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3:1 nach Torwartfehler : Der Dortmunder „Gamechanger“

  • -Aktualisiert am

Torschütze Jamie Bynoe-Gittens (links) feiert mit Youssoufa Moukoko das Tor. Bild: AFP

Bis dreizehn Minuten vor Schluss führt Freiburg. Dann passiert dem Torwart ein Fehler – und Dortmund reißt das Spiel spektakulär an sich. Das liegt auch an Jamie Bynoe-Gittens.

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          Mark Flekken beherrscht sein Handwerk. Normalerweise. Anderenfalls wäre der 29 Jahre alte Holländer nicht die Nummer eins beim Bundesligaklub SC Freiburg und dazu eine Stütze der niederländischen Nationalmannschaft. Am Freitagabend aber flutschte dem Torwart ein besseres Schüsschen des dreizehn Minuten zuvor eingewechselten englischen U-19-Europameisters Jamie Bynoe-Gittens durch die Finger hinein ins Tornetz (77. Minute).

          Bundesliga

          Ein albtraumhafter Augenblick für den Schlussmann, der wie seine ähnlich erschrockenen Mitspieler ahnte, dass sich mit dem unverhofften Ausgleich von Borussia Dortmund das gesamte Spiel zugunsten des BVB drehen konnte. In der Tat wurde aus Flekkens Blackout ein Stromausfall seiner Mannschaft, die bis dahin nicht unverdient durch Michael Gregoritschs Kopfballbogenlampe 1:0 geführt (35.) und ihre Fans in dem mit 34.700 Zuschauern ausverkauften Freiburger Stadion vor allem in der mit reichlich Vitalität dominierten ersten Hälfte begeistert hatte.

          Nun aber kam das dicke Ende nach, weil der Dortmunder Trainer Edin Terzic ein goldenes Händchen bei der Wahl seiner eingewechselten Profis bewiesen hatte. Der gleich nach der Pause für Rechtsverteidiger Thomas Meunier gekommene Marius Wolf überzeugte in der Rolle des Aufreißers und traf zum entscheidenden 3:1 mit einem punktgenauen Diagonalschuss mit links (88. Minute). Der 18 Jahre alte Außenstürmer Bynoe-Gittens, seit der 64. Minute anstelle von Thorgan Hazard im Spiel, offenbarte jugendlichen Glamour, als er in seinem sechsten Bundesligaeinsatz Terzics hohe Wertschätzung bestätigte.

          „Er ist ein Gamechanger“

          Der nach einem Jahr als Technischer Direktor des BVB auf die Trainerposition zurückgekehrte Deutsch-Kroate sagte gegenüber dem übertragenden Streaminganbieter DAZN: „Jamie hat die Fähigkeit, Spiele zu entscheiden, er ist ein Gamechanger.“ Womit wir bei Terzics drittem Einwechselspieler wären, der das Duell mit den starken Südbadenern endgültig wendete: Youssoufa Moukoko, das 17 Jahre alte größte Stürmertalent von Borussia Dortmund, der von der 70. Minute an für den eine Spur ermüdet anmutenden Thorgan Hazard den westfälischen Schlussspurt weiter beschleunigte und vierzehn Minuten später das 2:1 aus kurzer Tordistanz erzielte. Ein Treffer, den der glamouröse Bynoe-Gittens und der zuletzt für Mahmoud Dahoud eingewechselte Julian Brandt (76.) eingeleitet hatten.

          Auch der Bremer Brandt trug mit seiner Spielkunst und Passsicherheit in engen Räumen dazu bei, dass Dortmund seine Reserven in der entscheidenden Phase mobilisieren konnte gegen die nach Flekkens unverhofftem Patzer wie paralysiert wirkenden Freiburger. Anthony Modeste fiel nach vier Trainingseinheiten im neuen Klub nicht weiter auf – im Gegensatz zu den Jungstars Bynoe-Gittens und Moukoko.

          Die Wende eingeleitet hatte womöglich Nico Schlotterbeck, in der vorigen Saison noch der jugendliche Aufsteiger beim Sport-Club. Der 22 Jahre alte Innenverteidiger und Nationalspieler hatte bis zur 67. Minute mit seiner bekannten Durchschlagskraft und Vehemenz im altvertrauten Ambiente die Dortmunder Chancen auf eine Wende im Verbund mit dem geringfügig schwächeren Mats Hummels hochgehalten.

          Dann aber suchte er bewusst die Provokation – direkt vor der Freiburger Trainerbank. Schlotterbeck wollte, wie er später einräumte, ein „Zeichen setzen“ und senste den Japaner Ritsu Doan, der seit diesem Sommer die rechte Angriffsseite des Sport-Clubs belebt, einfach mal zu Boden. Eine per Gelber Karte bestrafte rüde Aktion, auf die der Freiburger Trainer Christian Streich fuchsteufelswild reagierte. Sein früherer Schüler, von 2017 bis 2022 an der Dreisam daheim, reagierte ähnlich emotional und soll seinem ehemaligen Chef zugerufen haben: „Setz dich wieder hin, Mann!“

          „Wir machen zwei Dinger, und das Spiel ist entschieden“

          Kampfsport Fußball! Nach Spielschluss flocht der Tagesheimkehrer Schlotterbeck seinem Ausbildungsverein große Kränze, als er sagte: „Wir haben heute ein Gegentor kassiert, hätten aber auch zwei, drei kriegen können. Dann kommt – hört, hört – leider der Fehler von Flekken, wir machen zwei Dinger, und das Spiel ist entschieden.“ Schlotterbecks provokative Aktion gegenüber dem erschrockenen Doan wird noch ein Nachspiel haben, da Terzic über die „Zeichensetzung“ seines Innenverteidigers nicht erbaut war. „Darüber möchte ich mit ihm noch sprechen“, kündigte der Trainer an.

          Während der BVB nach zwei Spieltagen froh darüber war, zwei schwere Gegner, Bayer Leverkusen (1:0) und den SC Freiburg, gegen die er in der vorigen Spielzeit – 2:5 gegen die Rheinländer in der Rückrunde, 1:2 am zweiten Spieltag noch im alten Dreisamstadion – auch verloren hat, besiegt zu haben, wirkte der Freiburger Trainer Streich noch lange nach dem Schlusspfiff wie angeknockt. Seine Sätze waren kurz, seine Stimme war leise. „Es bringt nichts, zu denken, dass wir unglücklich verloren haben“, sagte er und sah dabei so aus, als ob er gerade darüber nachdachte, wie hart der Fußball auch die couragiertesten und tapfersten Mannschaften manchmal bestraft.

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