. Die Nordafrikaner beherrschten an diesem Mittwoch vor leeren Rängen in Kairo von Beginn an die Partie, die von den deutschen Schiedsrichtern Robert Schulze und Tobias Tönnies problemlos geleitet wurde. Dank des Sieges übernahm Ägypten zunächst die Tabellenführung in der Vorrundengruppe G, in der auch noch Schweden und Nordmazedonien spielen.

          Zuvor war die WM, die wegen der Coronavirus-Pandemie ohne Zuschauer ausgetragen wird, in Anwesenheit von Ägyptens Staatspräsident Abdel Fattah al-Sisi feierlich eröffnet worden. Weltverbandspräsident Hassan Moustafa bedankte sich bei den erstmals 32 Teams für die Teilnahme an der Endrunde. „Aber ich möchte mich auch bei unserer ägyptischen Familie hier entschuldigen, weil wir ohne Zuschauer spielen werden - das tut uns sehr leid“, sagte der 76-Jährige. Er hoffe, dass die WM „das Licht am Ende des dunklen Tunnels sein wird“. (dpa)

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