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Udinese Calcio : Respekt vor dem Ausbildungsklub

  • -Aktualisiert am

Erneuter Erfolg: Im Spitzenspiel gegen Juventus Turin erreichte Udine ein torloses Unentschieden Bild: dpa

Vor jeder Saison das gleiche Leid: Udinese Calcio muss seine besten Spieler verkaufen. Trotzdem ist der Ausbildungsklub die dritte Kraft des italienischen Fußballs.

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          Die italienische Post gilt nicht als besonders zuverlässig. Soll sie aber Fußballtrikots befördern, dann ist anscheinend auf sie Verlass. Vor ein paar Tagen wurde ein Paket aus Spanien in der Geschäftsstelle von Udinese Calcio abgegeben, der Absender war Alexis Sanchez. Zu Weihnachten hatte der chilenische Neueinkauf des FC Barcelona einen Satz signierter Trikots an seine ehemaligen Kollegen geschickt. Es ist nicht auszuschließen, dass die Jerseys bei den Udinese-Spielern wilde Zukunftsträume beflügelt haben bei dem Gedanken, die Hemden der derzeit besten Vereinsmannschaft der Welt könnten eines Tages auch mit ihrem Namen beflockt werden.

          Udinese Calcio gilt als Ausbildungsverein für Spitzenspieler. Neben vielen anderen wurden hier einst Oliver Bierhoff und der spätere Dortmunder Marcio Amoroso bekannt. Im Sommer verkaufte der Provinzverein aus dem Friaul seine besten Kräfte Sanchez, Gökhan Inler (SSC Neapel) und Cristian Zapata (FC Villarreal) für schätzungsweise 50 Millionen Euro und festigte seinen Ruf als Karriere-Sprungbrett. Der Klub aus Udine ist für sein weltweites Scouting-System und die Entdeckung entwicklungsfähiger Spieler bekannt. In der gegenwärtig auch sportlich außerordentlich erfolgreichen Phase erhofft sich Klubpatron Giampaolo Pozzo nun auch einen mentalen Schub: „Die Spieler sollen merken, dass Udinese mehr als ein Durchgangsverein ist.“

          Besonders abwehrstarke Italiener

          Die Ergebnisse sprechen für den Präsidenten. Nach dem vierten Rang in der vergangenen Spielzeit hat der Klub aus Nordostitalien seine Position vorübergehend sogar noch verbessert und belegt hinter dem AC Mailand und Juventus Turin den dritten Platz der Serie A. Das 0:0 am Mittwochabend zu Hause gegen Juventus Turin wurde von der heimischen Presse selbstkritisch als „Spitzenspiel all’italiana“ (“La Repubblica“) bewertet, keines der Teams riskierte mehr als nötig.

          Trainer Francesco Guidolin zeigte sich mit dem gewonnenen Punkt, aber vor allem mit dem Respekt des Gegners zufrieden: „Juventus hat sich taktisch an uns angepasst“, analysierte der 56 Jahre alte Trainer. Das 3-5-2-System der Turiner war auch ein persönliches Kompliment für Udineses Trainer. Seine Mannschaft hat mit dieser Formation schon einige nominell stärkere Gegner besiegt und bislang nur neun Gegentreffer kassiert. Kein Serie-A-Team hat so wenige Tore zugelassen.

          „Guidolin ist für uns enorm wichtig, er macht den Unterschied“, sagte Präsident Pozzo kürzlich und rückte so die Bedeutung des Scoutings für Udinese zurecht, mit dessen Hilfe meist adäquater Ersatz für bedeutende Spieler-Abgänge gefunden wird - auch die entwicklungsfähigsten Schüler aber sind ohne einen guten Lehrer aufgeschmissen. Sogar Anlaufschwierigkeiten werden in Udine entgegen dem Branchentrend geduldet.

          Trainer Francesco Guidolin: „Ich bin schon längst bei einem großen Klub“ Bilderstrecke
          Trainer Francesco Guidolin: „Ich bin schon längst bei einem großen Klub“ :

          Als der neu eingestellte Trainer in der Vorsaison mit vier Niederlagen startete und das Team sechs Spieltage lang auf dem letzten Tabellenplatz stand, wurde er nicht entlassen. Weitsichtig hielt die Vereinsführung an ihm fest. Damals, in den Krisenwochen, lud Guidolin Spielergruppen zu sich nach Hause ein, um die Identifikation mit dem Verein zu fördern. Heute feiert ihn die „Gazzetta dello Sport“ als „einen der besten Trainer der Serie A“.

          Längst ein großer Klub

          Guidolin hat eine klare Spielidee und ist flexibel im Umgang mit jungen Kräften. Der Radsport-Fanatiker, der noch als einer der wenigen Profitrainer Italiens im Trainingsanzug am Spielfeldrand coacht, richtet das taktische System nach den Fähigkeiten seiner Spieler aus und nicht umgekehrt. Udinese steht heute für modernen, attraktiven Tempofußball.

          In der Champions-League-Qualifikation schied die Mannschaft unglücklich gegen den FC Arsenal aus, in der Europa League steht sie in der Zwischenrunde. Immer häufiger ist die Rede davon, Guidolin habe nach vielen Engagements bei Provinzklubs endlich einen Trainerposten bei Italiens Spitzenvereinen verdient. Der Fußballlehrer hat die Lektion seines Präsidenten bereits verinnerlicht. Er sagt: „Ich bin schon längst bei einem großen Klub.“

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