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Handball-Nationalmannschaft : Die wichtige Rolle des Paul Drux

  • -Aktualisiert am

Rollenwechsel: Der torgefährliche Paul Drux übernimmt im Nationalteam nach etlichen Ausfällen hauptsächlich die Position in der Mitte des Rückraums. Bild: Imago

Der Berliner Paul Drux muss bei der Handball-EM eine große Last in der deutschen Nationalmannschaft tragen. Bundestrainer Christian Prokop stellt große Erwartungen an den Spielgestalter.

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          Fotoermine, Interviews, wieder Bilder, diesmal im anderen Trikot, dazwischen eine Cola am Bistrotisch mit den Kollegen: Paul Drux bewegt sich mit großer Selbstverständlichkeit im Kreis der deutschen Handball-Nationalmannschaft. Das ist natürlich kein Wunder, wenn einer schon 2015 sein erstes großes Turnier spielte. Damals in Qatar ging der Stern des Rückraumspielers mit der Rückennummer 95 auf. Mutig, kräftig, torgefährlich, dabei ruhig und im Team sehr beliebt – so einen hat man gern dabei, denn er ist das Maschinenöl im Getriebe einer Mannschaft.

          Fünf Jahre später ist Drux mit seinen 24 Jahren immer noch ein junger Handballprofi. Aber bei der am Donnerstag beginnenden Europameisterschaft in Norwegen, Schweden und Österreich kommt eine neue Rolle auf ihn zu. Weil gleich vier mögliche Spielmacher ausgefallen sind, soll hauptsächlich Drux die Last der Spielsteuerung tragen. So hat es Bundestrainer Christian Prokop festgelegt.

          Drux soll Regie führen

          Drux nimmt die Herausforderung an. Er sagt: „Im Verein spiele ich deutlich mehr halblinks, natürlich tauche ich da auch auf Mitte auf, das ist im modernen Handball so. Die klassische Spielmacher-Rolle habe ich im Verein nicht. Aber hier in der Nationalmannschaft habe ich das schon im letzten Lehrgang gemacht, da hat es gut funktioniert. Und jetzt hoffe ich, dass wir uns in kurzer Zeit so gut abstimmen, dass ich die Führungsrolle im Angriff bei der EM übernehmen kann.“

          Am Samstag beim Mannheimer 33:25-Testspielsieg über Island machte Drux das schon sehr gut. Er warf die ersten Tore, er brachte Deutschland auf Kurs. Später durfte er sich hauptsächlich ausruhen. Anders als klassische Spielmacher ist Drux nämlich auch ein guter, zentraler Abwehrspieler. Und vorn und hinten zu schuften, hält im Handball keiner lange aus. „Wir werden die Kräfte bei der EM verteilen müssen“, sagte Prokop, der das in Mannheim auch prompt umsetzte: Marian Michalczik machte es sehr gut und selbstbewusst in der Mitte, auch Philipp Weber probierte es aus. Allerdings war der Gegner ohne Starspieler Aron Palmarsson deutlich geschwächt. Auch das zweite Testspiel gegen Österreich in Wien verlief erfolgreich, wenngleich Drux beim 32:28 auch einige gute Gelegenheiten ausließ.

          „Die Kräfte verteilen“: Bundestrainer Christian Prokop

          Ein Jahr lang hatte Prokop auf Fabian Wiede als Regisseur gesetzt und bei den Lehrgängen auch so trainiert. Wiede hatte vor einem Jahr als Lenker eine gute Weltmeisterschaft gespielt, nachdem sich Martin Strobel verletzt hatte. Dann kam Mitte Dezember die Nachricht, dass er wegen einer Schulteroperation ausfallen würde. Drux war im Spiel. Er nimmt es gelassen: „Als ich mit Fabi sprach und er sagte, das wird nichts, habe ich mir auch meine Gedanken gemacht. Aber so ist der Sport, zurückgucken bringt nichts.“ Drux und Wiede sind Freunde bei den Füchsen Berlin. Sie stehen exemplarisch für den langen Weg vom Talent zum Stammspieler der Nationalmannschaft.

          Nun soll Drux also Regie führen, die Rückraum-Nebenleute in der deutschen Stammsieben, Kai Häfner und Julius Kühn, in Position bringen, dabei aber die eigene Torgefahr bewahren – ganz schön viel, oder? „Schlaflose Nächte habe ich deswegen nicht“, sagt er, „die Gedanken mache ich mir eher tagsüber und gehe dann vor dem Schlafengehen noch mal die Spielzüge durch.“ Prokop erzählte am Wochenende, dass er die Zahl der Konzepte verringert habe. Wiede fehlt, die Zeit drängt, da hat der Bundestrainer nur noch acht, neun Angriffsvarianten üben lassen. Die müssen sitzen, und das erwartet Drux von sich, eigene Tore inklusive: „Ich muss Lücken suchen, Zweikämpfe führen, Abschlüsse finden, die Kreisläufer sehen. Ich muss aber auch als Mittelmann Torgefahr ausstrahlen. Sonst bleibt die gegnerische Abwehr einfach hinten und wartet.“

          Die Deutschen sind entschlossen, aus dem Fehlen der Stammkräfte kein Drama zu machen. Die Außenseiterrolle gefällt ihnen, und tatsächlich steckt ein Überraschungsmoment in diesem Kader, der einige Neulinge auf großer Bühne präsentiert, wie Michalczik, wie den Linkshänder David Schmidt, wie Rechtsaußen Timo Kastening. Ob in den brenzligen Situationen eines „engen“ Spiels dann nicht doch die Cleverness fehlen wird, die sich aus Erfahrung speist, wird man sehen.

          Oder vielleicht die Kraft? Die Belastungsdebatte der deutschen Spitzenhandballer wird auch vor diesem Turnier geführt. Drux sagt: „Es ist ein enormes Pensum, und es ist allen klar, dass es so nicht weitergehen kann. Aber als Spieler freut man sich trotzdem. Es sind coole Spiele, und es ist eine Riesenehre, mit dem Adler auflaufen zu dürfen. Wir verfolgen hier alle das gleiche Ziel.“ Am Teamgefühl fehlt es dieser deutschen Mannschaft offenbar nicht.

          Handball-EM 2020: Spielplan, Termine, Ergebnisse, Tabellen

          Auch Drux war schon oft verletzt, zuletzt schwerer während der Hauptrunde der vergangenen EM. Doch wie die meisten Handballer hat der gebürtige Gummersbacher verinnerlicht, dass „Probleme mit dem Körper“, wie er es nennt, dazugehören. Die Vorfreude überwiegt, sagt Drux, der auf einen touristischen Begleiteffekt der EM hofft: In Trondheim würde er gern Nordlichter sehen und bei den anschließenden Spielen in Wien mal in ein klassisches Kaffeehaus gehen. Der Hauptteil eines solchen Turniers sei nämlich ansonsten nur die immer gleiche Abfolge aus Hotel, Bus, Halle.

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