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CHIO : Warum die Corona-Version besser ist als nichts

  • -Aktualisiert am

Begrüßung in Corona-Zeiten: Simone Blum, Weltmeisterin im Springreiten, mit einem vierbeinigen Freund Bild: dpa

Überall trifft man auf die Geister der Soers. Der Corona-Abklatsch des CHIO bringt großen Sport vor kleiner Kulisse. Niemand klagt. Auch wenn die Abwesenheit des Publikums schnell bemerkt wird. Doch es gibt Lösungen.

          3 Min.

          Springreiter sind handfeste Leute und nicht unbedingt die größten Philosophen. Aber alle, die da waren, haben es bei der coronabedingten Nachholversion des Reitturniers in Aachen gespürt und zum Teil auch beklagt: die Anwesenheit des Abwesenden. Es war eine arg reduzierte Show, nur Springen statt fünf Disziplinen, und mit knapp 200.000 Euro Preisgeld statt 3,5 Millionen. Aber besser als gar nichts. „Dass wenigstens etwas Kleines stattfindet, das ist immens wichtig“, sagte der ehemalige Europameister Christian Ahlmann. Doch als er am Samstagmorgen auf das Gelände kam, wurde ihm das Herz schwer. Ein einziger ehrenamtlicher Ordner in der offiziellen grünen Jacke des CHIO Aachen am Eingang, wo bei einem üblicherweise die Pferdeleute durcheinander wuseln – das war’s. Die beiden seufzten ein bisschen zusammen. „Das fehlt so“, sagte Ahlmann.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Das Gras im Riesenstadion in der Soers, wo 45.000 Zuschauer hineinpassen, leuchtete in der Stille. Die Springen des „Aachen International Jumping“ wurden von Freitag bis Sonntag im viel kleineren Dressurstadion abgehalten. 300 Zuschauer rückten auf den 6500 Plätzen zusammen, so nah es erlaubt war. Die schmucke Ladenmeile gab es nicht, am Morgen krächzten Krähen dort. Überall die Geister der Soers. Wer am Abreiteplatz um die Ecke bog, erwartete auf der Bank automatisch den Typen mit dem locker um die Schultern gelegten Pullover, der dort immer raucht: Er fehlte. Und das Fahrrad des Turnierleiters Frank Kemperman vor seinem Büro in der Haupttribüne? War da. „Das Starterfeld ist unglaublich“, sagte Kemperman mit nimmermüder Begeisterung über die 50 Teilnehmer der Großen Tour – zudem waren 25 Nachwuchsreiter zugelassen. Aachen rief – und die Top-Leute strömten. Anfragen habe er doppelt so viele gehabt. Schließlich gibt es kaum Startmöglichkeiten im Moment. Einige Cracks waren am Wochenende zuvor noch bei der Turnierserie in St. Tropez aktiv, es folgt ein hochklassiges Turnier in Valkenswaard. Sie alle brauchen die Auftritte, nicht allein wegen der Preisgeld-Einnahmen, die den Turnierställen bei laufenden Kosten weggebrochen sind, sondern auch, um den Wert der Pferde zu steigern, deren Verkauf für die meisten ein wichtiges wirtschaftliches Standbein ist. Der Markt liegt ohnehin fast am Boden. Was auffällt: Niemand klagt. Pferdeleute sind es gewohnt, die Unwägbarkeiten des Schicksals hinzunehmen. „Das lernen wir von Kindesbeinen an“, sagte Ahlmann.

