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Skispringer Wellinger : Vor der Reifeprüfung

Das nächste große Ziel vor Augen: Auf Andreas Wellinger ruhen die deutschen Skisprung-Hoffnungen bei der WM. Bild: dpa

Fachwechsel und spektakuläre Wandlung: Andreas Wellinger hat eine bewegte Karriere hinter sich – und das Potential, um bei der WM in Lahti eine Medaille zu gewinnen.

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          Die Ruhe vor dem Sturm hätte gerne noch etwas länger dauern dürfen. Andreas Wellinger hat in den vergangenen Wochen nahezu permanent aus dem Koffer gelebt auf seinen fast pausenlosen Weltcup-Einsätzen, die ihn um den halben Globus führten. Nun ist seine Exkursion durch die Skisprung-Welt vorerst beendet, zusammen mit den Teamkollegen ist der 21-Jährige in Finnland gelandet, und dort möchte der Bayer seinem nächsten Karriereziel näher kommen: einer WM-Medaille im Einzel. Die Vorbereitung auf den ersten Einsatz bei den Titelkämpfen in Lahti litten unter schwer kalkulierbaren Witterungseinflüssen. Auch seine geplanten Trainingssprünge in der Vorbereitung auf den Ernstfall in Lahti wurden immer wieder vom Winde verweht.

          Auf Wellinger konzentrieren sich die Hoffnungen des Deutschen Skiverbandes (DSV) in den nächsten sieben Tagen in den erwartet engen Auseinandersetzungen mit der Konkurrenz aus Österreich, Polen oder Slowenien. Wellinger fühlt sich ungeachtet der Strapazen ausreichend präpariert für die Reifeprüfung: „Wenn ich gut springe, so wie ich das momentan tue, dann gehöre ich auf jeden Fall zu den Anwärtern. Wenn nicht, sind zu viele Gute am Start, die dann besser sind.“ Seit dem Ende der Vierschanzentournee, die aus Sicht der Mannschaft von Bundestrainer Werner Schuster ein wenig erbauliche Veranstaltung war, machte der gebürtige Traunsteiner eine spektakuläre Wandlung durch: vom grübelnden Wackelkandidaten zum zielstrebigen Siegertypen.

          „Leader? Ich sehe das ein wenig anders“

          So steil wie bei ihm zeigt die Formkurve keines DSV-Springers nach oben: Für Wellinger sprang in Wisla der dritte Platz raus, in Zakopane wurde er Zweiter, und in Willingen stand er erstmals nach zweijähriger Pause wieder ganz oben; beim Skifliegen in Oberstdorf stellte er mit 238 Metern eine neue Bestweite auf, im japanischen Sapporo musste er sich nur Kamil Stoch (Polen) geschlagen geben, beim Olympia-Test vor Wochenfrist im südkoreanischen Pyeongchang war einzig der Österreicher Stefan Kraft besser. Nach dem Kreuzbandriss des bisherigen Frontmanns Severin Freund wuchs ausgerechnet der Youngster in die Rolle des Anführer hinein. „Natürlich kann man das jetzt so sehen, dass ich der Leader bin. Ich sehe es ein wenig anders“, sagt er vor der ersten WM-Entscheidung an diesem Samstag auf der kleinen Schanze.

          Verantwortlich für den Umbruch im deutschen Team: Werner Schuster

          „Severin hat mit seiner Professionalität den Takt vorgegeben und hat das deutsche Skispringen repräsentiert. Die anderen haben ein schönes Leben gehabt. Die wollten auch vor, aber mussten ja nicht. Das hat sich unbewusst eingeschlichen“, formuliert Schuster die Umbruchsituation im Kader. Wellinger zeige dabei die richtige Einstellung. „Das ist eine spannende Herausforderung und neu für ihn, so etwas kann man nicht trainieren“, sagt Schuster über den ehemaligen Nordischen Kombinierer.

          2011 vom Nordischen Kombinierer umgeschult

          Unter der Regie des Österreicher entschloss sich Wellinger 2011 zum Wechsel des Fachs, weil er nach eigenem Bekunden „zu faul zum Laufen“ war: „Das machte mir keinen Spaß.“ Schuster baute den Quereinsteiger mit Bedacht auf. „Andreas hat einen aggressiven Stil. Er findet immer ein Luftpolster, das ihn trägt. So was kann man nicht beibringen, das hat man – oder eben nicht.“ Der Coach, der einst in seiner Heimat Gregor Schlierenzauer und Thomas Morgenstern entdeckte und ihren Weg zu Branchenstars ebnete, verwendete bei der Ausbildung Wellingers gerne die Metapher von der Erfolgsleiter, auf der Chancen und Risiken dicht beieinander lägen: „Wenn man versuchen würde, alles etwas schneller zu erreichen, besteht die Gefahr, dass wir ins Leere treten.“

          Olympia-Gold mit der Mannschaft in Sotschi ist die bis heute größte Leistung, die in Wellingers Bilanz herausragt. Nach dem Coup wurden auch Sponsoren, die ehedem in der Hochphase der Teenie-Idole Martin Schmitt und Sven Hannawald das Skispringen für sich nutzten, auf Wellinger aufmerksam. Doch die Erwartungen, dass ihn sein Aufstieg direkt in die Weltspitze führen würden, erfüllten sich nicht. „Er ist zu Beginn mit viel Vorschusslorbeeren reingegangen. Wenn er etwas erreicht hatte, dachte er immer, das passt schon“, berichtet Schuster. „In den vergangenen zwei Jahren hat er angefangen, im Sommertraining noch konsequenter zu arbeiten, Profi zu sein über das ganze Jahr. Darum ist die Chance auf Stabilität jetzt größer.“ Schuld an seinen wechselhaften Resultaten war aber auch ein schlimmer Sturz im Winter 2014, als sich Wellinger in Kuusamo in der Luft überschlug und mit dem Rücken in den Schnee knallte.

          Der Fall veränderte einiges. Wellinger zog sich eine Schulterverletzung zu, musste operiert werden, fiel monatelang aus. Es folgte eine sportliche Durststrecke. Seine größte Stärke – die Leichtigkeit – war ihm abhanden gekommen. Seit dem ersten Schanzenrekord seiner Laufbahn, in der Qualifikation von Bischofshofen am 5. Januar, habe er „den Flow“ wiedergefunden, „im Moment passt das Gefühl. So macht Skispringen Spaß“, sagt Wellinger. „Andreas musste die Tiefen erfahren, hat sich aber wieder herangekämpft“, fasst Schuster die Ausgangslage zusammen, „er hat eine sehr intensive Reise bis zum vorläufigen Höhepunkt hinter sich.“ In Lahti kann sich das bei insgesamt vier Gelegenheiten für ihn auszahlen.

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