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Formel 1 in Monte Carlo : Der Kampf gegen die Zeit

  • -Aktualisiert am

Der Wunsch nach ewiger Jugend: Unten rast die Formel 1 vorbei - und oben sucht diese Dame nach ein wenig Entspannung Bild: nordphoto

Die Formel 1, ein Jungbrunnen! Seit Jahren wollen ihre Siegertypen der Vergänglichkeit trotzen - mit Fabelzeiten und Rekorden. Reiche in Monaco entscheiden sich dagegen lieber für eine junge Liebe.

          3 Min.

          Sebastian Vettel hat sich am Donnerstag in die Kurvendiagramme vertieft. Er hat die verlorene Zeit gesucht. An jeder Ecke im Fürstentum, in den langsamen Passagen hinunter vom Kasino zur Haarnadelkurve, zur Einfahrt in den Tunnel. „Da, wo man was verlieren kann“, sagt er. Das haben die Kollegen auch gemacht, selbst die Schnellsten. Gerade noch Bestzeit gefahren und nun schon wieder auf der Suche nach weiteren Verkürzungen. Weil es doch noch schneller geht durch die Straßenschluchten von Monaco, durch die fiese Schikane am Schwimmbad.

          Anno Hecker
          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          78 Mal kreist das Feld an diesem Sonntag über eine Piste, die viel zu eng ist, Risiken birgt, nicht taugt für 750 PS starke Boliden mit einer Beschleunigung von null auf 100 Kilometer pro Stunde in 2,5 Sekunden. Was Vettel und Kollegen dazu treibt? „Es macht Spaß“, sagt der Deutsche: „Es geht darum, die Grenzen auszutesten und zu erweitern, eine perfekte Runde hinzubekommen, noch schneller zu werden.“ Es geht um den Sieg über die fortlaufende Zeit.

          Alles muss schnell gehen - die Zeit tickt

          Sektorzeiten, Bestzeiten, Fabelzeiten: Sie schauen ständig drauf. Alles muss schnell gehen. Der Medientermin, das Briefing mit den Ingenieuren, der Einkauf im Supermarkt, das Leben. Lewis Hamilton ist die Ungeduld am Donnerstag anzusehen. Das zeigt ein flüchtiger Blick des Mercedes-Stars mitten in einem Gespräch auf seine Uhr. Ein teures Stück, groß, mit feiner Technik - und präzise, auf die Sekunde. Kaum ein Formel-1-Rennfahrer, der kein besonderes Stück am Handgelenk trägt, die meisten im Verkaufswert eines Mittelklassewagens. Im Ziel aber zeigen diese edlen Chronometer auch dem Besten immer wieder nur eines an: Seine Zeit tickt.

          Vettel ist 25 Jahre alt. Er denkt nicht an den Lauf der Zeit. Allenfalls an das nächste Rennen, kaum ist der Champagner getrocknet. Das hat ihm drei WM-Titel eingebracht in den vergangenen drei Jahren und ein übermenschliches Überholmanöver. Die halbe Medienwelt verlieh dem Heppenheimer im vergangenen Jahr „Unsterblichkeit“. Aber auch Jenson Button, der einmalige Champion von 2009, gehört, sucht man nach rhetorischen Ehrungen, zu diesem Kreis; Michael Schumacher, sieben WM-Titel, 91 Siege, sowieso.

          Alle drei, erhoben in den Status von Halbgöttern, wissen nichts damit nichts anzufangen. „Unsterblich“, hat Schumacher einmal gesagt, sei niemand. Jedenfalls kenne er keinen. Die Verehrer sind hartnäckig. „Schumi forever“ steht auf einem Plakat an der Piste in Monaco. Die Botschafter werden vergeblich auf ihn warten. Schumacher fährt nicht mehr. Aber der schöne Eindruck bleibt, die Formel 1 und ihre Siegertypen trotzten der Vergänglichkeit.

          Im wertvollsten Stau der Welt

          Nichts wirkt alt im Fahrerlager und in der Boxengasse. Alles glänzt wie neu, die Motorhomes in Reih und Glied einen Sprung weit vom Hafenbecken aufgebaut, die Boliden poliert, als rollten sie eben zum ersten Mal auf die Straße, die Uniformen der Teams gebügelt und gestärkt. Dieses Erneuerungstheater der Jugend leitet ein Greis. Bernie Ecclestone, klein, grau, 82, aber kein bisschen müde, seine Gegner in Streit zu verwickeln, ernsthaften deutschen Ermittlungen wegen Bestechung und Anstiftung zur Untreue gar mit Heiterkeit zu begegnen. Als wolle er der Welt ein Zeichen geben: Die Formel 1, ein Jungbrunnen!

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