          Optische Schwierigkeiten und technische Herausforderungen

          Reiter werden von ihren Pferden geerdet. Irgendetwas passiert immer, das sie am Abheben hindert. Zum Beispiel fuhr Alice, dem wahrscheinlich aktuell besten Springpferd der Welt, kurz vor dem Turnier ein Hexenschuss ins Kreuz. Die Stute belegte zwar eine Box im Aachener Stall, aber Simone Blum, die vor zwei Jahren mit Alice den Weltmeistertitel gewonnen hat und bei Olympia dieses Jahr in Tokio Mitfavoritin gewesen wäre, konnte nur ihr Zweitpferd Cool Hill an den Start bringen, aktuell kein Kandidat für einen Sieg gegen die Weltklasse. Der Abklatsch des Großen Preises war bei Redaktionsschluss am Sonntag noch nicht beendet. Das Hauptspringen am Vortag gewann Ahlmann, der auf dem erst achtjährigen Mandato mit einer gewagten Linienführung das Klein-Publikum zum Staunen brachte. Am Freitag siegte in einem ebenfalls rasanten Stechen Philipp Weishaupt auf Koby. Zwar musste sich Parcourschef Frank Rothenberger in der Größe der Hindernisse beschränken – die Dimension eines Springens orientiert sich vor allem am Preisgeld. Aber er brachte das Weltklassefeld mit Raffinesse auseinander: enger Zeitbemessung, optischen Schwierigkeiten und technischen Herausforderungen. Das alles hätte ein größeres Publikum verdient gehabt. Dass der Sieger vom Sonntag nicht auf der Ruhmestafel am Richterturm eingetragen wird, die im Jahr 1927 beginnt, ist aber berechtigt. Ein richtiger Großer Preis von Aachen ist anders.

          Bundestrainer Otto Becker genoss trotzdem den Sport. Auch ein Blick in die Zukunft war möglich: Der 23 Jahre alte Richard Vogel, seit kurzem in Dagobertshausen bei Marburg zu Hause, beeindruckte mit drei Siegen, einem zweiten und einem dritten Platz. „Aber so richtig planen kann ich im Moment nicht“, sagt Becker. „Man weiß ja nicht einmal sicher, dass es nächstes Jahr Olympische Spiele gibt.“ Immerhin werden im November deutsche Meisterschaften abgehalten, in Ludger Beerbaums Reitsportzentrum in Riesenbeck.

          Und wie geht es in Aachen weiter? Der Veranstalter, der Aachen-Laurensberger Rennverein und die Reitturnier GmbH, hat seit einer ersten Phase der Kurzarbeit für 42 Mitarbeiter nicht nur das späte Turnier auf die Beine gestellt. Ein großes Projekt, der „CHIO Aachen Campus“, wurde vorangetrieben. Das Gelände in der Soers soll künftig das ganze Jahr genutzt werden für Nachwuchsförderung, Trainingslager, Seminare, man hofft, das Areal um ein weiteres Stadion erweitern zu können. Auch digital zeigt Aachen mehr Präsenz. Im August wurde im Netz aus alten Bildern ein CHIO abgehalten. Zum virtuellen Abschied der Nationen konnten Fans Videos einschicken, auf denen sie – wie sonst traditionell am Ort – mit weißen Taschentüchern winken. Da gab es dann die eine oder andere Träne. „Das hat weh getan“, sagte Turnierleiter Kemperman.

          Maikel van der Vleuten triumphiert

          Der Niederländer Maikel van der Vleuten hat den Großen Preis beim Springturnier in Aachen gewonnen. Der 32-Jährige ritt am Sonntag zum Abschluss auf Beauville zum Sieg und sicherte sich die Prämie von 25 000 Euro. Im Stechen war das Paar in 44,77 Sekunden um etwas mehr sechs Zehntelsekunden schneller als der Schwede Henrik von Eckermann auf Peter Pan. Der Franzose Julien Epaillard wurde mit Safar d'Auge Dritter. Bester Deutscher war Altmeister Ludger Beerbaum (57). Der viermalige Olympiasieger kam mit der erst achtjährigen Stute Mila auf Rang sechs und blieb ebenfalls fehlerfrei. 21 Starter waren im Normalumlauf ohne Strafpunkte geblieben, im Stechen gelangen sieben Paaren jeweils eine Nullrunde. (dpa)

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