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Bundesliga-Krisenklub : Schalker Rundumschlag

  • -Aktualisiert am

Trainer Christian Gross muss bei Schalke 04 schon wieder gehen. Bild: dpa

Der Rauswurf hat sich bei Schalke 04 zur gängigen Lösungsmethode für Probleme aller Art entwickelt. Sportvorstand, Trainer, zwei Assistenten und der Teambetreuer werden auf einen Schlag „freigestellt“.

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          Die Stimme der Vernunft, die Christian Gross am Samstagnachmittag erhob, war nur noch leise und schwach in dem königsblauen Untergangsgetöse, das am Wochenende immer lauter anschwoll. Er hätte es ganz gut gefunden, Probleme im persönlichen Gespräch zu erörtern, sagte der Trainer des FC Schalke 04 am Rande der Partie beim VfB Stuttgart, die der Tabellenletzte 1:5 verlor, und die zum vorerst letzten Auftritt des Schweizers in der Bundesliga werden sollte.

          Bundesliga

          Gross hätte sich gewünscht, dass Sead Kolasinac, Klaas-Jan Huntelaar und Shkodran Mustafi mit ihm besprochen hätten, was sie stört, statt zum Sportvorstand Jochen Schneider zu gehen, um die Absetzung des Trainers zu verlangen. Doch der Ruf nach Vernunft blieb vollends ungehört, als die mächtigsten Kräfte im Klub in der Nacht beschlossen, einen Kahlschlag einzuleiten, an dessen Ende der stets nach Entlassungen dürstende Boulevard genussvoll eine dicke Schlagzeile formulieren konnte: „Schalke schmeißt alle raus!“

          Nach der Niederlage in Stuttgart wurden gleich fünf Angestellte, die Verantwortung für den furchtbaren sportlichen Zustand dieser Mannschaft tragen, „freigestellt“, wie es in der Klubmitteilung euphemistisch heißt. Gross verließ am Sonntagmorgen das Vereinsgelände ebenso endgültig wie Sascha Riether, der Leiter der Lizenzspielerabteilung, Rainer Widmayer (Ko-Trainer) und Werner Leuthard (Athletik- und Fitnesschef). Auch eine Mitarbeit von Sportvorstand Schneider, dessen Abschied eigentlich für den Sommer vorgesehen war, ist nicht mehr erwünscht.

          Verantwortung nun bei Knäbel

          „Die getroffenen Entscheidungen sind nach den enttäuschenden Auftritten gegen Dortmund und Stuttgart unausweichlich geworden“, teilte Jens Buchta, der Vorsitzende des Aufsichtsrates, am Sonntag mit. „Wir brauchen nicht drum herum zu reden: Die sportliche Situation ist eindeutig, deshalb müssen wir bei jeder noch zu treffenden Personalentscheidung auch über die Saison hinausdenken.“ Offensichtlich geht es darum, den demolierten Ruf des Klubs nicht immer weiter zu beschädigen und in Würde abzusteigen, ohne jede Woche frischen Stoff für Untergangsschlagzeilen zu liefern.

          Peter Knäbel, der Direktor Nachwuchs und Entwicklung, trägt „bis auf weiteres“ die sportliche Gesamtverantwortung. Riethers Position übernimmt erst einmal Gerald Asamoah, ein Nachfolger für Gross war am Sonntagnachmittag noch nicht gefunden. Wenn in Gelsenkirchen ein Interimstrainer gesucht wird, fällt reflexhaft der Name Norbert Elgert, doch der Fachmann von der königsblauen U19, den viele für den besten Nachwuchstrainer Deutschlands halten, will eigentlich nichts mit dem Bundesligaalltag zu tun haben.

          Weitere Kandidaten, mit denen womöglich gesprochen wird, sind U-23- Coach Torsten Fröhling und natürlich Mike Büskens, der zuletzt als Koordinator für verliehene Spieler und internationale Aktivitäten auf Schalke arbeitete. Es wäre verständlich, wenn auch Büskens nicht mit dieser Mannschaft arbeiten wollte, in der drei Spieler, die erst seit wenigen Wochen dabei sind, die Chuzpe hatten, vom Vorstand einen Trainerwechsel zu fordern, während der Rest seit Monaten vergeblich versucht, so etwas wie Teamgeist zu entwickeln.

          Nun folgten also die nächsten Entlassungen in einem Verein, wo der Rauswurf sich zur gängigen Lösungsmethode für Probleme aller Art entwickelt hat. 2020 kam die Trennung vom langjährigen Pressechef, Finanzvorstand Peter Peters entging mit seinem Rücktritt wohl knapp einen Rauswurf, es wurden die Trainer David Wagner und Manuel Baum gefeuert, der Technische Direktor Michael Reschke musste gehen, genau wie der Stürmer Vedad Ibisevic. Amine Harit wurde im November suspendiert, Nabil Bentaleb gleich fünfmal aus dem Team geworfen und doch wieder begnadigt, jetzt wurde mit einem Schlag richtig aufgeräumt.

          Ein Verantwortlicher für die Schalker Krise: Sportvorstand Jochen Schneider
          Ein Verantwortlicher für die Schalker Krise: Sportvorstand Jochen Schneider : Bild: dpa

          All das erzählt viel über die Kultur des Miteinanders, die sich in diesem Verein etabliert hat und die wohl ein Teil des Problems ist. Ob Gross, dessen Trainingsmethoden antiquiert gewesen sein sollen und der Spielernamen verwechselt hat, tatsächlich so schlecht gearbeitet hat, kann kontrovers diskutiert werden. Denn fußballerisch war die Mannschaft zuletzt etwas besser als in den katastrophalen Herbstwochen.

          Torhüter Michael Langer sagte am Samstag über die Rebellion gegen Gross: „Wir schätzen den Trainer extrem als Trainerautorität. Was da gesagt wurde, gemacht wurde, dazu möchte ich gar nichts sagen. Das betrifft mich und meinen Aufgabenbereich überhaupt nicht.“ Der Trainer sei „die ärmste Sau“. Wenn derart fehlerhaft verteidigt werde wie in Stuttgart, komme es vielmehr darauf an, „dass wir uns an die eigene Nase packen“.

          Stattdessen sind Mustafi, Huntelaar und Kolasinac, die als Retter kamen, längst Teil des unübersichtlichen Konfliktgeschehens. Die große Ironie ist, dass diese Mannschaft eigentlich viel zu gut ist, um derart chancenlos am Tabellenende zu dümpeln. Es kann als sicher gelten, dass etliche der Schalker Spieler wie Kolasinac, Serdar, Nastasic, Harit, Uth, Raman, Mascarell, Mustafi oder Sané in der kommenden Saison bei neuen Klubs wieder auf gehobenem Bundesliganiveau spielen.

          Im vergifteten Gelsenkirchener Alltagsklima ist das offenbar unmöglich. Die Mannschaft stehe „in der Pflicht, das letzte Drittel der laufenden Spielzeit so erfolgreich wie möglich zu bestreiten“, erklärte Aufsichtsratschef Buchta. Aber es wäre ein Wunder, wenn diese Mannschaft plötzlich anfangen würde zu gewinnen. Ganz egal mit welchem Trainer.

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