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Klaassen, Pizarro und Co. : Bremer Aufbruchstimmung

  • -Aktualisiert am

Bremens Neuzugänge Martin Harnik (links) und Davy Klaassen. Bild: nordphoto

Werder will die tristen Jahre im Kampf gegen den Abstieg hinter sich lassen und investiert mutig und mit Phantasie. Dabei ist ein Konstrukt entstanden, das alle Beteiligten zuversichtlich stimmt.

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          Die Sommerpause ist traditionell die Zeit der großen Wünsche, besonders, was die Fans betrifft. Ein Top-Mann für den Sturm, ein großes Talent für hinten und bitte auch noch ein erfahrener Mittelfeldspieler – wünschen dürfen sich die Anhänger vieles für ihre Lieblingsteams. Ob dann alles aber auch so kommt? Eher selten bis nie. In Bremen indes gedeihen Fanträume gerade prächtig. Denn der SV Werder greift in diesem Sommer für seine Verhältnisse besonders mutig zu, und wenn der Eindruck nicht täuscht, wirkt der ganze Klub gerade sehr tatkräftig und scheint sich auch in der Formulierung der Saisonziele in Richtung europäischer Wettbewerb zu bewegen. Elfter war Werder zuletzt nach einer Hinrunde in der Abstiegszone.

          Claudio Pizarro, Davy Klaassen, Yuya Osako: In Bremen bewegt sich was. Unter Trainer Florian Kohfeldt und mit den klugen Geschäften Frank Baumanns soll ein neues Werder entstehen – eines, das die tristen Jahre des Kampfes gegen den Abstieg endgültig hinter sich lässt. Dabei ist es Kohfeldt, der nicht Dinge vermeiden will, sondern aktiven Fußball spielen lassen möchte. Und zwar auf der Basis hoher Ziele. Baumann, der Geschäftsführer Sport, lebt im Moment auf mit Blick auf das, was Werder in den nächsten Jahren stärken könnte – man denke an Milot Rashica oder Josh Sargent.

          Offensiv gut ausgestattet

          Thomas Delaney wurde keine Träne nachgeweint. Der Däne mit irisch-amerikanischen Wurzeln kam für kaum zwei Millionen Euro vom FC Kopenhagen und ging nun für das Zehnfache zu Borussia Dortmund. Das ist die Veredelung à la Werder, die auch in Zukunft Baumanns Handschrift sein soll. 13,5 Millionen Euro überwiesen die Bremer dem FC Everton, um den 25 Jahre alten Klaassen zu bekommen. Klaassen spielt offensiver als Delaney, und wenn man Kohfeldt schwärmen hört, dass Klaassen „seine Mitspieler besser macht“, denkt nicht nur das Fachblatt „Kicker“ an Johan Micoud, den Leitstern der 2004er Meistermannschaft.

          Das ist ein großer Vergleich. Doch Werder möchte gern wieder groß denken, oder wenigstens: größer. Dazu gehört, dass der Kauf Yuya Osakos fast unterging. 4,5 Millionen Euro war Werder bereit, für den japanischen Nationalspieler vom 1. FC Köln auszugeben. Offensiv ist der Bremer Kader wirklich gut ausgestattet, denn neben Kevin Möhwald gehört auch Martin Harnik wieder zum Aufgebot, für 2,5 Millionen Euro aus Hannover geholt. Der am Dienstag vorgestellte Claudio Pizarro, 39 Jahre alt, ist dabei ein Geschäft ohne Risiko, ein Bonbon für die Fans, einer, der das Maschinenöl im Getriebe einer Mannschaft sein kann. Also klagt niemand über Zlatko Junuzovics Weggang, über Delaneys Transfer. Stattdessen wird weiter gefahndet, nach einem defensiven Mittelfeldspieler zum Beispiel.

          Bei der Zusammenstellung der Mannschaft spielen Trainer und Sportchef Doppelpass. Der unaufgeregte Baumann ist ein regelrechter Fan des 35 Jahre alten Chefcoaches. Er hat ihn vor einem Dreivierteljahr gegen Widerstände durchgesetzt, war aber schon viel länger von dessen Qualitäten überzeugt. Die gute Rückrunde mit teils begeisternden Spielen hat Kohfeldt Rückhalt im Verein verschafft – und seinen Beliebtheitsgrad bei den Fans emporschnellen lassen. Der Trainer-Novize auf höchsten Niveau will seine Chance nun beim Schopfe packen. Er entscheidet, er diskutiert, er regt an – Kohfeldt positioniert sich beim SVW und darüber hinaus, denn durch seine authentische und sympathische Art repräsentiert er den Verein ganz im Sinne der Vorgesetzten. Das Ganze scheint ihm (noch) leichtzufallen.

          So war es auch seine Wirkung auf Davy Klaassen, die den niederländischen Nationalspieler nach Bremen ziehen ließ. Lange hatte der Wunschkandidat gezögert: Wäre eine Beschäftigung an der Weser nicht ein Rückschritt, wenn man zuvor von Ajax Amsterdam zum FC Everton gewechselt ist? Nach Kohfeldts Besuch entschied sich Klaassen. Und in ganz Bremen wurde das als Aufbruchsignal verstanden. Aus Werder-Sicht ist es erfreulich, dass sich der Klub überhaupt in dieser Regal-Höhe bedient. Kruse, Delaney, Augustinsson, jetzt Klaassen und Osako: Die Transfers wirken gewitzt, passend, bezahlbar. Früher, zu Zeiten eines Klaus Allofs, stand Werder Bremen ja für genau solche Einkäufe. Namen, die nicht jeder auf dem Zettel hatte, die in Bremen aber Großes leisteten – und für viel Geld verkauft wurden.

          So weit ist es aber noch lange nicht. Werder kommt aus ganz anderen Tabellensphären. Nun wollen sie wieder neu starten. Man könne eine gewisse Euphorie nicht leugnen, sagt einer aus dem Klub. Im Umfeld, in der Mannschaft, im ganzen Verein. Mit diesem guten Gefühl reist der SVW am Samstag ins zweite Trainingslager nach Grassau. Es könnte schlechtere Grundlagen für die Spielzeit 2018/19 geben.

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