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Formel-1-Entscheidung vertagt : Hamilton muss warten

Welliges Terrain: Diesmal gewinnt Hamilton nicht in Austin Bild: AP

Wegen einer misslungenen Reifenstrategie wird Hamilton nur Dritter. Vettel kämpft sich nach einem Dreher von Platz 15 auf vier nach vorne. Das Rennen gewinnt Räikkönen vor Verstappen.

          Grande Kimi! Grande Kimi!“, dröhnte der Jubel aus dem Funk ins Cockpit. Der Angesprochene antwortete prompt. „Ah, danke. Endlich, verdammt.“ Im März 2013 in Australien hatte Kimi Räikkönen zuletzt ein Formel-1-Rennen gewonnen. 113 Rennen vergingen bis zum Sonntagnachmittag in Austin, Texas. Da siegte der Finne beim Großen Preis der Vereinigten Staaten - und tat so nicht nur sich und der Scuderia Ferrari einen großen Gefallen, sondern auch Teamkollege Sebastian Vettel. Der kam als Vierter ins Ziel, nach abermals nicht unfallfreier Fahrt.

          Aber noch ist sein Konkurrent Lewis Hamilton im Mercedes nicht Weltmeister. Der Brite wurde Dritter hinter Max Verstappen, dem das Kunststück gelang, vom 18. Startplatz auf Platz zwei vorzufahren. „Erstmal Glückwunsch an Kimi“, sagte Hamilton anschließend. „Er ist fehlerlos gefahren, und Verstappen hatte auch ein starkes Rennen.“ Acht Punkte mehr als Vettel hätte Hamilton einfahren müssen, im Ziel waren es nur fünf. So herausfordernd waren die Rechnungen, dass selbst die Kollegen vor der Siegerehrung von Hamilton wissen wollten, ob Platz drei zum Titel nun genügt habe. „Nein“, war dessen kurze Antwort. In der kommenden Woche geht es beim Großen Preis von Mexiko in die nächste Runde.

          Ferrari-Teamchef Maurizio Arrivabene jubelte schon nach dem Start, als sei er im Fußballstadion. Dabei saß er an der Boxenmauer in Texas und nicht bei Juventus in Turin. Hamilton war, als die Startampel erloschen war, nach links gezogen, hatte Räikkönen, von Platz zwei ins Rennen gegangen, wenig Raum gelassen. Und doch schob sich der Finne vorbei, bevor die Piloten in die erste Kurve einbogen. Der Jubel dauerte nicht lang, denn noch in der ersten Runde stand ein Ferrari gegen die Fahrtrichtung: Sebastian Vettel. Schon wieder. Beim Versuch, an Daniel Ricciardo im Red Bull vorbeizuziehen, berührten sich die Räder der beiden Rennwagen, Ricciardo fuhr weiter, Vettels Ferrari drehte sich. Ein Schicksal, das Vettel bei misslungenen Überholmanövern gegen Verstappen in Suzuka und Hamilton in Monza herbei geführt hatte und die Kritik an ihm deutlich schärfte. Als 15., mit rund 20 Sekunden Rückstand auf Hamilton, setzte Vettel das Rennen fort. Die Weltmeisterschaft ging noch ein Stück weiter verloren.

          Start zum Großen Preis in Austin: Nur kurz fährt Lewis Hamilton vorneweg

          Räikkönen an der Spitze tat, was er konnte. Auf weicheren Reifen als sein Verfolger Hamilton gestartet, hatte er zunächst keine Mühe, die Führung zu halten. Während Vettel sich alsbald unter die besten Zehn zurück gefahren hatte und Hamilton, an dessen Mercedes vor dem Rennen ebenso die Wasserpumpe getauscht worden war wie bei Teamkollege Bottas, von der Box die Freigabe zur Jagd auf Räikkönen erhalten hatte, war Daniel Ricciardos Arbeitstag schneller beendet als manches texanische Rodeo. Ohne Vortrieb strandete sein Red Bull, und weil die Bergung des lahmen Gefährts einige Zeit in Anspruch nahm, wurden die noch aktiven Fahrer eingebremst: virtuelles Safety Car.

