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WM-Qualifikation : Warum der Basketballauswahl die Besten fehlen

  • -Aktualisiert am

Auch Dennis Schröder wird beim WM Qualifikationsspiel gegen Georgien fehlen. Bild: dpa

Eine WM-Qualifikation ohne die erste Wahl? Das ist keineswegs ein spezifisch deutsches Problem, sondern vielmehr eine kontinentale Misere. Das sorgt für Ärger.

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          An diesem Freitagabend bestreitet die deutsche Basketball-Nationalmannschaft gegen Georgien ihr erstes Qualifikationsspiel für die WM 2019 in China. Da sollten die Besten auf dem Parkett stehen. Doch wer vor der Partie in Chemnitz einen Blick auf den Kader wirft, der wird viele bekannte Namen vermissen. Neben dem zurückgetretenen Dirk Nowitzki fehlen Dennis Schröder, Paul Zipser, Daniel Theis und Maximilian Kleber, also alle deutschen Profis der nordamerikanischen Profiliga NBA.

          Aber auch die Euroleague-Spieler Tibor Pleiß (Valencia), Johannes Voigtmann (Vitoria), Maodo Lo, Lucca Staiger und Patrick Heckmann (alle Bamberg) sind nicht dabei. Eine WM-Qualifikation ohne die erste Wahl? Das ist keineswegs ein spezifisch deutsches Problem, sondern vielmehr eine kontinentale Misere, die durch den Machtkampf zwischen der ULEB und der die Nationalmannschafts-Wettbewerbe organisierenden Fiba ausgelöst wurde.

          Die ULEB ist eine Vereinigung wichtiger nationaler europäischer Ligen, die zur Jahrtausendwende mit der Euroleague ihren eigenen internationalen Vereinswettbewerb etablierte, weil sie mit der Organisation und Vermarktung des europäischen Vereinsbasketballs nicht mehr zufrieden war. Nachdem die Fiba in der ersten Saison noch einen konkurrierenden Wettbewerb entgegensetzte, übernahm dann ausschließlich die ULEB die Organisation des Vereinsbasketballs auf Topniveau. Die Fiba richtete und richtet weiterhin Wettbewerbe aus, die aber nicht an das sportliche Niveau der Euroleague heranreichen.

          Auf dieser Basis verbrachte man viele Jahre in unfriedlicher Koexistenz. Jetzt wird der Machtkampf wieder offen ausgetragen, die Messer sind gewetzt. Die Fiba hat Anstrengungen unternommen, das verlorene Terrain zurückzugewinnen, das die ULEB unter keinen Umständen wieder preisgeben möchte. So hat sie vor der Saison 2016/17 ein neues Format eingeführt, bei dem 16 Mannschaften 30 Hauptrundenpartien austragen, quasi eine zweite Meisterschaft neben der nationalen spielen.

          In den vergangenen 15 Jahren traten die Nationalteams ausschließlich im Sommer an, wenn die Vereinswettbewerbe ruhen. Jetzt hat die Fiba aber zwei Zeitfenster während der Saison installiert, in denen Qualifikationsspiele absolviert werden müssen, und damit eine sportlich äußerst fragwürdige Konstellation geschaffen. Es war von Anfang an abzusehen, dass die Spieler aus der NBA zu diesen Terminen nicht zur Verfügung stehen würden.

          Allein Frankreich verfügt über zwölf Basketballprofis, die in der NBA unter Vertrag stehen. Während die in der Fiba vereinten nationalen Verbände erst gar nicht den Versuch machen, diese Spieler loszueisen, sieht es bei den Euroleague-Akteuren anders aus. Diese wurden zu den Nationalmannschafts-Lehrgängen eingeladen, erscheinen aber in aller Regel nicht, weil – wen wundert’s? – die Euroleague als einziger Wettbewerb auch in diesem Zeitraum Begegnungen austrägt.

          Zurück zum Beispiel Frankreich: Der Europameister von 2013 hatte zunächst neun Euroleague-Spieler nominiert, war dann aber angesichts der illusorischen Aussichten zurückgerudert. Aktuell hofft Coach Vincent Collet darauf, drei dieser Akteure für das zweite Spiel am Montag zur Verfügung zu haben. Im schlimmsten Fall aber fehlen einer der besten Mannschaften Europas 21 Top-Spieler.

          Auch in Deutschland hat man sich den Realitäten stellen müssen. Nachdem Ralph Held, der Sportdirektor des Deutschen Basketball-Bundes, zunächst gebetsmühlenartig wiederholt hatte, dass man davon ausgehe, die nominierten Spieler würden antreten, hat der neue Bundestrainer Henrik Rödl mit dem Hagener Jonas Grof mittlerweile nachträglich einen Zweitligaspieler berufen, der zwar nicht im Kader gegen Georgien steht, aber beim Team bleibt und sich für das Spiel in Österreich bereithalten soll.

          Derzeit sieht es so aus, als hätte die Fiba mit den Nationalmannschafts-Fenstern ein Eigentor geschossen. Das Interesse der Fans, Mannschaften ohne ihre Topstars zu verfolgen, dürfte sehr überschaubar sein. Sollte aufgrund des fehlenden spielenden Personals eine starke Nation das Endturnier verpassen, dürfte das Gejammer bei allen Beteiligten groß sein. Besserung ist nicht in Sicht. Die ULEB ist sauer, weil die Fiba Euroleague und NBA mit zweierlei Maß misst.

          Sie wird nicht bereit sein einzulenken. Für die nächste Saison denken die Verantwortlichen darüber nach, das Teilnehmerfeld der Euroleague von 16 auf 18 zu erhöhen. Bayern München könnte in diesem Prozess einen garantierten Startplatz erhalten, was bedeuten würde, dass zwei deutsche Teams 68 Hauptrundenspiele (je 34 in der BBL und in der Euroleague) bestreiten müssten. Die Wahrscheinlichkeit, dass Euroleague-Spieler für die Nationalmannschaft zur Verfügung stehen können, ginge damit gegen null.

          Diese Entwicklung dürfte aber auch dem Vereinsbasketball schaden. Für die nationalen Verbände wird es immer schwieriger, ihre Wettbewerbe zu organisieren. Darüber hinaus sind die Belastungen für die Spieler viel zu hoch. Irgendwann könnte das Argument entscheidend an Gewicht gewinnen, dass das wachsende Euroleague-Programm nur noch mit bedingter Teilnahme an den nationalen Ligen zu stemmen sei. Wenn dann die Topteams als Konsequenz nur noch europäisch spielen sollten, wäre das für die Popularität des Basketballs fatal.

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          Der Autor ist zweimaliger Trainer des Jahres und TV-Kommentator bei Telekom-Sport.

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