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Darmstadt 98 steigt auf : Das Wunder Nummer zwei

  • -Aktualisiert am

Erst eiskalt beim Freistoß, dann biernass beim Feiern: Tobias Kempe Bild: Reuters

Nach 33 Jahren blühen die „Lilien“ wieder erstklassig: Der SV Darmstadt 98 startet als Abstiegskandidat in die Saison – und beendet sie durch einen Sieg gegen St. Pauli mit dem Durchmarsch in die Bundesliga.

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          Sonntag, 17.18 Uhr: Bumm! Die Explosion. Abpfiff. Darmstadt 98 spielt in der nächsten Saison in der Fußball-Bundesliga! Ist es zu fassen? Eigentlich nicht. Aber es ist passiert. Die Südhessen krönten eine phantastische Saison in der Zweiten Liga mit einem verdienten 1:0-Sieg gegen den FC St. Pauli. Als Schiedsrichter Florian Meyer die Partie nach 95 Minuten vor 16.500 Zuschauern abpfiff, löste sich die ganze Vorfreude, die ganze Spannung, die sich eine Woche lang in der Stadt aufgestaut hatte.

          Die Spieler liefen noch einmal im Sprint zum nächsten Kollegen, die Trainer und Ersatzspieler lagen in einem Menschenknäuel, und schon strömten die Fans auf den Platz, Minuten später war das Grün des maroden Böllenfalltorstadions ganz in blau und weiß getaucht. Ein großer Chor, der seine Freude hinaus brüllte, hinaus sang. Es war vollbracht, das Wunder von Darmstadt, man darf es so nennen, denn eine solche Geschichte gab es noch nicht in der Geschichte der Fußball-Bundesliga.

          Ein bitterarmer Verein mit einem Team, das vor zwei Jahren noch in die vierte Liga abgestiegen war und nur durch den Lizenzentzug der Offenbacher Kickers drittklassig blieb, marschiert unter der Anleitung von Trainer Dirk Schuster durch die dritte Liga, und danach auch noch durch die zweite bis hinauf in die Bundesliga - „das ist die größte Story in fünfzig Jahren Bundesliga“, findet Jochen Partsch, der Darmstädter Oberbürgermeister.

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          Vorbereitung ist alles: Auch die Meisterschale zirkuliert in der Darmstädter Kurve :

          Ihm komme es vor, sagt er, „als hätte sich jemand vorgenommen, einen wunderbaren Fußball-Mythos zu schreiben über zwei Jahre hinweg am Beispiel von Darmstadt 98.“ Wer immer es war, der diesen Mythos schuf, am Sonntag hat er das Schlusskapitel geschrieben – mit einem Happy End vom Feinsten. Doch weil es vermutlich keinen Fußball-Gott gibt, der sich auch noch als Mythenschreiber versucht, gehört das Copyright für dieses einmalige Fußball-Märchen dem famosen Dirk Schuster. Dabei ist der Darmstädter Trainer das genaue Gegenteil eines Märchenonkels, eines Traum-Erzählers.

          Er ist ein größtmöglicher Realist, ein Pragmatiker, ein Rationalist, ein Mann der klaren Gedanken. Er hat aus lauter verstoßenen, gescheiterten Spielern ein Team geformt, das in puncto Kampfgeist, Widerstandskraft, Einsatzwillen kaum zu übertreffen ist. „Wir waren in jedem Spiel dieser Saison immer mindestens auf Augenhöhe mit dem Gegner“, sagte Schuster in seinem Saisonfazit. „Wir sind immer in den roten Bereich gegangen und haben versucht, ans Limit zu gehen.“ Der Lohn war der zweite Aufstieg in Folge, „das Wunder Nummer zwei“, wie es Schuster nannte. Der Lohn für ein Jahr härtester Arbeit. „Wir werden diesen Moment jetzt genießen“, sagte der Darmstädter Trainer.

          Als der „Lilien“-Traum wahr geworden war, als der Aufstieg feststand, begann in Darmstadt die große Sause. Klubpräsident Rüdiger Frisch kam biergeduscht in die Katakomben des Stadions, die Brille demoliert, den einen Bügel hielt er in der Hand. Marco „Toni“ Sailer, der Publikumsliebling und Dauerläufer, schlurfte mit einem Bierglas durch die Gegend, das nur wenig kleiner war als er selbst. Jeden, der ihm über den Weg lief, bekam sein Dusche ab. Morgen, sagte Sailer, gehe es mit der Mannschaft nach Mallorca, wie schon vergangenes Jahr, als die Darmstädter nach dem legendären Relegationsspiel in Bielefeld in die zweite Liga aufgestiegen waren. „Wir werden erstklassig feiern“, sagte Sailer, und keiner zweifelte daran.

          Der gefühlt hundertste Standard entscheidet die Partie

          Und wie schaut es mit der ersten Liga aus im nächsten Jahr? Da ist den Darmstädtern doch etwas flau im Magen. Mittelfeldspieler Florian Jungwirth etwa meinte: „Was heute passiert ist, werden wir erst nächste Saison verstehen, wenn uns Robben sieben Knoten in die Beine spielt.“ Aber gemach:  Schuster, der in Darmstadt kurz vor der Heiligsprechung steht,  wird es schon richten – ihm trauen sie mittlerweile alles zu.

          Das Tor, das gegen St. Pauli alles entschied, erzielte Tobias Kempe in der 70. Minute mit einem direkt verwandelten Freistoß. Es war die gefühlt hundertste Standardsituation in diesem kampfumtosten Spiel, das von beiden Seiten mit äußerster Entschlossenheit geführt wurde. Die Darmstädter bestimmten die Partie, erarbeiteten sich Freistoß um Freistoß, Eckball um Eckball. Einwurf um Einwurf, brachten den Ball aber zunächst nicht im Tor der Hamburger unter. Und sie mussten auf der Hut sein, denn St. Pauli war der erwartet unangenehme Gegner. Die Hamburger hatten zuletzt drei Spiele am Stück gewonnen, gegen die Liga-Hochkaräter Kaiserslautern und Leipzig, dazu ein 5:1 gegen den VfL Bochum. Sie kämpften gegen den Abstieg, und sie spielten gut, wenn auch ohne Druck auf das Darmstädter Tor.

          Als in Karlsruhe und später auch in Kaiserslautern die Darmstädter Konkurrenten um Platz zwei und drei in Führung gingen, waren die Südhessen in der virtuellen Tabelle auf Platz vier zurückgefallen – Goldene Ananas statt Bundesliga-Aufstieg. Aber Kempes Freistoß wendete das Blatt – und machte aus Darmstadt 98 eine Erstligamannschaft. Kaum zu glauben für einen Klub mit dieser Geschichte, mit diesem Etat. Mit den knapp sechs Millionen Euro, die Darmstadt in der vergangenen Saison für seinen Spielbetrieb ausgeben konnte, schnürt ein Spieler wie Bayern-Star Mario Götze keine Halbrunde die Fußballstiefel. Nächste Saison darf er einmal in Darmstadt spielen. Und duschen. Wenn er Pech hat, ist das Wasser dann – wie es am Böllenfalltor manchmal passiert – kalt.

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