https://www.faz.net/-gtl-9r7j1

Rudi Gutendorf ist tot : Koblenz, Ruanda, Fidschi

  • -Aktualisiert am

55 Mannschaften in mehr als 30 Ländern hat Rudi Gutendorf, hier mit seiner Frau bei einem Angelausflug, trainiert. Bild: Imago

Sein Leben führte ihn in mehr als 30 Länder. Nun ist er mit 93 Jahren gestorben. Zum Tod des Fußball-Weltenbummlers Rudi Gutendorf.

          3 Min.

          Wer ihn im hohen Alter sah oder gar mit ihm sprach, konnte irritiert sein. Rudi Gutendorf wirkte manchmal wie ein junger Fußballtrainer, der noch die Welt erobern will. Lange, sorgfältig gekämmte Haare, Trainingsanzug und Sportschuhe, als würde er gleich eine Mannschaft in der Kabine empfangen oder, wie Gutendorf sagte: in seine „Werkstatt“ gehen. Er mochte die Frage immer noch, was seine nächste Trainerstation sein könnte, es zuckte mit über 90 immer noch in ihm, wenn er die Möglichkeiten, die nicht wirklich existierten, abwog. Eine 56. Arbeitsstelle kam nicht mehr hinzu. In der Nacht zum Samstag starb der Koblenzer im Alter von 93 Jahren. 55 Mannschaften in mehr als 30 Ländern und auf allen fünf Kontinenten hatte er in seiner Laufbahn trainiert. So viele wie kein anderer Fußballtrainer auf der Welt – aber es reichte ihm noch immer nicht.

          Seine Neugier und sein Interesse für die Menschen gingen weit über das Fußballerische hinaus, und sie trieben ihn um die Welt. „Machen Se et jut“, gab ihm 1961 der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer mit auf den Weg nach Tunesien, der ersten nichtdeutschsprachigen Station Gutendorfs. „Sonst nehmen die noch einen aus der Sowjetzone“, mahnte Adenauer. Der Auftrag war deutlich: Es ging nicht nur um sportliche Erfolge, sondern auch um Werbung für Deutschland, wie ein Sonderbotschafter Fußball, wie ein Entwicklungshelfer mit Lederbällen. Manche seiner Engagements als Nationaltrainer von Ländern der Dritten Welt wurden vom Auswärtigen Amt mitfinanziert. Für seine Verdienste bei seinen Jobs in Amerika, Afrika, Asien, Ozeanien und Europa erhielt Gutendorf zwei Bundesverdienstkreuze.

          Mit Kimono: Das Interesse von Rudi Gutendorf ging weit über das Fußballerische hinaus.

          „Mit dem Fußball um die Welt“ nannte er sein Buch, das er im Jahr 2002 veröffentlichte – unmittelbar bevor er noch einmal die Nationalmannschaft von Samoa übernahm. Als Spieler schaffte er es mit seinem Klub TuS Neuendorf bis in die Oberliga, bekannt wurde er aber als Trainer. Vor Samoa betreute der Trainer unter anderem die Nationalteams aus Bermuda, Botswana, Grenada, Nepal sowie Trinidad und Tobago. Der frühere Weltverbandspräsident Joseph Blatter nannte Gutendorf einst anerkennend „Fußball-Aufbauhelfer“. Als sein persönliches Highlight beschrieb Gutendorf einmal sein Engagement in Ruanda, wo er für das „Wunder von Kigali“ verantwortlich zeichnete. Fünf Jahre nach dem Blutrausch der Hutu-Milizen, dem 1994 rund 800.000 Tutsi zum Opfer fielen, vereinte der Deutsche Spieler aus den verfeindeten Stämmen in einer Auswahl – eine diplomatische Meisterleistung. „Das war schöner als eine Meisterschaft, sicher meine größte Leistung als Trainer.“ Hochrangige Politiker aus Ruanda besuchten ihn immer wieder in Koblenz, wenn sie auf Deutschland-Besuch waren.

          Gutendorf machte seine Trainerausbildung bei Sepp Herberger, Weltmeistertrainer und „Idol“ des früheren Flügelstürmers. Fleiß, Ehrgeiz und Leidenschaft zeichneten Gutendorf aus. Er verknüpfte harte Trainingsmaßnahmen mit seiner für die damalige Zeit besonderen taktischen Finesse, dem sogenannten „Riegel“. Eine Strategie, die sich aus heutiger Sicht als defensiver Verhinderungsfußball übersetzen ließe. Oder als Beginn einer – für damalige Verhältnisse – neuen taktischen Entwicklung, nämlich der zunehmenden Balance aus Angriff und Verteidigung. Der Erfolg stellte sich früh ein. Mit der besten Defensive der Liga wurde Rudi Gutendorf in der Premierensaison der Bundesliga als Trainer des „Meidericher SV“ Zweiter, heute bekannt als MSV Duisburg.

