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Nico Hülkenberg : Ein Platz im Spaßmobil

Kein Spielzeug! Aber Spaß macht der Lotus allemal Bild: dpa

Lotus baut seit zwei Jahren so etwas wie das Spaßmobil der Formel 1. Nun hofft der Rennstall auf einen Vertragsabschluss mit Nico Hülkenberg. Dem Deutschen könnte kaum etwas Besseres passieren.

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          Eric Boullier ist vielleicht der unscheinbarste Teamchef der Formel 1. Der Franzose hat schwarze Haare, er trägt eine Brille, sein Bauch wölbt sich leicht über den Gürtel. Er spricht ein Englisch, wie es Franzosen sprechen. Ein bisschen tänzelnd und immer mit ein paar Umdrehungen zu viel. Wenn Boullier im Fahrerlager - wie am Wochenende in Suzuka - stehenbleibt, wird er schnell eingekreist.

          Michael Wittershagen

          Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Er ist derzeit einer der begehrtesten Gesprächspartner, zumindest bei einem Thema: Wer darf für Kimi Räikkönen im kommenden Jahr den Lotus fahren? In Suzuka beantwortete der Neununddreißigjährige diese Frage mit erstaunlicher Offenheit: „Ich hoffe“, sagte Boullier, „dass wir schon bald einen Vertrag mit Nico unterschreiben werden.“ Nico Hülkenberg also? Dem 26 Jahre alten Deutschen könnte wohl kaum etwas Besseres passieren.

          Lotus baut seit zwei Jahren so etwas wie das Spaßmobil der Branche. Der schwarze Renner ist schnell, und er schont die sensiblen Pirelli-Reifen so sehr wie kein anderer Bolide. Anfang der Saison galt Räikkönen deshalb gar als Titelkandidat. Mit beeindruckenden Leistungen hat sich der Finne nach seinem Comeback wieder ins Rampenlicht gefahren, 2014 dreht er wieder bei Ferrari am Steuer. Und womöglich weiß der Dreiunddreißigjährige gar nicht, was er aufgibt.

          „Ich dachte, Kimi ist nicht des Geldes wegen in die Formel 1 zurückgekehrt. Jetzt ist mir aber klar, dass eigentlich genau das Gegenteil der Fall war“, sagt Boullier. Lotus konnte das Gehalt des Finnen nicht immer pünktlich überweisen, aber bekommen habe Räikkönen alles, was ihm zustehe. Und noch viel mehr, wie Boullier glaubt. Denn die Ingenieure bauten nicht nur ein beeindruckendes Auto, das Team ließ dem eigenwilligen Räikkönen zudem alle Freiheiten.

          „Bis jetzt ist noch nichts entschieden“

          Hülkenberg ist derzeit so etwas wie die Königsfigur auf dem Fahrermarkt. Anders als viele seiner Kollegen bringt er nicht das Geld von großen Sponsoren mit, aber der Rheinländer verfügt über ein Talent, das nur wenige andere im Moment so konstant zur Schau stellen. Beim Großen Preis von Japan am vergangenen Sonntag wurde der Sauber-Pilot Sechster, er hat damit erheblichen Anteil daran, dass der Rennstall aus der Schweiz (45 Punkte) in der Gesamtwertung einen Angriff auf Force India (62) startet, um Platz sechs in der Konstrukteurswertung und damit um einen Bonus, einige Millionen Euro, kämpft. Leistung zahlt sich am Ende doch aus.

          Hülkenberg äußert sich öffentlich nicht zu seinen Plänen, er sagte in Japan nur, dass er bis Ende Oktober wissen wolle, wie und wo seine Karriere weitergehe. „Bis jetzt ist noch nichts entschieden“, fügte der Rheinländer hinzu. Offenbar denkt McLaren nun doch über eine Verpflichtung des Deutschen nach, auch Force India sowie ein Verbleib bei Sauber gelten als Optionen.

          Begehrter Pilot: Noch ist Nico Hülkenberg bei Sauber

          Nicht jeder Protagonist im Fahrerlager nimmt Lotus auf den ersten Blick wahr. Der Rennstall aus Enstone in England ist so etwas wie das Schattenteam - zu klein im Vergleich mit den Branchenriesen Red Bull, Ferrari und Mercedes; zu überlegen gegenüber Rennställen wie McLaren, Sauber oder Williams.

          Rang drei von Romain Grosjean in Suzuka war bereits der zwölfte Podiumsplatz des Teams in dieser Saison, nur die beiden Red-Bull Fahrer Sebastian Vettel und Mark Webber durften nach der Zieldurchfahrt gemeinsam mit ihren Mechanikern noch öfter feiern. Teamchef Boullier kann diese Entwicklung mitunter selbst nicht begreifen, er sagt: „Wir können die Rolle von Zorro, dem maskierten Rächer, nicht länger spielen. Es grenzt an ein Wunder, diese Ergebnisse mit unserem Budget einzufahren.“

          „Da sind wir manchmal aneinandergeraten“

          Rund 170 Millionen Euro gibt das Team Jahr für Jahr - so die Schätzung - für die Formel 1 aus, Red Bull und Ferrari sollen inzwischen rund 300 Millionen investieren, Mercedes und McLaren etwa 200 Millionen. „Wenn wir weiter an der Spitze mitkämpfen wollen, dann ist ein Investor unsere einzige Chance“, sagt Boullier.

          Lotus gilt als hochverschuldet, offenbar drückt den Rennstall eine Last von rund 120 Millionen Euro. Allerdings sollen Gläubiger und Haupteigentümer identisch sein. Das Geld stammt demnach von Genii Capital, einer Investmentfirma, die der Lotus-Besitzergruppe um Gerard Lopez gehört. Der Luxemburger sucht seit seinem Einstieg nach Wegen, den Rennstall auf eigene Füße zu stellen und damit Geld zu verdienen.

          Bald soll ein Deal mit dem amerikanisch-arabischen Konsortium Infinity abgeschlossen werden. Zudem bemühen sich die Verantwortlichen um Werksunterstützung von Seiten des Motorenpartners Renault. Sogar eine abermalige Umbenennung des Teams scheint nicht ausgeschlossen. Die Zukunft von Grosjean beim Team gilt als gesichert, er hat einen französischen Pass und ist schon qua Nationalität für Renault von Interesse.

          Dabei war der Siebenundzwanzigjährige in der vergangenen Saison schon abgeschrieben. Grosjean galt als Crashkid. Als einer, der mit zu viel Risiko und zu wenig Verstand unterwegs ist. Aber er hat dazugelernt und könnte nun Besuch von einem bekommen, mit dem er schon in der Formel 3 harte Duelle führte: Hülkenberg. „Nico war sicher nicht der einfachste Kollege“, sagte Grosjean. „Wir waren jung, und wir wollten unbedingt in die Formel 1. Da sind wir manchmal aneinandergeraten.“ Die Geschichte könnte sich wiederholen.

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