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Zeitenwende im Eiskanal : Warum die Dominanz der Rodlerinnen gebrochen ist

  • -Aktualisiert am

Plötzlich die Nummer eins unter den deutschen Rodlerinnen: Julia Taubitz Bild: dpa

Pausen, Rücktritt und Nachwuchs: Das deutsche Rennrodeln befindet sich im Umbruch. Julia Taubitz ist eine Frontfrau wider Willen. Ob die Stars der Szene in den Eiskanal zurückkehren? Das entscheidet in doppelter Weise der Nachwuchs.

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          Der Blickwinkel ist ungewohnt. Natalie Geisenberger und Dajana Eitberger sind wie jedes Jahr nach Innsbruck-Igls an die Olympiabahn gefahren. Doch statt sich in den 888 Meter langen Eiskanal zu stürzen, standen die viermalige Olympiasiegerin und die Olympiazweite im Zielraum und beobachteten ihre ehemaligen Konkurrentinnen. Beide nehmen sich in diesem Winter eine Auszeit, beide erwarten im Frühjahr Nachwuchs. Weil auch Tatjana Hüfner, die Olympiasiegerin von 2010, nach ihrem Rücktritt nicht mehr dabei ist, hat das deutsche Team der Rennrodlerinnen eine Frischzellenkur erfahren (müssen).

          Julia Taubitz ist eine dieser Nachwuchshoffnungen. In der vergangenen Saison war die 23-Jährige Zweite der Weltmeisterschaft geworden, hatte in der Weltcup-Wertung Rang zwei belegt. Mit einem Schlag steht sie nun als Frontfrau im Fokus. Wider Willen. „Ich bin genauso noch ein junges Küken und bräuchte noch viel Erfahrung“, sagt die junge Sächsin, „deswegen fehlt mir schon eine Ältere und Erfahrenere, an der ich mich orientieren kann.“

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          Zum Saisonstart in Igls sauste sie auf Rang drei, zeitgleich mit Teamkollegin Jessica Tiebel, der viermaligen Junioren-Weltmeisterin. Während Tiebel strahlte, ärgerte sich Taubitz über einen Fehler im zweiten Durchgang. „Es war eine Katastrophe. Bei mir ist alles schief gelaufen.“ Bundestrainer Norbert Loch zeigte sich trotzdem zufrieden: „Klar hätte der Auftakt besser ausfallen können. Aber zweimal Platz drei ist ein hervorragendes Ergebnis.“ Achtbar geschlagen haben sich bei ihrem Weltcup-Debüt auch Anna Berreiter und Ceyenne Rosenthal. Die 20-jährige Berreiter aus Berchtesgaden fuhr auf Platz sieben, Rosenthal (19/Winterberg) wurde Neunte. „Die beiden ganz Jungen hatten einen perfekten Weltcup-Einstand“, sagte Coach Loch, „das ist aller Ehren wert.“ Geprägt wurde das Ergebnis durch die schwierigen Bedingungen. Weil sich die Eisbahn im Laufe des Rennens durch einen Fönsturm veränderte, konnte sich Tatjana Iwanaowa (Russland) von Platz 13 nach dem ersten Durchgang noch auf Platz eins verbessern.

          Dominanz pur – seit Jahrzehnten

          Jahrelang fuhren die Deutschen mit ihren Konkurrentinnen Schlitten. Seit den Winterspielen 1998 in Nagano kommt die Olympiasiegerin aus dem deutschen Lager. Silke Kraushaar, zweimal Sylke Otto, Tatjana Hüfner und zuletzt in Sotschi und Pyeonchang Natalie Geisenberger. Genauso souverän agierten sie im Weltcup. Seit der Saison 1998/1999 war jeweils eine Rodlerin des Bob- und Schlittenverbandes für Deutschland (BSD) am Saisonende die Beste. Hüfner (fünf Gesamtsiege) und Geisenberger (sieben Titel) dominierten die vergangenen zwölf Winter. Ihr Rückzug offenbart eine Lücke. Hüfner, mittlerweile 36 Jahre alt, hatte ihren Rücktritt rechtzeitig angekündigt. Auch die Schwangerschaft der 31 Jahre alten Geisenberger war keine allzu große Überraschung. „Es war absehbar, sie hat immer wieder davon gesprochen, dass sie nach ihre Hochzeit eine Familie gründen wolle“, erzählt Trainingskollege Felix Loch. Trotzdem fehlt ein Nachwuchskonzept. Im vergangenen Winter wurden zwei Athletinnen der Rücktritt nahe gelegt: Caroline von Schleinitz, Zweite bei der Junioren-Weltmeisterschaft hinter der Amerikanerin Summer Britcher. Der gelang zum Weltcup-Auftakt am Samstag Rang zwei. Tina Müller aus dem sächsischen Ort Altenberg ist zwei Jahre jünger als die 23 Jahre alte Caroline von Schleinzitz. Sie war von ihrer Heimat Altenberg nach Oberhof umgezogen. Doch die Zweite der Junioren-WM wurde als einziges Mitglied aus dem B-Team geworfen.

          Während bei den Doppelsitzern die Deutschen weiter den Ton angeben, Toni Eggert/Sascha Benecken (Ilsenburg/Suhl) gewannen, in der Männerkonkurrenz Olympiasieger Felix Loch als bester Deutscher auf Rang sechs wieder eine „spannende Saison“ erwartet, scheint die Dominanz der Frauen gebrochen. Wie bei den Siegesserien von Geisenberger und Hüfner stand Bundestrainer Loch am Samstag im Ziel, angespannt, mitfiebernd. Aber diesmal ging es „nur“ um Plazierungen. „Man gewöhnt sich an die Situation“, sagte er, „das ist genau das, was ich haben wollte – den einen oder anderen Podestplatz einfahren.“ Die Zeitenwende hat ihre Reize: „Die Stimmung ist sehr gut“, sagte Tiebel. Der Vorteil sei, dass es eine neue, flache Hierarchie gebe. „Der frische Wind ist ganz gut“, ergänzte Taubitz, „wir Jungen bringen auch ein wenig Unsinn und Unfug rein, was nicht schadet.“ Solange der zum Erfolg verdammte BSD, von Goldmedaillen hängt die Bundesförderung ab, mittelfristig Siegerinnen zu bieten hat. Ob Geisenberger und Eitberger wieder in den Eiskanal zurückkehren werden, hängt im doppelten Sinne vom Nachwuchs ab.

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