https://www.faz.net/-gtl-8da0o

Europameister Finn Lemke : Viel mehr als nur Handball im Kopf

  • -Aktualisiert am

Finn Lemke will auf dem Handballfeld eher Leisetreter statt Lautsprecher sein Bild: dpa

Handballspieler Finn Lemke ist alles andere als ein Show-Maker: Im Alltag ein sanfter Riese, in der Abwehrarbeit hart zupackend – dabei hat er gelernt, seine Emotionen richtig einzusetzen.

          3 Min.

          Der Rummel dauert an. Die deutschen Handballspieler werden gefordert und gefeiert in der Republik. Talkshows, Empfänge, Einladungen – die Europameister im Auge des Orkans, den sie mit ihrem überraschenden Triumph von Polen ausgelöst haben. Das All Star Game am vergangenen Freitag in Nürnberg, bei dem das Nationalteam gegen die Auswahl der besten Spieler der Handball-Bundesliga antrat, war abermals ein Schaulaufen. Das Ergebnis (36:36) war Nebensache, das Spiel selbst verbreitete aber eine Menge Spaß, auf den Rängen wie auf dem Platz. Den Alltag werden die Spieler erst in der kommenden Woche wieder haben, wenn die Liga ins neue Jahr startet.

          „Aufregend“ findet das Finn Lemke, neben Torhüter Andreas Wolff die vielleicht größte Entdeckung der EM: „Aber es beängstigt mich auch etwas.“ So viel Aufmerksamkeit ist seine Sache nicht. Gleich nach dem Berliner Empfang hatte Lemke sich rar gemacht und sich zu Freundin und Hund in Magdeburg zurückgezogen. „Es ist nicht mein Naturell, so vielen Leuten von mir zu erzählen. Deswegen habe ich mich komplett abgeseilt. Das war auch mit dem Verein so besprochen“, sagt er. Ruhe nach all der Aufregung brauchte Lemke, um Abstand zu gewinnen und Kraft zu tanken. Die finde er ohnehin nur in familiärer Umgebung.

          „Sehr introvertiert und schüchtern“

          Und dann ergänzt der 23-Jährige: „Ich bin auch sehr introvertiert und schüchtern.“ Zaghaft? Die Aussage überrascht. Fiel der baumlange Lemke während der EM doch eher als kräftig zupackender Abwehrspieler auf, dessen harter Einsatz die Statik der Mannschaft stabilisierte. Von der deutschen Mauer war die Rede. Lemkes Nebenmänner profitieren von seiner kargen Bodenständigkeit, und die Mannschaft firmierte bald unter dem Titel „bad boys“. Und wirklich schüchtern kam auch seine Kabinenansprache aus dem Spanien-Spiel nicht rüber.

          Der Schatten des Abwehrspezialisten reicht weit über den Kreis. Hinter ihm fühlen sich die Torhüter wohl. Doch er selbst konnte sich mit seiner Rolle nicht recht anfreunden, hing sogar dem Gefühl an, nie so gut zu werden, wie die anderen. „Ich bin mir früher doof vorgekommen, weil ich nicht die rechte Konstanz in mein Spiel reinbekommen habe.“

          Mit seiner reflektierten Art hätte er sich damals selbst im Weg gestanden. Selbstzweifel löschten alles Feuer in ihm, und das dürfe im Handball eben nicht fehlen. So musste er die Dosierung der Emotionalität in seinem Spiel erst erlernen. Aus intensiven Gesprächen mit seinem Mentor aus dem Eliteprogramm des Handballs, Verbands-Sportdirektor Wolfgang Sommerfeld, entwickelten beide für Lemke ein mentales Programm, mit dem er sich beibrachte, die Reaktionen auf seine Leistung zu steuern. „Früher konnte ich meine Leistung über ein Spiel nicht halten. Jetzt weiß ich, dass ich mit Emotionen in jeder Sekunde des Spiels, egal ob auf dem Feld oder auf der Bank, der Mannschaft am meisten helfe.“ Nun traue er sich auch manche forsche Ansprache zu.

