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Handball-Trainer Wiegert : „Mir wird da zu viel gemeckert“

  • -Aktualisiert am

Magdeburg Bennet Wiegert: „Wir müssen mit der Belastung klarkommen und nicht zu viel drüber reden.“ Bild: dpa

Der Magdeburger Trainer Wiegert will immer gewinnen, im EHF-Final-Four wie beim „Mensch ärgere Dich nicht“. Seine Lust am Handball und seinen Erfolgshunger lässt er sich nicht nehmen.

          An diesem Samstag (14.15 Uhr) gegen Saint-Raphaël Var, dann im Finale am Pfingstsonntag gegen Göppingen oder Berlin, die sich im zweiten Halbfinale (17 Uhr) gegenüber stehen gewinnen – und der SC Magdeburg hätte den ersehnten ersten Titel dieser Saison. Als formstarker Gastgeber des „kleinen“ Europapokals namens EHF-Cup sieht Trainer Bennet Wiegert seine Mannschaft als Favorit auf den Gewinn dieser Handball-Trophäe.

          Sie haben Ihre Rolle im EHF-Final-Four klar formuliert: Wir wollen gewinnen. Ist das so Ihre Art?

          Ich bin der klassische Typ, der verlieren hasst – auch gegen meine Kinder im „Mensch ärgere Dich nicht“. In diesem Turnier kann man nicht verhindern, dass wir als Gastgeber der Favorit sind. Wir haben die Trainingsperiodisierung komplett auf das Final Four ausgelegt. Und jetzt wollen wir es auch gewinnen.

          Understatement, um die Favoritenrolle wegzuschieben, ist nicht Ihr Ding?

          Ich bin da wie ein Kleinkind – ich möchte alles mitnehmen. Für uns waren ja zwei Titel plus die Champions League möglich. Die hätte ich alle genommen. Jetzt sind ein Titel und die Champions-League-Qualifikation möglich. Es ist schon jetzt eine gute Saison, trotz der bitteren Niederlage im DHB-Pokal-Halbfinale gegen die Rhein-Neckar Löwen. Aber greifbar wird Erfolg erst, wenn etwas auf dem Briefkopf steht, und da wollen wir dieses Jahr hin.

          Ist die Champions League nicht eher eine Belastung?

          Man muss einfach sehen, dass sie uns hier in Magdeburg richtig die Halle füllen würde. Das ist ein echter wirtschaftlicher Faktor. Außerdem ist die Aussicht auf die Champions League ein starkes Argument in Vertragsverhandlungen, das wird jeder bestätigen. Dass wir Jannik Green, Christian O’Sullivan und Michael Damgaard haben halten können, liegt an unseren guten Aussichten. Wir sind absolut wettbewerbsfähig mit den Spitzenteams. Wir sind an einem guten Tag in der Lage, jedes europäische Topteam zu besiegen. Nur an der Konstanz müssen wir arbeiten. Das ist die Aufgabe der nächsten Jahre.

          Sie leben Handball – haben Sie hier Ihren Traumjob gefunden?

          Ich bin hier aufgewachsen, ich bin am Puls der Stadt, ich kriege alles mit. Es ist nicht immer einfach, hier zu arbeiten, in dieser speziellen Handballstadt mit viel Tradition. Für mich war es wichtig, mit dem Sieg im DHB-Pokal 2016 gegen Flensburg zu zeigen, dass wir und ich Titel holen können. Deswegen habe ich auch damals energisch verlangt, dass meine Arbeit hier realistisch eingeschätzt wird. Als junger Trainer wünscht man sich, akzeptiert zu werden und nicht ewig an seinen relativ jungen Jahren gemessen zu werden. Das Etikett „Der junge Trainer aus Magdeburg“ passt doch gar nicht mehr auf mich. Ich bin 36 Jahre und mehr als zweieinhalb Jahre im Amt. Es gab immer diesen Unterton, der mitschwang – ich sei zu jung, ich sei ein Laptop-Trainer, Magdeburg sei eine Nummer zu groß. Das hat mich gepusht, weil ich mir wünsche, dass ich als Trainer danach beurteilt werde, ob ich es gut oder nicht so gut mache.

          Ein großer Moment: Trainer Bennet Wiegert holt mit Magdeburg 2016 den DHB-Pokal.

          Hier kennt Sie jeder, Ihre Arbeit ist gläsern. Kann das ein Nachteil sein, etwa, wenn es ums Abschalten geht?

          In Magdeburg sind wir offen. Ich werde immer angesprochen, die Leute sagen Bennet, Benno oder Trainer, keiner sagt: Herr Wiegert. Es gibt noch so viel zu tun für uns. Der Tag könnte 48 Stunden haben. Als ich Ende 2015 als Trainer anfing, war das ein riesiger Vertrauensbeweis der Klubführung. Und allen, die sagen, der Wiegert ist immer in Magdeburg, der braucht mal etwas anderes, dem sage ich: Ich brauche keinen Tapetenwechsel. Wir sind hier noch lange nicht am Ende. Es gibt für mich hier Chancen und Möglichkeiten, die ich anderswo nicht hätte. Es wird hier im Verein garantiert kein Spieler geholt, den ich nicht will.

          Nach Jahren des Schuldenabbaus gilt der SCM als gesund, aber trotzdem fehlt Geld für Stars. Führt der Weg über den traditionell guten Nachwuchs?

          Ich finde, wir haben Stars. Ich habe genau die Mannschaft, die ich haben will. Da gibt es nichts zu klagen. Für mich haben wir 16 Topspieler. Aber ich weiß, was Sie meinen. Es muss uns gelingen, alle fünf Jahre einen Profi herauszubringen. Nicht unbedingt auf den dominanten Rückraumpositionen. Aber außen, im Tor, am Kreis. Die Zuschauer lechzen danach, einen Magdeburger Spieler zu bekommen, mit dem sie sich identifizieren können.

          Ein großes Thema ist die Überbelastung. Sie haben dazu eine ungewöhnliche Meinung.

          Ich sehe das ein bisschen anders. Wir spielen im Winter in der warmen Halle, und den Ball in die Hand zu nehmen macht Spaß. Das Thema Überbelastung gilt doch für viele gar nicht. Das ist ein Luxusproblem für die meisten. Es betrifft einige Nationalspieler. Ich weiß, wie hart wir trainieren, und ich weiß von den Spielern, dass sie viel lieber spielen. Das sind doch alles Wettkampftypen! Wenn mir einer sagt, wir sind müde, sage ich: so ein Quatsch. Das ist ein Privileg. Du verdienst dein Geld mit Handball. Müdigkeit verhindert man durch gute Trainingssteuerung.

          Aber woher kommen dann die Wechsel von Stars in andere Ligen?

          Sicher ist es für einige zu viel, wenn sie Nationalspieler sind und Familien haben. Aber mir wird da zu viel gemeckert. Wir müssen mit der Belastung klarkommen und nicht zu viel drüber reden. Ich habe ein Grinsen im Gesicht, wenn ich in den Bus steige. Ich freue mich auf andere Länder, andere Sitten, auf die Reisen. Und die Klagen, dass man in der Champions League so viel unterwegs ist, kann ich nicht nachvollziehen. Als Handballprofi bewegst du dich immer in deinem Jungskreis. Die Jungs steigen in den Bus, blödeln, gucken Filme, sind unter Freunden. Da kann mir keiner sagen, er vermisst etwas oder wie schwer er es hat.

          Die Fragen stellte Frank Heike.

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