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Handball-Remis gegen Russland : Deutscher Stimmungstöter zum Schluss

Die deutschen Spieler müssen die erste Enttäuschung der WM verkraften. Bild: Reuters

Die deutsche Auswahl muss die erste Enttäuschung bei der Handball-WM wegstecken. Der Sieg über Russland scheint zum Greifen nahe – doch am Ende herrscht in Berlin eine ungewohnte Stille.

          3 Min.

          Als der letzte Freiwurf von Steffen Fäth an der russischen Mauer abgeprallt war, kam es noch zu einer kleinen Rangelei. Die Emotionen hatten sich hochgeschaukelt in diesen 60 Minuten, es war Handball als Kampf-, Abwehr- und auch Fehlerspiel. Hochspannend zwar, aber nicht unbedingt ein ästhetisches Vergnügen. Und aus deutscher Sicht endete es mit der ersten Enttäuschung dieser Weltmeisterschaft. Ärgerlicher als das 22:22 als solches war die Tatsache, dass die Mannschaft von Christian Prokop am Montagabend bis in die Schlussphase hinein in Führung gelegen hatte, teilweise mit vier Toren.

          Handball-WM 2021
          Christian Kamp
          Sportredakteur.

          Der Sieg und damit die vorzeitige Qualifikation für die Hauptrunde schienen trotz aller Schwierigkeiten zum Greifen nah, doch eine kopflose Schlussviertelstunde wurde am Ende von den cleveren Russen zu deren diebischem Vergnügen ausgenutzt. Nachdem sie mit dem 21:21 zum ersten Mal seit ihrer kurzlebigen Führung ganz zu Beginn ausgeglichen hatten, nach einem Fehlpass von Paul Drux, gelang Fabian Böhm noch einmal eine Führung für das deutsche Team. Doch der abermalige Ausgleich neun Sekunden vor Schluss sorgte für einen jähen Stimmungsabfall in der Arena am Berliner Ostbahnhof, in der es gemäß der unermüdlichen Aufforderungen des Hallensprechers zuvor lauter, immer lauter geworden war. Am Ende war dort eine Stille, wie das deutsche Team sie dort bei dieser WM noch nicht erlebt hat.

          Den Spielern und ihrem Trainer war anzumerken, dass sie die Enttäuschung nicht allzu nah an sich heranlassen wollten. „Das gehört zu so einem Turnier dazu“, sagte Böhm. Bundestrainer Prokop ging gar in die offensive Verteidigung: „Wir haben uns schon ein bisschen was aufgebaut, das will ich nicht kaputtgeredet haben nach dem ersten Unentschieden – nicht einer Niederlage“, sagte er. Aber ein wenig nachdenklich sollte ihn die Schlussphase schon gestimmt haben, in der die Defensive zwar noch stand, nach vorne aber nur noch sehr wenig gelang. Es war Handball mit viel Herz, am Ende aber nur wenig Köpfchen. Prokop schwankte in seiner Beurteilung. Einerseits fand er, dass 22 Treffer nicht zu wenig gewesen seien, Uwe Gensheimer war mit acht Treffern wieder der beste Schütze. Andererseits bemängelte auch der Bundestrainer die vielen Fehler in der Offensive. An diesem Dienstag geht es schon weiter, gegen Weltmeister Frankreich (20.30 Uhr/F.A.Z-Liveticker zur Handball-WM und ZDF). „Das Schöne an unserer Sportart ist, dass wir in 24 Stunden schon wieder spielen und nicht fünf Tage Pause haben,“ sagte Prokop. Mit einem Punkt wäre die Hauptrunde ebenfalls schon vor dem abschließenden Vorrundenspiel gegen Serien erreicht, der fahrlässig hergegebene Punkt gegen die Russen könnte aber auch dann noch schmerzen.

          Vor denen hatte Prokop gewohnt kenntnisreich gewarnt, insbesondere vor dem 35 Jahre alten Linksaußen Timur Dibirow. Zwar liegen die letzten großen russischen Handballerfolge schon ein paar Jährchen zurück, Weltmeister 1997, Olympiasieger 2000, aber unter Trainer Eduard Kokscharow, der bei beiden Erfolgen als Spieler dabei war, geht es wieder aufwärts. Das bekamen die Deutschen gleich zu spüren. Zwei Mal in den ersten Minuten ließ die Defensive Sergej Kosorotow die entscheidenden Zentimeter zu viel Raum. Zudem galt es, sich auf die offensive russische Deckung einzustellen, die als 4:2 begann und später zu 5:1 changierte.

          Spielplan der Handball-WM 2019 in Deutschland und Dänemark

          Das ist nicht unbedingt das, was Prokops Team liegt, am Montag aber gelang es zunächst gar nicht mal schlecht. Obwohl Spielmacher Martin Strobel, von Dibirow beschattet, so gut wie nicht in Erscheinung trat, kamen die Deutschen oft genug mit Wucht zum Kreis durch. Als Weinhold die erste Führung erzielte, Wolff danach parierte, und Gensheimer auf 5:3 erhöhte, schien ein wichtiger Turnaround geschafft. Doch auch die Russen fanden mit Kraft und Tempo immer wieder Lücken in der zuvor so sicheren deutschen Deckung, auch Torwart Wolff tat sich diesmal nicht als Serientäter hervor, so dass der knappe Vorsprung bald wieder perdu war.

          „Das Schöne an unserer Sportart ist, dass wir in 24 Stunden schon wieder spielen“: Bundestrainer Christian Prokop.
          „Das Schöne an unserer Sportart ist, dass wir in 24 Stunden schon wieder spielen“: Bundestrainer Christian Prokop. : Bild: EPA

          Der Bundestrainer wechselte viel, Kohlbacher und Drux sollten mit ihrer körperlichen Spielweise die russische Deckung durchdringen. Der Berliner Drux führte sich mit zwei Treffern auch gleich gut ein. Auch die Abstimmung in der Deckung wurde nun immer besser. Dass es dennoch nur zu einem Zwei-Tore-Vorsprung zur Pause reichte – Wiedes Rückhandzuspiel zu Pekelers 12:10 war von besonderer Finesse –, lag an technischen Fehlern und Ungenauigkeiten im Abschluss, wie die Deutschen sie auch bei ihren ersten Siegen offenbart hatten – nur, dass es da nicht ins Gewicht gefallen war. Es war auch das Resultat der allgemeinen Hektik.

          Die zweite Hälfte lief nicht ruhiger, aber zunächst in Richtung der Deutschen. Weinhold gelang die erste Vier-Tore-Führung zum 15:11 (35.). Doch es gelang ihm und den Kollegen nicht, sich abzusetzen, auch weil der russischen Torwart Viktor Kirejew einen besseren Tag als Wolff erwischte. Es habe sich beinahe „wie Handbremse“ angefühlt, sagte Prokop später. Um diese wieder zu lösen, ist womöglich mehr als nur ein Handgriff nötig.

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