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Bobpilot Friedrich : Kufen, Schubkraft und Steaks

  • -Aktualisiert am

Auf Titeljagd: Francesco Friedrich braucht Argumente für Geldgeber. Bild: Imago

Bei der WM in Altenberg will Bobpilot Francesco Friedrich den „Rekord für die Ewigkeit“ einstellen. Doch der Sieg wäre nicht nur sportlich relevant. Wie der rasende Kleinunternehmer Friedrich seine Bob-Saison finanziert

          3 Min.

          Francesco Friedrich will an diesem Wochenende Historisches schaffen. Bei der Weltmeisterschaft in Altenberg möchte der 29 Jahre alte Bobpilot aus Pirna seinen sechsten Titel nacheinander im Zweier gewinnen. Bislang hält er die Bestmarke gemeinsam mit dem Italiener Eugenio Monti, der zwischen 1957 und 1961 triumphierte. Sollte dem Doppel-Olympiasieger Friedrich der Coup gelingen, dann prophezeit er: „Das wird ein Rekord für die Ewigkeit.“

          Und die Ewigkeit ist zum Greifen nahe: Schon nach zwei von vier Läufen in Altenberg führt der Weltmeister ein deutsches Quartett an, gemeinsam mit Anschieber Thorsten Margis deklassierte er die Gegner bislang geradezu: 0,94 Sekunden trennen den Sachsen vom zweitplatzierten Nico Walther (Oberbärenburg) mit Eric Franke. Johannes Lochner (Stuttgart) hat mit Christopher Weber als Dritter schon 1,09 Sekunden Rückstand auf die Spitze, Junioren-Weltmeister Richard Oelsner (Oberbärenburg/+1,10) belegt zur Halbzeit mit Malte Schwenzfeier den achtbaren vierten Rang.

          „Wir wussten genau, was wir heute tun“

          „Wir haben überhaupt nicht damit gerechnet, dass es heute so deutlich wird“, sagte Friedrich: „Im Training standen uns die anderen auf der Hacke. Aber wir haben uns jahrelang auf diese WM vorbereitet, wir wussten genau, was wir heute tun, welches Material wir bei diesen Bedingungen brauchen.“

          Der Erfolg hätte für Francesco Friedrich aber nicht nur eine sportliche Bedeutung. Er würde ihm auch die Vorbereitung auf die Olympischen Spiele 2022 in Peking erheblich erleichtern. Schließlich ist der Bobpilot auch als Kleinunternehmer unterwegs, denn er ist fast allein für sein Material und seine Mannschaft verantwortlich. Die wichtigste Aufgabe, die er lösen muss, ist die Finanzierung. Auf etwa 150.000 Euro wird sein Budget taxiert. Die Bobs, die circa 100.000 Euro kosten, werden zwar vom Verband gestellt. Dafür muss er allerdings auch die attraktivsten Werbeflächen abtreten. Für seine persönlichen Sponsoren bleiben ihm eine größere Fläche auf der Haube sowie eine auf jeder Seite.

          Selbst Friedrich tut sich trotz seiner Erfolge nicht immer leicht, Förderer zu akquirieren. „Es ist nicht so, dass ich mit dem Finger schnipse und die Sponsoren kommen“, sagt er. „Man muss sich kümmern und drehen und verhandeln und Sachen ausdenken, mit denen man sie locken kann.“ Wenn man viele Follower in den sozialen Medien hat, ist das ein Argument. Autogrammstunden auch, „bei denen man uns anfassen kann“. Trotzdem müsse er immer wieder Klinken putzen, so Friedrich. Manchmal geht es gut. Als sich vor zwei Jahren eine große Bank von ihm verabschiedete, weil sie generell aus dem Sponsoring im Bobsport aussteigen wollte, fand er in der regionalen Sparkasse einen neuen Partner. „Das war ein Glückstreffer“, sagt er. „Andere Flächen habe ich zum Teil erst nach zwei Weltcups losgekriegt.“

