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Formel-1-Fahrer in Flammen : „Es ist ein Wunder, dass er herausgekommen ist“

Flucht aus den Flammen: Haas-Pilot Romain Grosjean (rechts im Feuer) hat sich aus dem Cockpit befreit und klettert über die Leitplanken. Bild: Imago

Der Franzose Grosjean entkommt in Bahrein dem Inferno. Er kommt glimpflich davon, auch dank der Sicherheitsvorkehrungen der Formel 1. Die Frage nach dem Grund des Feuers aber bleibt.

          3 Min.

          Das ist der Horror für einen Rennfahrer. Ein Aufprall im stumpfen Winkel. Ein paar Sekunden war der Große Preis von Bahrein alt am Sonntag, als Romain Grosjean nach rechts quer über die Piste schießt im Feld der Boliden am Ausgang der dritten Kurve, als er eine Lücke erspäht, aber den Konkurrenten übersieht. Er touchiert dabei das linke Vorderrad des Alpha Tauri von Daniil Kwiat. Der Haas dreht sich fast in einen rechten Winkel, bei Vollgas, prallt nach kurzem Bremsweg in die Leitplanke. Sofort wird der Bolide in einen Feuerball getaucht. Die Flammen steigen in den Himmel, erreichen die Werbebrücke über der Strecke.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Minuten vergehen, ehe das TV-Weltbild der Formel 1 das bange Warten auflöst: Es zeigt Grosjean verstört im Notarztauto der Formel 1, beim Wechsel in den Krankenwagen wird er gestützt. Der Genfer humpelt. Die Aufzeichnung zeigt, wie er aus Flammen auftaucht, wie er unter dem Einsatz der Feuerlöscher von Streckenposten und mit Hilfe eines Mediziners aus dem Notarztwagen über die Leitplanke klettert. Das Rettungsfahrzeug war im Handumdrehen zur Stelle. Erst als sich der Rauch gelegt hat, lässt sich erkennen, welchem Inferno Grosjean entkommen ist: das Auto in zwei Teile gerissen, zum Glück an der Sollbruchstelle geborsten, dort wo der Motor mit dem Cockpit verbunden ist.

          Die Sicherheitszelle aus Kohlefaser hat gehalten. Aber sie steckt seitlich in der aufgebrochenen Leitplanke, hat den Stahl aufgerissen wie ein Büchsenöffner eine Blechdose. Offenbar drückte sich die vordere Hälfte des Autos mit dem Boden zuerst durch die Leitschienen. Die Chassisunterseite bewahrte Grosjean in seinem drittletzten Formel-1-Grand-Prix vermutlich vor schwersten Verletzungen. Der sogenannte Halo, der Ring vor der Cockpitöffnung zum Schutz des Kopfes, scheint ein Durchrutschen verhindert zu haben. Glück im Unglück. Grosjean kommt knapp 27 Sekunden nach dem Unfall hinter der Leitplanke von allein aus dem Wrack heraus. Der Rennstall Haas teilt mit, der Fahrer habe Verbrennungen zweiten Grades an der Hand erlitten und den Bruch zweier Zehen. Später wurde bekannt, dass er doch keine Brüche erlitten hat. Grosjean darf eine Kerze anzünden zum ersten Advent.

          „Das war ein Riesenschock das zu sehen“, sagte Hamilton nach seinem 95. Grand-Prix-Sieg, diesmal vor Max Verstappen und Alex Albon (beide Red Bull): „Es war erschreckend zu sehen, dass das Auto auseinandergerissen wurde. Ich bin so dankbar, dass der Halo funktioniert hat, dass die Leitplanken ihm nicht den Kopf abgeschnitten haben.“ Der Crash erinnerte die ehemaligen Piloten, inzwischen Fernsehkommentatoren, an die Gefahr auch zu ihrer Zeit. „Es ist ein Wunder, dass er an einem Stück herausgekommen ist“, sagte Damon Hill, der Weltmeister von 1996, seinerzeit Rivale von Michael Schumacher im Kampf um die Titel 1994, 1995 und 1996. „Vor zwanzig, dreißig Jahren wäre niemand so leicht herausgekommen. Die Sicherheitsvorkehrungen der Formel 1 sind riesig. Manchmal regen sich die Fahrer darüber auf und fragen sich, ob das denn noch nötig sei. Das wird jetzt nicht mehr so sein.“

          Sicherheit für die Formel 1 ein wichtiges Thema

          Sicherheit ist seit dem ersten Rennen der Formel 1 ein Thema. Aber die Bemühungen wurden erst von den Weltmeistern Jackie Stewart und Niki Lauda in den siebziger Jahren in größeren Schritten vorangetrieben. 1994 machte der damalige Präsident des Internationalen Automobil-Verbandes (Fia), Max Mosley, die Sicherheitspolitik zu seinem Kernthema. Die tödlichen Unfälle von Roland Ratzenberger und Ayrton Senna am ersten Mai-Wochenende in Imola und zwei Wochen später der schwere Unfall von Karl Wendlinger in Monaco brachen den Widerstand von Rennställen, die mitunter um ihre hart erarbeiteten Leistungsvorteile bangten, weil Sicherheitsvorschriften die Konstruktion der Autos veränderten. Unter Mosley entwickelte die Fia ein strenges Sicherheitsprogramm. Unter anderem wurden ständig die Crashtest-Werte verschärft, die Fia schrieb das Kopf- und Nackenschutzsystem Hans vor, führte nach einer intensiven Diskussion 2018 den Halo ein als Folge des Unfalls von Jules Bianchi.

          Der Franzose war 2014 unter ein Bergungsfahrzeug gerutscht und starb an den Folgen seiner Kopfverletzung. Der Halo soll solche Katastrophen verhindern. Er besteht aus Titan, wiegt sieben Kilogramm, hält aber dem Druck von zwölf Tonnen stand. „Ich bin mir des Risikos bewusst“, sagte Hamilton auch mit Blick auf den tödlichen Unfall von Anthoine Hubert 2019 in einem Formel-2-Rennen: „Wir gehen ständig ans Limit. Wir sollten Respekt haben. Jetzt wird es darauf ankommen, aus dem Unfall zu lernen.“ Denn ungeklärt blieb eine wichtige Frage: Wie war es möglich, dass der Haas in Flammen aufging? Der Tank besteht aus einer Art nicht zerreißbarer Hülle. Die Leitungen verschließen sich beim Abriss. Spielte die Batterie des Hybridantriebs eine Rolle? Warum gab die Leitplanke nach?

          Grosjeans Crash wird die Fia beflügeln, wieder voranzukommen. Den Piloten blieben etwa 85 Minuten, das Erlebte zu verarbeiten. Kaum hatte die Formel 1 den zweiten Start gewagt, lag Lance Stroll in seinem Racing Point kopfüber auf dem Asphalt. Auch er hatte einen Gegner übersehen beim Einlenken. Der Fehler aber kostete ihn nicht mehr als die Fortsetzung des Rennens. Es endete nach dem Motorschaden von Serigo Perez (Racing Point) hinter dem Sicherheitsfahrzeug mit dem 14. Erfolg von Mercedes dank Hamiltons nie gefährdeter Führung. Und mit dem nächsten Rückschlag für Ferrari. Charles Leclerc wurde Zehnter, Sebastian Vettel 13.

          Sicherheitspersonal versucht das Feuer zu löschen, das der Bolide vom Haas-Piloten Romain Grosjean auslöste.
          Sicherheitspersonal versucht das Feuer zu löschen, das der Bolide vom Haas-Piloten Romain Grosjean auslöste. : Bild: AP

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