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Madagaskar beim Afrika Cup : Das Island Afrikas

Vorbild Island auch beim Jubeln: Die Spieler Madagaskars feiern nach dem Sieg gegen Kongo den Einzug ins Viertelfinale des Afrika Cups. Bild: AFP

Für zwei Dinge war Madagaskar in der Fußballwelt bisher bekannt: vokalreiche Spielernamen und ein Spiel mit 149 Eigentoren. Beim Afrika Cup steht der Außenseiter nun überraschend im Viertelfinale – und schreibt am Fußballmärchen des Jahres.

          Bisher war Madagaskar im Fußball durch ein einziges Spiel bekannt. Das allerdings bizarrste und einseitigste der Fußballgeschichte. Es fand 2002 beim Finalturnier um die nationale Meisterschaft statt und endete 149:0, ohne dass der Sieger selbst ein Tor geschossen hätte. Aus Protest gegen eine Entscheidung im Spiel zuvor beförderte der entthronte Titelverteidiger Stade Olympique de l’Emyrne den Ball nach jedem Anstoß ins eigene Tor, im Durchschnitt alle 36 Sekunden. Mit diesem Matchplan nahm ein Trainer namens Ratsimandresy Ratsarazaka all die Parameter des modernen Fußballs vorweg, die seitdem nicht mal ein Pep Guardiola in dieser Vollkommenheit wiederholen konnte. Kein einziger Fehlpass. Kein Ballverlust. Hundert Prozent Ballbesitz. Hundertprozentige Chancenverwertung.

          Die meisten der 149 Eigentore schoss Torwart Dominique Rakotonandrasana, der danach wegen Unsportlichkeit, vielleicht aber auch wegen Unaussprechlichkeit, wie die Mitspieler Razafindrakoto, Andrianiaina, Rakotoarimanana und Trainer Ratsarazaka lang gesperrt wurde. Und Madagaskar, zur Erleichterung aller Fernseh- und Radioreporter, verschwand wieder von der Bild- und Tonfläche des Planeten Fußball.

          Bis 2019 jedenfalls. Bei den Übertragungen vom Afrika Cup erklingen nun Spielernamen wie Razakanantenaina, Nomenjanahary oder Andriamatsinoro. Und Madagaskar, der zweitgrößte und vokalreichste Inselstaat der Welt, schickt sich an, das Island Afrikas zu werden. Wie die Isländer, die 2016 bei ihrer ersten EM England heimschickten, haben die Madagassen bei ihrem Debüt beim Afrika Cup, für den sie sich zuvor 21 Mal nicht hatten qualifizieren können, gleich das Viertelfinale erreicht. Nach Siegen über Nigeria und Kongo trifft das Team, das der französische Trainer Nicolas Dupuis im Zweitjob neben dem beim heimischen Viertligaklub FC Fleury vorwiegend mit Spielern aus unteren französischen Ligen zu einer starken Einheit geformt hat, auf den nächsten Favoriten, Tunesien.

          Daheim sind die Leute aus dem Häuschen, und der Staatspräsident, der die Reise nach Ägypten mit einem Zuschuss von rund 170.000 Euro erst ermöglicht hatte, prophezeit gar den Titelgewinn. Das mag allzu optimistisch klingen. Doch schon das bisher Erreichte verdient es, als Fußballmärchen des Jahres zu gelten. Während Island ein kleines, aber reiches Land ist, das seinen Aufschwung im Fußball vor allem Investitionen in die sportliche Infrastruktur verdankt, ist Madagaskar groß, aber bettelarm. Über drei Viertel der Bevölkerung, mehr als in jedem anderen Land der Welt, leben in absoluter Armut (weniger als 1,90 Dollar pro Tag). Nun freuen sich die armen Madagassen, dank des Fußballs einmal vom Rest der Welt bemerkt, ja bestaunt zu werden. Und die Geschichte der 149 Eigentore endlich durch eine andere, bessere zu ersetzen.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

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