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HSV-Trainer Slomka : Auf dem heißen Stuhl

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So wollen wir Fußball spielen! HSV-Trainer Mirko Slomka erklärt Neuzugang Lewis Holtby seine Ideen Bild: dpa

Der Hamburger SV hat viel Personal ausgetauscht, nur einer ist noch da: Trainer Mirko Slomka. Die Frage vor dem Spiel an diesem Sonntag (17.30 Uhr) in Hannover lautet allerdings: Wie lange noch?

          Die Familie Slomka kennt Hamburg jetzt besser als viele Hamburger. Als geladene Gäste besuchten die Slomkas das „Miniatur Wunderland“, eine der schönsten Einrichtungen der Hansestadt für Touristen. Dort, in der Speicherstadt, ist Hamburg im Modelleisenbahnformat nachgebaut. Die Detailgenauigkeit und der Witz der Aufbauten fasziniert selbst beim fünften Besuch, und man entdeckt Orte, die man im realen Hamburg noch nie gesehen hat. Auch Mirko Slomka ließ sich samt seiner Liebsten in die Welt der kleinen Geheimnisse entführen; es war eine willkommene Abwechslung vom Alltag als Trainer des Hamburger SV.

          Überhaupt hat der 47 Jahre alte Hannoveraner in den vergangenen Tagen einiges unternommen, um seine Verbundenheit mit Hamburg zu dokumentieren. Fast eine ganze Seite spendierte ihm die „Bild“-Zeitung, um ihn als Motorradfahrer zu zeigen. Die Maschine hatte er sich anlässlich des Nichtabstiegs geschenkt. In den freien Stunden fahre er gern durch die Stadt, um Ecken und Cafés zu entdecken, die er vorher nicht gekannt habe, erzählte Slomka. So lerne er die ganze Stadt besser kennen. Er zeigte sich als großer Hamburg-Fan, und nolens volens erinnerte sich mancher an Trainer auf der Durchreise wie Slomkas Vorgänger Bert van Marwijk, der den HSV aus dem Hotel anleitete. Es menschelt gerade stark bei Slomka, und da passte es, dass sein neun Jahre alter Sohn Luk ein Training seines Vaters besuchte. Familienwohnsitz der Slomkas bleibt indes Hannover - auch wenn es zuletzt nicht so wirkte.

          Am HSV festgebissen

          Zufälle sind diese Beispiele nicht, sie fielen alle in die Länderspielpause und stehen für Slomkas gekonnte Selbstinszenierung. Die kennt man noch von seinen letzten Stationen. Slomka will nicht wie ein Coach auf dem Absprung wirken; er hat sich am HSV festgebissen und will hier bleiben - die Frage ist nur, ob man ihn lässt.

          In Hamburg gibt es keine öffentlich geführte Trainerdiskussion. Aber der Vorstandsvorsitzende der HSV Fußball AG, Dietmar Beiersdorfer, stützt den Trainer auch nicht mehr über Gebühr. Nachdem Beiersdorfer in Cleber, Lewis Holtby und Julian Green noch drei weitere Spieler kurz vor Ende der Transferperiode geholt hat und der Einsatz der ebenfalls neuen Valon Behrami, Nicolai Müller und Matthias Ostrzolek am Sonntag in Hannover (17.30 Uhr/ Sky und im FAZ.NET-Liveticker) zu erwarten ist - mithin also eine zur Hälfte renovierte Mannschaft auflaufen dürfte -, sind die Erwartungen an Slomka gestiegen: „Der Trainer ist gefordert“, sagt Beiersdorfer. Übersetzt bedeutet das: Der Chef hat den Kader aufgewertet, jetzt soll der Untergebene für Ergebnisse sorgen.

          Laufen,  laufen, laufen: Slomka hat in der Vorbereitung an der Kondition arbeiten lassen

          Die beiden hatten vorvergangene Woche lange zusammengesessen und die Situation analysiert. Die Lagebesprechung war durch das 0:3 gegen den SC Paderborn notwendig geworden; eine Niederlage, die Beiersdorfer schockiert hatte.

