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Jahrhundertspiel der Eintracht : „Ich dachte: Dieses Spiel ist ein Schwindel“

  • -Aktualisiert am

Ferenc Puskas erzielt Real Madrid's fünftes Tor. Bild: picture alliance/United Archives

1960 spielten die Frankfurter Feierabendkicker in einem epischen Landesmeisterfinale gegen Real Madrid. „Die Götter in Weiß“ zeigten die höchste Fußball-Kunstfertigkeit. Jetzt kommt es zur Neuauflage.

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          Der Mythos Glasgow lebt wieder auf. Denn der UEFA Super Cup Real Madrid gegen Eintracht Frankfurt am Mittwoch in Helsinki (21.00 Uhr bei RTL und DAZN) weckt Erinnerungen an ein historisches Fußball-Spektakel. „Die Götter in Weiß“, so die ehrfürchtige Bewunderung des heute 87 Jahre alten Frankfurter Mittelstürmers Erwin Stein, zelebrierten vor 62 Jahren noch nie gesehene Kunstfertigkeit.

          Angeführt von den Ikonen Alfredo di Stéfano und Ferenc Puskás gewann die beste Mannschaft der Welt zum fünften Mal in Folge den 1955 erfundenen Europapokal der Landesmeister. Der Argentinier di Stéfano (3) und der Ungar Puskás (4) schossen am 18. Mai 1960 im Glasgower Hampden-Park vor 127.621 begeisterten Zuschauern alle Tore zum 7:3-Sieg über den deutschen Meister Eintracht Frankfurt. „Niemals zuvor hat Real Madrid ein solches Schauspiel geboten“, schwärmte die französische Zeitung „Parisien Liberé“. Der internationale Fußballverband FIFA bestimmte nach einer Umfrage unter Journalisten die Glasgow-Gala zum „Spiel des Jahrhunderts“.

          „The greatest ever“

          Das Ereignis wurde im deutschen Fernsehen nicht live gesendet. Die eineinhalbstündige Originalübertragung der BBC mit dem unaufgeregten Kommentator Kenneth Wolstenholme aber lässt sich im Internet bestaunen. Tempo, Technik und Tricks veranschaulichen, dass die „Königlichen“ jener Epoche der Zeit weit voraus waren.

          „Sir“ Bobby Charlton, Idol von Manchester United, wurde nach der Live-Übertragung zitiert: „Mein erster Gedanke war, dieses Spiel ist ein Schwindel, geschnitten, ein Film, weil diese Spieler Dinge taten, die nicht möglich sind, nicht real, nicht menschlich.“ Wolstenholme nennt den schon 33 Jahre alten Puskás, beeindruckt von dessen präzisen Pässen und gewaltigen Torschüssen, darunter ein (umstrittener) Elfmeter, „still the greatest ever“.

          Die Eintracht war ein prächtiger Gegner. Der Mut und die Motivation gegen diese hochprofessionelle Weltauswahl des legendären Real-Präsidenten Santiago Bernabéu wurden Teil der „Show“. Die Angriffslust in den ersten zwanzig Minuten mit dem herausragenden Richard Kreß begeisterte das schottische Publikum und entfachte den berühmten „Hampden Roar“. Wolstenholme kommentiert: „Eintracht plays very good football. The crowd loves this match.“ (Die Eintracht spielt sehr guten Fußball. Die Zuschauer lieben dieses Spiel.) Mit einem Direktschuss nach einer Flanke Steins von rechts brachte Kreß den krassen Außenseiter in der 18. Minute sensationell 1:0 in Führung.

          Ehrenwertes Endergebnis

          Sofort entfachte Real einen Feuerzauber. Der ehemalige Kapitän Miguel Muñoz hatte in seiner ersten Trainersaison ein traumwandlerisch harmonierendes Ballett geschaffen. „Wir wurden nach Strich und Faden ausgespielt“, erinnert sich der 91 Jahre alte Torhüter Egon Loy. Zwar sagt Erwin Stein heute über den uruguayischen Weltklassestopper José Santamaría: „Der Kerl hat mich nicht vorbeigelassen.“ Dennoch gelangen ihm gegen die zum Schluss nachlässige Real-Abwehr zwei Tore zum 2:6 und 3:7, dem ehrenwerten Endergebnis. „Eintracht is a gallant loser“, ein ritterlicher Verlierer, würdigt Wolstenholme die tüchtige Frankfurter Mannschaft.

          Tor für die Eintracht: Richard Kreß überlistet Torwart Rogelio Dominguez. Doch am Ende eines herausragenden Europapokalfinales siegt Madrid im prall gefüllten Glasgower Hampden-Park.
          Tor für die Eintracht: Richard Kreß überlistet Torwart Rogelio Dominguez. Doch am Ende eines herausragenden Europapokalfinales siegt Madrid im prall gefüllten Glasgower Hampden-Park. : Bild: imago images/Pressefoto Baumann

          „Da spielten Vollprofis gegen Feierabendkicker“, verweist Dieter Stinka auf die bürgerlichen Berufe der damaligen Vertragsamateure. Die hatten nach zähen Verhandlungen dem Präsidenten Rudi Gramlich für das Erreichen des Finales die Spottprämie von 3000 Mark in die Mannschaftskasse abgerungen. Wie der Zufall so mitspielt: Dieter Stinka, der linke Läufer, feiert am 10. August seinen 85. Geburtstag – in Helsinki mit seiner Frau Helga und Erwin Stein. Die Eintracht hat eingeladen und eine Torte bestellt.

          Im Museum des Waldstadions ist ein sensationelles Glasgow-Exponat zu bestaunen: Der Ball mit den (etwas verblichenen) Signaturen aller Real-Stars. Richard Kreß hatte sich beim Abpfiff des schottischen Schiedsrichters Jack Mowat das runde Leder geschnappt. Beim Bankett wurde der Torschütze zum Autogrammsammler. Erst 2006, zehn Jahre nach dem Tod* ihres Mannes, gab Ingeborg Kreß dem Drängen des emsigen Museumsleiters Matthias Thoma nach. „Gut, holen Sie den Ball.“ Seitdem ist dieser Schatz sichtbares Vermächtnis des epischen Spiels der Eintracht gegen Real Madrid anno 1960.

          *Nach dem Tod Hans Weilbächers am 1. August leben noch Egon Loy, Friedel Lutz, Dieter Stinka, Dieter Lindner, Erwin Stein.

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