          Als Trainer auch beim HSV: Rudi Gutendorf (links) spricht 1977 mit Kevin Keegan.

          Eine „Straßenmannschaft“ sei es gewesen, die er damals übernommen hatte, die vom zu Eskapaden neigenden Starspieler Helmut Rahn profitierte. Wenn Gutendorf von dieser Zeit erzählte, von den Verträgen auf der Rückseite einer Speisekarte, von einem Gaul, den er Helmut Rahn als Geschenk anbot, damit dieser seinen ausschweifenden Lebensstil beende, dann lachte er in einem erheiterten und doch schwermütigen Ton. In diesen Momenten wurde kurz die zarte, harmoniebedürftige Seite eines Trainers sichtbar, der als Schleifer und Einzelkämpfer berüchtigt war, der seine Spieler nach eigener Aussage auch gerne über den Rasen „jagte“.

          Mit seinen Methoden hatte „Riegel-Rudi“, wie Gutendorf genannt wurde, in der Bundesliga nach seinem Coup mit Meiderich nur noch einmal durchschlagenden Erfolg. In der Saison 1968/69 führte er Schalke 04 in der Rückrunde vom vorletzten Tabellenplatz noch auf Rang sieben und trotz der 1:2-Niederlage im DFB-Pokalfinale gegen Meister Bayern München sogar in den Europacup. 1977 erlebte er ein bitteres Jahr, als er beim HSV trotz eines Kevin Keegan im Team scheiterte. Am Selbstbewusstsein Gutendorfs rüttelte auch das nicht.

          In seinem Zuhause, einer ehemaligen Telegrafenstation im Westerwald, hing eine überdimensional große Karte. „Die Welt des Rudi Gutendorf“ stand darüber. Alle seine Stationen waren aufgeführt: egal ob Samoa, Ruanda oder Fidschi, Neukaledonien, Japan, Australien, Chile oder Peru. Gutendorf gefiel sich nicht nur in der Rolle des Weltenbummlers, sondern auch in der des Lebemanns, der sich in der Karibik mit barbusigen Schönheiten ablichten ließ.

          Beim letzten Gespräch mit dieser Zeitung war Rudi Gutendorf 92 Jahre alt. Manchmal, so sagte er, denke er über seinen Lebensweg nach. Ob es die richtige Entscheidung gewesen sei, mit dem Fußball um die Welt zu fliegen. Da fiel er aus der Rolle des Trainers heraus, wirkte wie ein geradezu zarter Mensch. Eine Seite, die wenige kennenlernen durften und alle, die ihn näher kannten, schätzten. Seine Familie schrieb zum Abschied: „Wir verlieren in ihm jemand, der uns durch sein großes Herz und Positivität jeden Tag bereichert hat.“

          Weitere Themen

          Favre und die Anzeichen der Entfremdung

          Borussia Dortmund : Favre und die Anzeichen der Entfremdung

          Lucien Favre ist in eine hochkomplizierte Lage hineingeraten. Obwohl keiner der Verantwortlichen den Trainer öffentlich kritisiert, dürfte er keine große Zukunft bei Borussia Dortmund haben. Wie konnte das nur passieren?

          Drei Jahre, kein Ergebnis Video-Seite öffnen

          Brexit-Rückschau : Drei Jahre, kein Ergebnis

          Nachdem das britische Unterhaus seine Abstimmung über das neue Brexit-Abkommen am Wochenende verschoben hat, geht die seit mehr als drei Jahren währende Zitterpartie um den EU-Austritt Großbritanniens abermals in eine neue Runde.

          Klopp kann nur noch staunen

          Champions League : Klopp kann nur noch staunen

          Beim deutlichen Sieg des FC Liverpool trifft ein Profi der „Reds“ gleich doppelt – das zweite Tor ist dabei besonders spektakulär. Barcelona wendet derweil eine Blamage ab, Salzburg verliert knapp.

          Topmeldungen

          Will nicht weichen: Baschar al Assad am Mittwoch in Idlib

          Syrien-Konflikt : Wer Schutz verspricht, muss schützen

          Seit Jahren wird über sichere Zonen in Syrien diskutiert, doch nie waren die Umstände widriger. Nato-Mitglieder zweifeln an Deutschlands Motiven – derweil spielen russische und türkische Einsatzkräfte vor Ort ihre Macht aus.
          Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow im September bei der Kartoffelernte in Heichelheim.

          Linkspartei in Thüringen : Ganz anders als gedacht

          In Thüringen führt Bodo Ramelow seit fünf Jahren die erste rot-rot-grüne Regierung. Am Sonntag will er wiedergewählt werden. Selbst ohne eigene Mehrheit könnte er im Amt bleiben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.