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Designer-ABC Amies, Sir Hardy

Er war der populärste Desginer, den Königin Elisabeth II. je hatte: Sir Hardy Amies, „Dressmaker To Her Majesty“, schneiderte den Briten gerne seinen Stil auf den Leib – am liebsten den reichen und schönen unter ihnen.

© Hersteller/Hardy Amies Vergrößern Bildergalerie: Die Mode von Sir Hardy Amies

Wenn Sir Hardy Amies aus dem Fenster seines Ateliers hinabzuschauen geruhte, sah er die englische Mode vorbeispazieren. In der Savile Row, nicht weit vom Piccadilly Circus im Zentrum Londons, gehen die Kunden der traditionellen Häuser gemessenen Schrittes an den Schaufenstern entlang. Sie sind auf der Suche nach einem feinen Kleidungsstück für den Reitsport, die nächste Luncheon-Party oder einfach nur für die Kanzlei. Das sind die Kunden, die Sir Hardy, der gerne über die Mode im Allgemeinen und den Verfall der englischen Mode im Besonderen philosophierte, für seine Entwürfe im Auge hatte. Der wohl populärste Schneider, den Königin Elisabeth II. je hatte, konnte schließlich nicht jedem Engländer seinen Stil auf den Leib schneidern. Hardy Amies, der am 17. Juli 1909 geboren worden war und am 7. März 2003 im Alter von 93 Jahren starb, kümmerte sich vor allem – und in dieser Reihenfolge – um die Reichen und die Schönen.

Amies, der 1989 in den Adelsstand erhoben wurde, hatte gute Gründe für einen gesunden britischen Snobismus. Jahrzehntelang hatte er die englische Tradition mit seinen Anzügen und in seinen Büchern beschworen, hatte nach dem Krieg aus dem Nichts eines der bekanntesten Londoner Modehäuser aufgebaut, hatte mit teuren Stoffen, schönen Entwürfen und einem guten Ruf in langer Arbeit das Recht erworben, das königliche Wappen auf seinem Briefpapier und den Titel „Dressmaker To Her Majesty“ zu führen. Seine Mutter hatte als Schneiderin gearbeitet, aber der junge Amies hatte in jungen Jahren andere Dinge im Kopf.

Mehr als ein Verkäufer

Seine Eltern schickten ihn zu längeren Aufenthalten nach Frankreich, wo er als Hauslehrer Englisch unterrichtete, und nach Deutschland. In Bendorf am Rhein lebte er von 1928 bis 1930 bei einer Pastorenfamilie und arbeitete in einem Büro. Seine Auslandsaufenthalte, erzählte Sir Hardy, hätten ihm eine gewisse Weltläufigkeit und vor allem Sprachkenntnisse vermittelt, die ihm später im Geschäft zugutekamen. Als er 1930 im Alter von 21 Jahren nach England zurückkam, war er von der Mode noch immer weit entfernt. In Birmingham handelte er für eine Firma mit Waagen, die sich auch deshalb gut an Metzgereien verkauften, weil sie ein Gewicht von zwei Pfund und fünf Unzen anzeigten, wenn ein Stück Fleisch zwei Pfund und vier Unzen wog.

Seine Mutter sah in ihm mehr als einen Verkäufer und empfahl ihn einem bekannten Londoner Modehaus. Aber erst nach dem Krieg, den er als Chef der belgischen Sektion des „Intelligence Corps“ überstand, begann seine eigentliche Karriere als Modeschöpfer. In der Savile Row, der kleinen Straße mit dem großen Ruf englischer Schneiderkunst, konnte er im Oktober 1945 das Haus Nummer 14 mieten. Die Tür zu dem Haus stand ihm im wahrsten Sinne offen: Sie war herausgebombt worden. So schritt er geradewegs ins Zentrum der englischen Mode.

Seine Entwürfe genügten selbst den Wünschen einer Königin

Innerhalb eines Jahres hatte er schon mehr als 100 Mitarbeiter, mit denen er die Upper Class einkleidete. Im Jahr 1950 kündigten sich auch Prinzessin Elisabeth und Prinzessin Margaret an. Amies entwarf den Königstöchtern unter dem Eindruck des „New Look“ Kleider mit schmaler Taille und weitem, nicht allzu langem Rock. Da es sich um eine Königliche Hoheit handelte, sparte Amies, der im Jahr 1955 das Königliche Patent erhielt, nicht an Material. Schon das erste Kleid war aus schwerer Seide. Elisabeth trug am liebsten das Blau, das ihre Augenfarbe vorgab. Besonders stolz war der Schneider auf das Kleid der Königin beim Empfang in Schloß Augustusburg in Brühl während ihres Staatsbesuchs im Mai 1965: Den Farben der Wittelsbacher entsprechend, trug die Königin einen Glockenrock aus dezent blauem Satin und eine Bluse aus weißem Organza, die mit prächtigen Stickereien dem Rokoko des Deckenstucks im Schloß entsprach. Mit solchem Raffinement kam er auch den Wünschen der Königin entgegen.

Sir Hardy war auch durch seine einprägsamen Sätze einer der inspirierenden britischen Designer. „Es gibt nur einen Anzug auf der Welt“, schrieb er einmal. Im Gegensatz zu britischen Designern wie Vivienne Westwood oder Alexander McQueen, die den Schock als Marketinginstrument nutzen, setzte Amies stets auf Evolution statt Revolution. Mit dem krawattenlosen Zeitalter konnte er sich nicht so recht abfinden. Das war auch schon das Problem: Denn mit der Verfeinerung des Herrenanzugs für die Bedürfnisse von Stadt und Land beschäftigt, bemerkten die Engländer nicht, daß ihnen die Italiener dank der Zentralheizung, die sogar in britischen Schlössern Einzug hielt und Tweed überflüssig machte, in der Herrenmode den Rang abliefen. Die englischen Hersteller, so Amies, beherrschten die Verarbeitung dünner Schönwetter-Stoffe gar nicht. Außerdem waren sie dem aufwendigen „multiple tailoring“ verpflichtet und verstanden sich nicht so gut auf die schnelle Konfektion. Überhaupt waren ihnen Änderungen zuwider: „Die Geschichte hat den Anzug gemacht“, meinte Amies, „wir brauchen keine neuen Erfindungen.“

Der Name verkauft sich noch immer gut

Was für ein Schock muss es für ihn gewesen sein, als Giorgio Armani dem Mann auch noch alle Wattierungen aus den Schultern nahm. Immerhin blieb Amies der Trost, daß auch ein italienischer Gentleman noch immer danach strebe, wie ein englischer auszusehen. Im Jahr 2000 verkaufte er sein Modehaus an einen Luxuskonzern, der den Markennamen auch nach seinem Tod weiterführt. So gut verkauft sich der Name (auch über Lizenzen), dass das Modehaus in der Savile Row vor einigen Jahren renoviert und erweitert wurde. Hardy Amies lebt also weiter – wenn auch nur als Name und in den Erinnerungen seiner Kundinnen. Seine wichtigste Kundin, die Königin, muß nun auf andere Schneider ausweichen.

Quelle: FAZ.NET

 
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Veröffentlicht: 01.01.2012, 23:50 Uhr