          Empörung über verliehene Kufen

          Schon zu Beginn seiner Karriere erhielt Friedrich eine Anschubhilfe. Sein Coach Gerd Leopold erkannte früh seine besonderen Fähigkeiten. Als „Jahrhunderttalent“ beschrieb er ihn einmal. Deshalb ließ er sich 2011 einen Termin beim Pirnaer Oberbürgermeister Klaus-Peter Hanke geben. Das Gespräch begann Leopold mit der kecken Frage: „Wollen Sie 2014 einen Medaillengewinner im Rathaus empfangen?“ Auf das verdutzte „Warum?“, antwortete er: „Ich hätte einen Kandidaten, der braucht aber Unterstützung.“ Von diesem Moment an half Hanke bei der Sponsoren-Akquise – vom Privatdetektiv über den Getränkehändler bis zum Baugeschäft. Mittlerweile hat diesen Part der Pilot selbst übernommen.

          Einen dicken Posten auf der Ausgabenseite machen die Kufen aus. Etwa 15 Sätze, für alle Eis- und Wetterverhältnisse, besitzt ein Spitzenpilot wie Friedrich. Diese halten bei pfleglicher Behandlung allerdings die komplette Karriere. Den Stahl dafür liefert zum Preis von 2000 Euro exklusiv eine Firma in der Schweiz. Anschließend müssen die Rohlinge in die richtige Form gefräst werden. Das kostet zwischen 3000 und 3500 Euro.

          Danach erst zeigt sich, ob die Kufen auch wirklich schnell sind. Deswegen sind eingefahrene Kufen sehr begehrt. Manuel Machata hatte 2014 für heftige Diskussionen gesorgt, als er einen Kufensatz, den er von einem Schweizer ausgeliehen hatte, für die Olympischen Spiele in Sotschi an Alexander Subkow verlieh. Als der Russe damit beide Wettbewerbe gewann und die deutschen Bobfahrer hinter den Erwartungen zurückblieben, war die Empörung groß. Dass Subkow drei Jahre später die Goldmedaillen wegen Dopings aberkannt wurden, hatte mit den Kufen jedoch nichts zu tun.

          Was wäre ein Bobpilot ohne seine Anschieber? Nichts. Deshalb sind diese ihm lieb und teuer. Während sie früher pauschal bezahlt wurden, bekommen sie mittlerweile erfolgsabhängige Prämien. Für die beste Startzeit gibt es 200 Euro, für die beste Laufzeit 300 Euro. Da jeder Wettkampf aus zwei Läufen besteht, sind im besten Fall 1000 Euro zu verdienen.

          Während im Winter überwiegend der Verband die Kosten für Reisen, Unterkunft und Verpflegung übernimmt, ist dies in der Vorbereitung Sache des Piloten. Grundsätzlich trifft sich Friedrich mit seinen fünf Anschiebern alle zwei Wochen. Wenn nach getaner Trainingsarbeit die gesamte Crew zum Essen geht, bestellen die starken Männer keinen Fitnesssalat, sondern selbstverständlich ein Steak. Doch sollte Francesco Friedrich an diesem Wochenende den historischen Erfolg schaffen, dann haben sich all seine Investitionen gelohnt.

          Kalicki holt überraschend Silber

          Junioren-Weltmeisterin Kim Kalicki hat eine Sensation bei der Bob-WM in Altenberg nur knapp verpasst und mit dem Gewinn der Silbermedaille für Aufsehen gesorgt. Die 22-Jährige musste sich einzig der zweimaligen Olympiasiegerin Kaillie Humphries (Vereinigte Staaten) geschlagen geben, der Rückstand von Kalicki und ihrer Anschieberin Kira Lipperheide betrug nach vier Läufen lediglich 0,37 Sekunden auf die Favoritin. Für Humphries ist es der dritte WM-Titel nach 2012 und 2013. (sid)

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