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Slomkas Standpunkt : Helden im Netz

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Jerome Boateng im Netz: Mirko Slomka empfiehlt Spielern einen klugen Umgang mit einem anderen Netz Bild: dpa

Vorsicht vor sozialen Medien! Aber wenn sich Spieler dort äußern - dann bitte auch im Misserfolg. Bundesligatrainer Mirko Slomka begleitet die EM für FAZ.NET in einer Kolumne.

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          Der Moment, in dem Deutschlands Abwehr-Recke Jerome Boateng im eigenen Tor mit einem Ausfallschritt in der Luft stand, dauerte nicht länger als ein Wimpernschlag. Und doch ist er ab sofort einer für die Ewigkeit. Die Fotografen, die dieses Bild festhielten, haben Volltreffer gelandet. Nicht nur, dass die artistische Rettungsaktion in allen Nachberichten, EM-Büchern und DVDs der Zukunft auftauchen wird - on top fand und findet die massenhafte Verbreitung über die sozialen Netzwerke statt.

          Boatengs Rettungs-Stunt wurde immer wieder geteilt, geliked, und er inspirierte die Fußball schauende Fan-Gemeinde in ihrer Parallelwelt, powered by Smartphone, unmittelbar zu kreativen Höhenflügen. Weil Boateng als Reaktion auf die verbale Attacke des stellvertretenden AfD-Vorsitzenden Alexander Gauland ohnehin schon den Status des liebsten Nachbarn aller Deutschen verliehen bekam, flog er nach seiner Rettungsaktion umso intensiver durchs Netz. Und auch Bundestrainer Joachim Löw griff die Heldentat smart und hintersinnig auf, indem er trocken bemerkte, es sei gut, wenn man Jerome als Nachbarn in der Abwehr habe.

          Es fehlt nur noch die Hollywood-Musik

          Manuel Neuer wird das mit Sicherheit ebenso sehen. Auch er erlangte während des Spiels gegen die Ukraine Helden-Status und inspirierte die Kreativen in den Netzwerken. Flugs wurden Fotomontagen angefertigt und geteilt, die unsere Nummer 1 mit zahlreichen Armen zeigten. Selbst mit Spiderman wurde er verglichen.

          Und das Beste kam - wie es sich gehört - zum Schluss: Als der WM-Finalheld Bastian Schweinsteiger endlich das Feld betrat, wehte ein Hauch der unvergessenen magischen Nacht von Rio durch Lille. Es fehlte nur noch die sich dramatisch zuspitzende Musik eines Hollywood-Streifens, um die Szene komplett zu einem Gänsehautmoment de Luxe zu machen. Der begeisterte Applaus der schwarz-rot-goldenen Fangemeinde war kaum verklungen, da traf er auch schon. Und wieder überschlugen sich die Tweets und Posts.

          Der schießende Basti, der jubelnde Basti, der von Mitspielern umarmte wahre Kapitän - die Menschen konnten nicht genug von ihm kriegen. Dass es am deutschen Spiel auch das eine oder andere zu kritisieren gab, Schwamm drüber - oder „Schweini gehabt“, wie eine Überschrift Volkes Meinung auf den Punkt brachte.

          Ohne meinen Sohn, mit dem ich mir das Spiel im Fernsehen ansah, hätte ich die Wellen im Internet gar nicht mitbekommen. Für ihn ist es schon zur Gewohnheit geworden, Fußball gleichzeitig in der Parallelwelt des Worldwide Web zu verfolgen. Ich käme nicht auf Idee. Aber so witzig ich manche Auseinandersetzung mit der Fußball-Wirklichkeit fand, das reale Geschehen auf dem Platz fasziniert mich mehr. Als Trainer sehe ich natürlich auch die Gefahren der sozialen Medien. Sie können den Spielern den Kopf verdrehen - übertriebenes Lob, genauso wie vernichtende Kritik, wobei im Vergleich zu Trainern die Spieler wenig Negatives um die Ohren gehauen bekommen. Da muss schon ein Profi von Hannover 96 den unverzeihlichen Fehler begehen, einen Kollegen von Eintracht Braunschweig zu loben.

          Der Diskussion stellen

          Viele Profis machen mittlerweile das Spiel im Netz mit, twittern und posten sogar aus der Kabine. Ich würde mir jedoch wünschen, wenn sie das auch nach Niederlagen und nicht nur nach Triumphen tun würden. Es würde bedeuten, dass sie sich der Wirklichkeit stellen und sich nicht nur in einer heilen Traumwelt bewegen. Ich würde jedoch keinem Spieler verbieten, das Spiel im Internet mitzumachen. Das muss jeder für sich selbst entscheiden.

          Ich persönlich verfolge die sozialen Netzwerke eher vom Spielfeldrand aus und bin selbst nicht mit einem eigenen Account aktiv. Ich schätze allerdings wie viele Fans nach wie vor den direkten Dialog und stelle mich gerne jeder sachlichen Diskussion. Auch in Zeiten, in denen es mal nicht läuft. Der Fußballtrainerjob ist schließlich nichts für Schönwetterkapitäne.

          Fußball-Lehrer Mirko Slomka, 1967 in Hildesheim geboren, hat in der Bundesliga schon den FC Schalke 04 (2006-08), Hannover 96 (2010-13) und zuletzt von Februar bis September 2014 den Hamburger SV trainiert.

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