https://www.faz.net/-gtl-9wbwj

Saisonende nach Sturz : Rebensburg zwischen Himmel und „Hölle“

  • -Aktualisiert am

Viktoria Rebensburg gab zunächst Entwarnung: „Ich habe mir ein bisserl das Knie angeschlagen.“ Bild: AP

Viktoria Rebensburg gewinnt erst die Weltcup-Abfahrt auf der Kandahar-Piste und stürzt am Tag darauf beim Super-G mit schwerwiegenden Folgen – die Saison ist für sie beendet.

          3 Min.

          Es war ein Moment des Innehaltens, als das Fernsehbild umschwenkte, weg von der Piste, hoch auf die Berge. Gerade noch hatte die Kandahar-Arena gebebt. Die Zuschauer klatschten zur flotten Musik, die der DJ bei der Fahrt von Viktoria Rebensburg aufgelegt hatte, und der stets gute Laune verbreitende Streckensprecher versuchte, die Lokalheldin beim Super-G in Garmisch-Partenkirchen förmlich zum nächsten Weltcup-Sieg zu schreien. Aber dann verkantete ihr nach einem Linksschwung auf der eisigen Kandahar-Piste im Abschnitt „Hölle“ ein Ski. Rebensburg stürzte und flog ins Fangnetz. Auf der Videowand erschien nur noch Bergpanorama. Erst nach Minuten gab es wieder Bilder von der Sturzstelle zu sehen. Die Deutsche war gerade aufgestanden, unten in Ziel brandete Beifall auf.

          Dennoch nahm das Wochenende der Extreme für Viktoria Rebensburg nun eine unglückliche Abzweigung. Es hatte am Samstag mit dem Sieg in der Abfahrt begonnen, ihrem ersten Weltcup-Erfolg in der schnellsten Disziplin überhaupt, und endete am Sonntag schmerzhaft und folgenschwer – mit dem Saisonende für die 30-Jährige. Rebensburg konnte zwar nach dem Sturz mit den Skiern ins Ziel fahren und gab kurz darauf sogar leichte Entwarnung, ehe sie davon humpelte.

          Doch dann begab sie sich ins Krankenhaus und erhielt die schlechte Nachricht: Bei einer MRT-Untersuchung wurde eine Tibiakopfimpressionsfraktur im linken Knie sowie eine Innenbandüberdehnung festgestellt, wie der Deutsche Skiverband (DSV) mitteilte. Eine Operation sei nicht notwendig, hieß es, allerdings eine Skipause von sechs bis acht Wochen. „Es ist natürlich bitter, dass die Saison vorbei ist“, wurde Rebensburg zitiert, die sich aber ihre positive Grundhaltung nicht austreiben ließ: „Ich habe noch einmal Glück im Unglück gehabt. Alle Bänder haben gehalten, und deshalb bin ich zuversichtlich, dass ich nach der Rehabilitation wieder richtig schnell Skifahren kann.“ Angesichts der vielen Kreuzbandrisse, die es zuletzt im Ski-Weltcup gab, kann die Diagnose ihrer Verletzung tatsächlich als beinahe beruhigend angesehen werden.

          Am Abend zuvor hatte Viktoria Rebensburg noch fröhlich gefeiert. Zuerst im Mannschaftshotel, dann bei der Siegerehrung vor der Spielbank in der Ortsmitte. Sie hatte Garmisch-Partenkirchen innerhalb einer Woche den zweiten deutschen Sieg beschert. Der Abfahrts-Erfolg von Thomas Dreßen „war eine sehr große Inspiration“, bekannte Rebensburg, die mit mehr als sechs Zehntelsekunden Vorsprung vor Federica Brignone aus Italien triumphierte. „Man hat noch einmal gesehen, was es bedeutet, ein Heimrennen zu gewinnen.“

          Wie der Kollege Dreßen genoss sie das feiernde Publikum, die glänzende Stimmung und die Siegerehrung in der Kandahar-Arena. „Mega geil, hammermäßig“, schwärmte sie nach dem ersten deutschen Frauen-Sieg seit zehn Jahren in Garmisch-Partenkirchen. Zuletzt hatte Maria Höfl-Riesch 2010 beim Weltcup-Finale im WM-Ort gewonnen.

          Gestern gewonnen, heute gestürzt: die Saison ist für Viktoria Rebensburg beendet.
          Gestern gewonnen, heute gestürzt: die Saison ist für Viktoria Rebensburg beendet. : Bild: AFP

          Ihr Sturz am Sonntag und die emotionale Wende des Wochenende passte dann zu Rebensburgs bisheriger Saison, die Höhepunkte wie dem Sieg im Super-G in Lake Louise im Dezember aufweisen kann, aber auch viele Rückschläge. Und einer öffentlichen Kritik von Alpinchef Wolfgang Maier an ihrem Trainingsfleiß, die für Aufsehen gesorgt hatte. Maiers Vorwurf schien sie verunsichert zu haben. Vor zwei Wochen im bulgarischen Skiresort Bansko erlebte Rebensburg die Tiefpunkte ihrer Saison mit den Plätzen 22, 16 und zwölf.

          Danach war klar: „Es musste ein Reset geben“, so Cheftrainer Jürgen Graller. „Vicky ist eine Gefühlsfahrerin, da muss immer alles passen, dann ist es okay.“ Die Tage vor Garmisch-Partenkirchen nutzte sie, sich „skitechnisch wieder auf das Niveau zu bringen, auf dem ich mich wohlfühle“. Prompt hatte Graller schon vor dem einzigen Training auf der Kandahar eine Veränderung bei seiner Vorfahrerin festgestellt, „eine andere Körpersprache. Sie war einfach wach, bereit.“

          Für viele Läuferinnen über dem Limit

          Viktoria Rebensburg selbst wollte den Sieg nun nicht als Genugtuung verstehen. Mit der Kritik des Alpindirektors habe das „überhaupt nichts zu tun“, versicherte sie. Maier wiederum ist bemüht, die Angelegenheit herunterzuspielen: „Es ist alles nicht so wild. Da wurde aus einer Mücke ein Elefant gemacht.“ Rebensburgs Leistung am Samstag bezeichnet er als „beeindruckend“, zumal sich die Kandahar-Piste „so schwierig wie seit der WM 2011 nicht mehr“ präsentiert habe.

          Seine Bedenken, dass die Frauen auf der Strecke überfordert sein könnten, bestätigten sich dann am Sonntag. Beim Sieg der Schweizerin Corinne Suter vor Nicole Schmidhofer (Österreich) kamen 17 der 52 gestarteten Läuferinnen nicht ins Ziel. Die Italienerin Sofia Goggia zog sich einen Armbruch zu. „Für viele war es am Limit, aber auch für mehr als die Hälfte über dem Limit“, fand Maier. Es sei noch einmal eisiger gewesen als am Tag zuvor, bestätigte Rebensburg, aber Kritik an der Strecke äußerte sie nicht. „Es gehört zum Skisport, wenn man Rennen gewinnen will, muss man am Limit fahren“, sagt sie. „Man muss einfach gut auf dem Außenski stehen, das habe ich halt nicht so hundertprozentig gemacht“. Mit gravierenden Folgen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Auf dem Weg zur Pressekonferenz: EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen

          EU-Konferenz : Regierungen wollen unnötige Reisen einschränken

          Die Grenzen im Binnenmarkt bleiben offen, doch sollen die Regeln noch strenger werden. Insbesondere für Menschen, die in Hochrisikogebieten leben. Genau dafür hatte sich Bundeskanzlerin Merkel stark gemacht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.