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Darmstadt unter Anfang : Die Bewährungsprobe gegen Schuster

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Ein alter Bekannter am Böllenfalltor: Dirk Schuster kommt mit Erzgebirge Aue nach Darmstadt. Bild: dpa

Darmstadt 98 will unter Trainer Anfang Fußball spielen – genau das könnte gegen Aue gefährlich werden. Denn Erzgebirge-Trainer Schuster ist ein Experte der Spielzerstörung, wie die Lilien nur zu gut wissen.

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          Als Dirk Schuster noch Trainer in Darmstadt war, haben ihm Spiele gegen solche Gegner besondere Freude gemacht. Gegner, die es mit Kurzpassspiel und Ballbesitz gegen die „Lilien“ versuchten. Da hat er seine Profis angewiesen, den Gegner bis über die Mittellinie hinweg gewähren zu lassen, ihn kreiseln zu lassen, ihn Ballbesitzprozente sammeln zu lassen. Er hat seine Spieler angewiesen, den Gegner zu nerven, zu piesacken, zu zermürben mit Zweikämpfen, die erst haarscharf an der Trennlinie zum Regelwidrigen haltmachen, und überfallartigen Gegenangriffen. Es kann gut sein, dass Schuster dies an diesem Sonntag (13.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur zweiten Fußball-Bundesliga und bei Sky) auch so tun wird – als Trainer des FC Erzgebirge Aue. Gegen den SV Darmstadt 98.

          21 Monate nach seiner Entlassung am Böllenfalltor ist dies noch ein Zweitligaduell gegen Schusters eigene Vergangenheit. Niemand hat die Vereinsgeschichte so geprägt wie der Sachse: Zwei Aufstiege in Serie und ein Bundesligaverbleib gegen jede Erwartung in Schusters erster dreieinhalbjähriger SVD-Amtszeit von 2013 bis 2016 und eine Rettung vor dem Abstieg in die dritte Liga bei seiner südhessischen Rückkehr zwischen Dezember 2017 und Februar 2019 stehen zu Buche.

          21 Monate nach seiner Darmstädter Demission sind Schusters Spuren beim SV 98 verwischt. Erfolgreich verwischt, könnte man sagen. Denn die Abkehr von einem rein defensiv angelegten, mitunter schwer erträglichen Hauruck-Fußball, der auf Kampf, Willenskraft und langen Bällen fußte, war von der Vereinsführung erwünscht und von der Mehrheit der Anhänger akzeptiert. Schusters Nachfolger Dimitrios Grammozis hatte begonnen, Schusters Methoden zu verbannen, die wie aus dem Jurassic Park des Fußballzeitgeistes wirkten, Markus Anfang hat die Erneuerung seit dem Sommer endgültig vollzogen. Auch wenn der 46-Jährige vor dem Match an diesem Sonntag betonte, dass seine Spielidee „nicht konträr zu Dirks ist. Denn auch wir wollen gut verteidigen und möglichst zu null spielen.“ Aber natürlich verfolgen beide Teams einen völlig anderen Ansatz. Anfangs „Lilien“ gehören in Sachen durchschnittlicher Ballbesitz zur Zweitliga-Spitze, Schusters Auer stehen als Ballbesitzverweigerer in diesem Ranking weit unten. Schusters Teams reagieren, Anfangs Mannschaften wollen agieren. Anfang fordert von seinen Profis Variabilität, Schuster hat das aus Manager-Schulungen bekannte KISS-Prinzip – keep it simple, stupid – auf den Fußball übertragen.

          „Jeder Trainer hat seinen Ansatz. Es geht darum, wie man diesen vermittelt und ob man das Spielermaterial dafür hat“, sagt Anfang. Bei Schuster wirkte es zu SVD-Zeiten häufig so, dass er seine Spieler chronisch unterforderte mit den engen taktischen Leitplanken, die er setzte. Bei Anfang steht der Beweis noch aus, ob man in der zweiten Liga wie ein Topteam spielen kann, obwohl der Kader nicht wie ein Topteam besetzt ist. Noch wirkt das Konstrukt anfällig.

          Sein Vorgänger Grammozis hatte zu kämpfen mit der Schuster’schen Prägung von Spielern und Klub – es galt, quasi die lange tief verankerte sportliche DNA umzuschreiben. Anfang sagt, dass man „Krusten aufbrechen muss, um neue Dinge zu entwickeln“. Dass dies überfällig und notwendig war, dass die im Stadionumbau sichtbar werdende Zukunftsfähigkeit ein fortschrittliches Pendant auf dem Platz benötigt, darüber herrscht bei den „Lilien“ überwiegend Konsens. Fußballpuristen können freilich Kritikpunkte daran finden. Mit Schuster im Zentrum nahm die Saga ihren Lauf vom gallischen Fußballdorf, das mit geringen Mitteln das Establishment herausforderte und Anerkennung im ganzen Fußballland sammelte. Emotional aufgeladen durch die Geschichte und die Motivationsarmbändchen des Fans Jonathan Heimes. Damals stand Darmstadt 98 für etwas – unverwechselbar, unverbrüchlich. Fakt ist: Auch die „Lilien“ sind in den vergangenen Jahren (als Dauergast in der zweiten Liga) austauschbarer geworden. Die Zeit der Fußballwunder ist vorbei. In Darmstadt werden seitdem weniger gute Fußballgeschichten erzählt, aber infrastrukturell nachgerüstet.

          Nun erst mal gegen den „sehr kompakten, aber auch aggressiven Fußball gegen den Ball“ der Sachsen, wie Coach Anfang sagt: „Es wird sehr auf die Zweikampfführung ankommen.“ Schuster geht mit Verletzungssorgen und vier sieglosen Partien in Serie in das Match gegen seine alte Liebe. „Uns müssen die richtigen Mittel einfallen, um auf ihre Stärken zu reagieren und die Schwächen auszunutzen“, sagte der 52-Jährige und schmunzelt dabei listig. So wie früher am Böllenfalltor vor Spielen wie diesen.

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