24.01.2012 · Roger Federer gewinnt in Melbourne mit beeindruckender Leichtigkeit gegen Del Potro und tritt dem exklusiven Tausender-Klub bei - für den Schweizer nur eine Zwischenstation.
Von Peter Penders, MelbourneVor ein paar Tagen, als er gerade den 19 Jahre alten Bernhard Tomic in drei Sätzen besiegt hatte, da gab Roger Federer noch auf dem Platz den Australiern ein paar nett gemeinte Worte mit für den Umgang mit ihrem hoffnungsvollem Nachwuchsstar. „Gebt ihm ein bisschen Zeit, sich zu entwickeln. Er ist schon gut, aber erwartet nicht gleich zu viel auf einmal“, sagte Federer lächelnd.
Mag sein, dass er sich da kurz an die Anfänge seiner eigenen Karriere erinnert hat, an jenes erste Spiel auf der ATP Tour, als der kleine Platz im Schweizer Ort Gstaad restlos überfüllt gewesen war. Alle wollten sie einen Blick auf ihr neues Wunderkind werfen, das gerade das Juniorenturnier in Wimbledon gewonnen hatte. Der 17 Jahre alte Federer verlor an jenem 6. Juli 1998 gegen den Argentinier Lucas Arnold Ker 4:6, 4:6, und er machte danach noch ein paar bittere Erfahrungen, ehe er Fuß fassen konnte im Profitennis.
Er stieg dann mit bislang 16 Grand-Slam-Titeln zum erfolgreichsten Spieler auf, den dieser Sport bisher gesehen hat. Er hat Rekorde gebrochen, neue aufgestellt, er gehört in einigen Kategorien zu einem exklusiven Kreis von Spielern, die besonderes geleistet haben. Und seit diesem Dienstag ist Roger Federer auch Mitglied im Tausender-Klub jener acht Spieler, die eine vierstellige Zahl von Profipartien absolviert haben. Zur Feier des Tages besiegte der Jubilar den Argentinier Juan Martin Del Potro mit beeindruckender Leichtigkeit 6:4, 6:3, 6:2, und er wirkte danach trotz 35 Grad im Schatten so frisch, als habe er sowohl noch Großes als noch viele Jahre vor sich.
„Ich werde nicht zu denen gehören, die eines Morgens wach werden und sagen: Ich habe keine Lust mehr“, sagte Federer. Sein Trainer Paul Annacone, der einst auch Pete Sampras betreute, ist voller Begeisterung über die Zusammenarbeit mit einem Spieler, der schon alles gewonnen hat und trotzdem immer noch hochmotiviert seinem Beruf nachgeht. In der Vorbereitung, die sie in Dubai absolvierten, habe man ihn sogar bremsen müssen, und das sei äußerst ungewöhnlich für einen Spieler seines Alters.
Federer ist im August vergangenen Jahres 30 Jahre alt geworden, und für die meisten Spieler ist das ein Wendepunkt der Karriere gewesen - viel gewonnen haben sie danach nicht mehr. Und dazu ist Federer mittlerweile Vater von Zwillingen, und außer Andre Agassi fällt einem niemand ein, der als tennisspielender Vater jenseits der Dreißiger-Zone noch erfolgreich war.
Auch bei Federer hatten viele Anzeichen eines schleichenden Niedergangs ausgemacht, allerdings auf einem derart hohen Niveau, das ohnehin nur die wenigsten erreichen. Im vergangenen Jahr hatte er aber erstmals seit 2003 keinen Grand-Slam-Titel gewonnen, und das schien doch eine deutliche Zäsur zu sein.
Als Federer bei den US Open im Halbfinale gegen den Weltranglistenersten Novak Djokovic verlor und der Serbe dabei zwei Matchbälle abwehrte, schien das den Schweizer tief getroffen zu haben. Dachte man zumindest, weil er eine sechswöchige Pause machte. Aber in Sachen Terminplanung macht ihm keiner etwas vor - vielleicht einer der Gründe, warum er nie ernsthaft verletzt war. Als er zurück kam, gewann er sein Heimturnier in Basel, danach das Masters-Turnier in Paris und schließlich zum sechsten Male das Saisonabschlussturnier der acht besten Profis des Jahres.
Diese Zahl tausend nun bedeutet ihm für‘s erste nichts, nicht mitten in diesem Turnier, die Zahl sagt ja nur aus, dass er gesund geblieben ist und erfolgreich war. Er hat damals ein wenig gedauert nach jenem ersten Spiel gegen Lucas Arnold Ker im Sommer 1998, ehe er Anfang 2001 in Mailand sein erstes ATP-Turnier gewann. In Sydney holte er sich ein Jahr später seine zweite Trophäe, die ganze Geschichte kam ins Rollen und seitdem gibt es keinen Rekord mehr, der vor ihm sicher war. 2006 gelang es ihm als erstem Spieler seit Rod Laver (1969), alle vier Grand-Slam-Finale eines Jahres zu erreichen.
Er hat mehr Preisgeld gewonnen als jeder andere, und er schaffte es 2010 als bislang einziger Spieler, acht Jahre nacheinander am Saisonende immer einen der beiden ersten Plätze der Weltrangliste zu belegen. Er gehört zu jenen, die alle vier Grand-Slam-Turniere mindestens einmal gewonnen haben, und wenn man wollte, könnte man vermutlich diese ganze Zeitungsseite mit Bestmarken füllen - etwa mit jenen 65 Spielen, die er einst nacheinander auf Rasen gewonnen hat.
„Tausend Spiele, das ist eine Menge. An einige erinnere ich mich gut, andere habe ich schon längst vergessen“, sagt Federer. Aber es gibt Partien, die werden immer tief in seiner Erinnerung bleiben, wie jenes mitreißende Australian Open-Finale gegen Rafael Nadal vor drei Jahren, als Federer danach Tränen vergoss. Es ist lange her, dass die beiden schon vor einem Grand-Slam-Finale gegeneinander antreten mussten - 2005 passierte es zum letzten Male, nun stehen sie sich im Halbfinale am Donnerstag gegenüber.
Nadal aber musste Schwerstarbeit verrichten, ehe er im Viertelfinale nach 4:16 Stunden Spielzeit den Tschechen Tomas Berdych 6:7, 7:6, 6:4 und 6:3 bezwingen konnte und dabei im zweiten Satz einen Satzball abwehren musste. „Ich freue mich, dass ich hier noch einmal gegen ihn spielen darf“, sagt Federer. Nummer 1001 könnte wieder eine Partie werden, die niemand vergisst.
Eine treffend schöne
Peter Hunziker (nachdenklicher)
- 24.01.2012, 17:53 Uhr