          Mercedes reagierte prompt: Hamilton wurde an die Box gerufen, die Gelegenheit war günstig. Mit Reifen der Soft-Mischung, der härtesten verfügbaren, ausgestattet, hatte Hamilton beim Stopp Zeit gewonnen - die Konkurrenz konnte schließlich nicht so viel Gas geben wie er selbst, wenn Räikkönen und Vettel unter freier Fahrt zum Service kommen würden. Ferrari reagierte nicht. Die Weltmeister-Gleichung: Würde Hamilton mit diesem Reifensatz die Ziellinie erreichen, ginge sie auf.

          Spuren auf dem Asphalt: Lewis Hamilton wird diesmal nur Dritter.

          Räikkönens Reifensatz hielt bis zur 22. Runde, dann kam der Finne an die Box, Hamilton hatte freie Fahrt. Vettel, inzwischen Fünfter, wechselte nach 27 Runden. Rückstand auf Hamilton: Über 40 Sekunden. Game over? Noch nicht. Die Walzen an der Hinterachse von Hamiltons Mercedes warfen ab Runde 30 Blasen, Räikkönen fuhr in Runde 34 1,6 Sekunden schneller als der Weltmeister, Vettel, zu diesem Zeitpunkt der schnellste Mann im Feld, reduzierte seinen Rückstand auf 25 Sekunden. „Ja, der softe ist kein fantastischer Reifen“, war der Live-Kommentar von Max Verstappen, als er über das Schicksal des Konkurrenten informiert wurde. Der Niederländer hatte gut reden: er war mit der Mischung supersoft unterwegs, und von Platz 18 vorgefahren. Es dauerte bis zur 38. Runde, bis Hamilton an die Box gerufen wurde. Zu lange, sollte sich später zeigen. Hamilton sprach im Ziel von einem „Double Bogey“, einem Auftritt deutlich über Par.

          In den letzten 18 Runden des Rennens lagen nun die Karten auf dem Tisch: Hamilton würde wenigstens Verstappen überholen müssen, vorausgesetzt, Teamkollege Bottas behielte Vettel hinter sich, um Weltmeister zu werden. Rund fünfeinhalb Kilometer führt der Circuit of the Americas durch die texanische Prärie, auf den letzten 50 Kilometern des Rennens führte Räikkönen mit rund einer Sekunde Vorsprung vor Verstappen, dem mit ähnlichem Abstand Hamilton folgte. Und Vettel fuhr auf Bottas ebenso dicht auf.

          Hamilton wartete lange mit einem Angriff, zwei Runden vor dem Ende setzte er an. Doch Verstappen wehrte sich, wie die Konkurrenten es von ihm kennen: ohne Rücksicht auf Verluste. Vier Kurven lang ein texanisches Duell Rad an Rad, schließlich musste Hamilton nachgeben. Und eingangs der letzten Runde zog dann Vettel auch an Bottas vorbei. „Wir haben zum richtigen Moment gestoppt“, sagte Räikkönen anschließend. „Es war ein Balanceakt, aber wir haben es gut gemacht. Gut genug, um zu gewinnen.“

          Drei Rennen stehen dem Mann, der zuletzt mit Ferrari Weltmeister wurde (2007), bei der Scuderia noch bevor, dann muss er mit Charles Leclerc das Cockpit tauschen und zu Sauber wechseln. Maurizio Arrivabene, hieß es, soll sich im Sommer für einen Verbleib Räikkönens stark gemacht haben, vergeblich. Als Räikkönen im Ziel war, jubelte er noch einmal wie im Fußballstadion. Entscheidung verschoben. Ferrari kämpft. Nach Mexiko reist Hamilton nun mit 70 Punkten Vorsprung an. Platz sieben wird ihm genügen, um zum fünften Mal Weltmeister zu werden.

          Formel 1

          Formel 1: Zwei Fahrer nachträglich disqualifiziert

          Die Formel-1-Piloten Esteban Ocon und Kevin Magnussen sind nach dem Großen Preis der Vereinigten Staaten disqualifiziert worden. Der nach dem Rennen in Austin noch Achtplatzierte Ocon vom Team Racing Point Force India wurde aus der Wertung genommen, weil bei seinem Rennwagen in der Auftaktrunde die zulässige Durchflussmenge Treibstoff überschritten worden war. Der Wagen von Magnussen, der für das amerikanische Haas-Team fährt und auf Rang neun gekommen war, verbrauchte mehr als die erlaubten 105 Kilogramm Sprit. (dpa)

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