          Slomka wirkt kämpferisch. Er weiß, dass er wenig Zeit hat. „Ich habe schon das Gefühl, dass ich hier im Sprinttempo Erfolg haben muss“, sagt er. Slomka spürt den Druck, denn es ist bekannt, dass er nicht Beiersdorfers Wunschkandidat ist. Slomka solle nur den Übergang moderieren, dem HSV ein sorgenfreies Jahr verschaffen, ehe im nächsten Sommer ein Mann nach Beiersdorfers Gusto kommen könnte, der womöglich den Namen Thomas Tuchel trägt - das erzählt man sich über den HSV. Keine angenehme Situation für Slomka. Er gibt den Druck weiter. Er kritisierte in einem Interview fast alle Führungsspieler; niemand sei sich seines Platzes sicher, nicht René Adler, nicht Marcell Jansen, nicht Heiko Westermann. Jansen fällt wegen einer Adduktorenverletzung aus, Westermann dürfte am Sonntag auf der Bank sitzen. Adler zählte Slomka ohne Not an; er galt als Gefolgsmann des Trainers und hielt bislang zwar nicht überragend, aber ordentlich. Slomkas Signal ist klar - er will auf die Neuen setzen. Die Neuen, die ihm vielleicht den Job retten. Fraglich, ob die Alten für ihn noch einmal durchs Feuer gehen.

          Das Bild des HSV in den vergangenen Monaten: Kapitän Rafael van der Vaart der Verzweiflung nahe

          Es ist wahrlich nicht leicht für ihn als letzten Verbliebenen der Sportlichen Führung der Vorsaison. Slomka steht trotz des abgewendeten Abstiegs eben für die fast fatale Spielzeit 2013/14. Wie ernst es Beiersdorfer mit der Radikalveränderung ist, zeigte der Fall Oliver Kreuzer. „Wir müssen großräumig anpacken“, sagt Beiersdorfer. Kreuzer stand dem im Weg, er ist entlassen und abgefunden. Peter Knäbel soll als sein Nachfolger zum 1. Oktober kommen. Bernhard Peters als Nachwuchschef ist schon da. Niemand weiß, ob Knäbel zum Dienstbeginn auf den Trainer Slomka trifft. Nach Hannover spielt der HSV gegen die Bayern und in Gladbach, dann gegen Frankfurt. Daraus muss man nicht allzu viel ableiten, und Beiersdorfer ist es auch abzunehmen, dass er Ruhe will, dass er Slomka bis auf weiteres vertraut. Aber ein sich abzeichnender Fehlstart würde auch in Hamburg die bekannten Mechanismen in Gang setzen. Und Slomkas Bilanz mit einem Bundesligasieg seit April verschafft ihm kaum Argumente - abgesehen von der Herkules-Leistung, mit einer nicht austrainierten, verunsicherten Truppe die Relegation überstanden zu haben.

          Diese Mannschaft gibt es nicht mehr. Am Sonntag wird in Hannover ein HSV auflaufen, der zum ersten Mal in dieser Formation spielt. Er wird in allen Teilen erheblich verändert sein. Eine Innenverteidigung mit Cleber und Djourou, eine Doppel-Sechs mit Behrami und Holtby, auf den Außenbahnen Müller und Green. Zudem wird der verletzte Rafael van der Vaart weiter ausfallen. Slomka hat keine Wahl, als auf die Spieler zu setzen, die der Vereinschef ihm ausgesucht hat. Sogar der Aufsichtsratschef Karl Gernandt forderte ein „Maximum an mutigen Entscheidungen“ von Slomka. Wo außer in Hamburg mischt sich der Chefkontrolleur schon ins Sportliche ein? Bei so viel Gegenwind kann man Mirko Slomka ein paar PR-Ausflüge in eigener Sache nicht übelnehmen.

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