          Der Wechsel nach Magdeburg im vergangenen Sommer habe ihm dann zusätzlich eine andere Sicht verschafft. „Es war mein erster großer Wechsel, der mit gezeigt hat, woran ich noch arbeiten kann“, sagt Lemke. Um in der neuen Heimat sein ganzes Potential zu nutzen. „Finn ist ein schlafender Riese“, sagt auch sein Förderer Sommerfeld. „Wenn der sich mal mehr in der Offensive einbringen kann, ist der bei seiner Größe doch nicht zu stoppen.“

          Allein die sportlichen Leistungen sind nicht der Grund für Lemkes gewonnene Sicherheit. Vielmehr erfüllt der Ausgleich zum Handballbetrieb den 2,10 Meter großen Spieler: die Arbeit in Behinderten-Werkstätten und das Studium der sozialen Arbeit. „Dieses stereotype Profidasein liegt mir einfach nicht“, sagt er. „Deswegen habe ich das Studium angefangen.“ Die Arbeit mit behinderten Menschen kennt er ohnehin aus Jugendtagen. Der erste Bezug entstand im Alter von 14 Jahren. „Das war ein Schulpraktikum in Holland, und ich hatte mir eines im Bereich Physiotherapie ausgesucht, wusste aber nicht, dass das dort an eine Stiftung angegliedert war“, erinnert sich der gebürtige Bremer. Im Jahr darauf folgte ein weiteres Praktikum in Edinburgh und dann mit 16 eines in der Stiftung Friedehorst in Bremen.

          Aus diesen Erfahrungen zieht Lemke sein Selbstbewusstsein. Im Umgang mit den Menschen erfahre er ein Feedback, das sonst ausbleibt. „Ich habe nicht das Gefühl, dass das die Realität ist, die wir als Sportler erleben. Schließlich befassen wir uns nur damit und sind umgeben von einem Umfeld, das sich auch nur damit beschäftigen möchte.“ Wenngleich es im Verein nicht ganz so extrem sei, hätten doch alle nur Handball im Kopf. „Mir fehlt dann die Abwechslung, mich mit Themen zu beschäftigen, die aus dem Herzen kommen, und sich mit anderen Leuten auseinanderzusetzen, die da ähnlich denken“, beschreibt Lemke sein Profidasein. „Das erfüllt mich.“

          Kluger Kopf: Finn Lemke bei der Lektüre

          Finn Lemke ist nun mal kein Show-Maker. Eher einer für die kleinen Gesten mit großer Wirkung. Die Werbekampagne der F.A.Z., bei der die deutschen Handballer in Mannschaftsstärke das Tor dicht machen, findet daher besondere Zustimmung. Zwischen Torpfosten und Querlatte eines Handballtors quetschen sich die Nationalspieler hinter eine Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Eine abwechslungsreiche deutsche Mauer.

          Weitere Themen

          Dortmund muss auf Barcelona hoffen Video-Seite öffnen

          BVB in der Champions League : Dortmund muss auf Barcelona hoffen

          Dienstagabend geht es für Borussia Dortmund darum, ob das Team von Lucien Favre die Gruppenphase übersteht. Momentan punktgleich mit Inter Mailand, jedoch mit dem schlechteren Torverhältnis, muss der BVB auf ein gutes Ergebnis des FC Barcelonas bei den Italienern hoffen.

          Topmeldungen

          Nächtliche Pressekonferenz: Selenskyj, Merkel, Macron und Putin im Elysée-Palast

          Ukraine-Gipfel : Bewegung in einen versteinerten Prozess

          Der Stillstand sei überwunden, versichern Merkel und Macron nach neun Stunden Verhandlungen. Putin wittert Tauwetter. Doch Selenskyj ist skeptisch: „Mir ist das viel zu wenig.“

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.