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Ski alpin : Die Getriebene

Hat gut Lachen dieser Tage: Lindsey Vonn Bild: AP

Reich, berühmt und sexy reicht ihr nicht: Lindsey Vonn will gewinnen - am Wochenende in Lake Louise gelingen der Skiläuferin drei Siege in Serie. Und danach verblüfft sie die Konkurrenz mit ihren Einsichten.

          „Ich könnte glücklicher nicht sein“, sagte Lindsey Vonn nach ihrem dritten Erfolg in Lake Louise. Gleichwohl nimmt sie noch jeden Tag Anti-Depressiva. Ihr Talent zur Selbstvermarktung ist mindestens so groß wie das zum Skifahren – und dabei scheut sie weder gleißendes Scheinwerferlicht noch dunkelste Schatten. Die 31 Jahre alte Amerikanerin ist eine Meisterin des großen Auftritts, attraktiv, erfolgreich und eloquent. Und erweckt doch immer wieder auch den Anschein, eine Getriebene zu sein.

          Nur auf der Piste fühle sie sich wirklich wohl, hat sie jüngst geäußert. Nur beim bedingungslosen Skifahren könne sie wirklich sie selbst sein. Und am besten, wenn sie gewinnt, so wie am Wochenende, als ihr ein vielbeachteter Dreifach-Erfolg in zwei Abfahrten und einem Super-G im kanadischen Wintersportort Lake Louise gelang.

          Lindsey Vonn bedient sich in der Öffentlichkeitsarbeit sämtlicher Kanäle, die das moderne Leben bietet: „Strong ist the New Beautiful“, heißt der Titel ihres neuen Buches, das im kommenden Jahr auf den Markt kommt, und ein hohes Lied auf bedingungsloses Selbstbewusstsein singen wird. In einer eigenen Stiftung hat sie sich zum Ziel gesetzt, „Mädchen stark zu machen“. Und Online verbreitet sie via Facebook Alltagsweisheiten wie: „Eine Million Likes sind nicht genug, wenn du dich nicht selbst magst.“

          Dieser Tage mochte sie sich selbst mal wieder sehr. Auf ihrer Lieblingsstrecke, die wegen Vonns unfassbarer Siegesserie schon in „Lake Lindsey“ umgetauft wurde, gewann sie zum 18. Mal ein Weltcuprennen, es war ihr dritter Dreifachsieg nach 2011 und 2012. Hier hatte sie auch 2014 beim Comeback nach ihren Kreuzbandrissen zum ersten Mal wieder einen Erfolg gefeiert.

          „Ich habe mich etwas alt gefühlt auf dem Podest“, sagte sie danach. Was wahrscheinlich kokett gemeint war, aber für alle anderen ein bisschen wie Hohn klang. Soeben hatte sie die komplette alpine Skikonkurrenz sehr alt aussehen lassen. Und dann fühlt sie sich nicht mehr jung? Lindsey Vonn muss damit leben, dass sie die Gegnerinnen kaum noch kennt, die ihr hinterher fahren. Die beiden staunenden Frauen, die ihr am Sonntag mit respektvollem Abstand von mehr als 1,3 Sekunden noch am nächsten kamen und ihr dann bei der Siegerehrung flankierend zur Seite standen, sind bislang No-Names im Skizirkus gewesen: Tamara Tippler und Cornelia Hütter, Jahrgang 1991 und 1992, gelangen mit den Plätzen zwei und drei jeweils das beste Super-G-Resultat ihrer Karrieren.

          Und dazwischen Lindsey Vonn, die immer dann am Stärksten scheint, wenn man gar nicht mehr so richtig mit ihr rechnet. Ein Knöchelbruch im Sommer, ein Hundebiss im Herbst, ein verschobener Saisonstart im Frühwinter – alles vergessen für den amerikanischen Skistar. Wenn es drauf ankommt. Druck nimmt sie offenbar nur als Stimulanz.

          Den Sieg vom Sonntag hatte ihre Stiefmutter eingefordert, die Lindsey nach dem zweiten Abfahrtssieg am Samstag daran erinnerte, dass sie „runde Zahlen mag.“ Der 69. Weltcupsieg war schön und gut, der eingeforderte und gelieferte 70. besser. Längst hat Vonn die Österreicherin Annemarie Moser-Pröll (62 Siege) als erfolgreichste Skifahrerin der Weltcup-Geschichte überholt. Keineswegs ist auszuschließen, dass sie auch den Rekord des Schweden Ingmar Stenmark (86) noch ein- und überholt. Oft schon hat sie gefordert, mit den Männern mitfahren zu dürfen, sie sei „besser“, wenn sie wirklich gefordert werde. Zumindest Hermann Maier hat sie am Wochenende schon hinter sich gelassen, mit 25 zu 24 Siegen im Super-G.

          Vonn ist ein Wettkampftyp, wie es ihn nur selten gibt, ehrgeizig und getrieben. Als sie ein Kind war, ist ihre ganze Familie nach Vail (Colorado) gezogen, um ihr bessere Trainingsbedingungen zu bieten. Als sie ein Star war, hat ihr der Skiort ein Appartement geschenkt, damit sie bleibt und Vail von ihrem Ruhm profitiert.

          Viermal hat sie bisher den Gesamt-Weltcup gewonnen, 19 kleine Kristallkugeln für Disziplin-Saisonsiege gehamstert. Zwar hatten ihr in den vergangenen Jahren zunehmend andere die Show gestohlen, die Österreicherin Anna Fenninger triumphierte zweimal nacheinander in der Gesamtwertung, die Slowenin Tina Maze sammelte so viele Punkte wie noch keine Frau zuvor. Doch beide fehlen diese Saison – die eine mit Kreuzbandriss, die andere, weil sie einem drohenden Burn-Out mit einem Sabbatjahr begegnet. Lindsey Vonn dagegen bleibt – mindestens bis 2018, wenn sie noch mal Olympia-Gold gewinnen will. Reich, berühmt und sexy, wie sie ist, könnte sie zwar alles Mögliche machen. Aber sie will weiter Skirennen gewinnen – und glücklich sein.

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