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Karriereende des Biathleten Greis : Die große Leere

„Irgendwann ist die Zeit reif“: Michael Greis legt Gewehr und Ski zur Seite Bild: dapd

Nach Magdalena Neuner verliert der deutsche Biathlon-Sport seinen nächsten Star. Der dreimalige Olympiasieger Michael Greis erklärt seinen Rücktritt vom Leistungssport. Der Glaube, der Wille und das Gewinner-Gen seien ihm abhanden gekommen.

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          Er hat ja immer gesagt, dass es im Zweifelsfall ganz schnell gehen kann. Wenn er spürt, dass die innere Flamme erloschen ist. Aber dass Michael Greis nach nur einem Weltcup-Rennen das Kleinkalibergewehr für immer in den Schnee werfen würde, das hat man dann doch nicht erwartet. Weil der schlimmste Teil des Biathlon-Jahres eigentlich hinter ihm lag – die Qualen der Vorbereitung. Wenn einer schon zurücktritt, dann normalerweise doch am Ende einer Saison und nicht am Anfang. Und jetzt genügt dieses eine Rennen (Platz 67) beim Saisonauftakt in Östersund, um ihm ganz plötzlich die Augen zu öffnen, ihm zu zeigen, dass es nun vorbei ist mit der Biathlon-Karriere?

          Schon in der ersten Runde, schreibt Greis in seinem Blog beim Internetportal „eurosport.yahoo.de“, habe er etwas ganz Entscheidendes vermisst: „Es war nichts mehr von dem Kampfgeist und dem Biss in mir vorhanden, der mich jahrelang als Leistungssportler ausgezeichnet und erfolgreich gemacht hat. Ich hab nur noch eine Leere in mir gespürt, und mir wurde klar, das hier wird mein letztes Rennen sein. Ich wusste, dass ich auf der Zielgeraden meiner Karriere angekommen bin.“ Jetzt macht der dreifache Olympiasieger von Turin Schluss. Was, vom Zeitpunkt abgesehen, durchaus nachvollziehbar ist

          Glauben, Willen und Gewinner-Gen verloren: Michael Greis

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          Michael Greis ist 36 Jahre alt, und das Thema Rücktritt beschäftigt ihn spätestens seit jener verkorksten letzten Saison. Die Operation am Sprunggelenk warf ihn weit zurück, eine Krankheit kam hinzu, und Greis steckte in einer Zwickmühle. Die Heim-WM in Ruhpolding vor Augen, kam er zu früh zurück und musste dafür büßen. Beim Weltcup 2012 in Antholz hat er sie schon einmal gespürt, die große Leere in sich, weil überhaupt nichts ging.

          Sie hielt ein paar Wochen an, in denen Greis aus der Öffentlichkeit verschwand, in denen er aber im Training dann doch noch ein letztes Fünkchen in sich entdeckte. Aber wäre die WM nicht erst Anfang März gewesen, hätte sie vermutlich ohne Greis stattgefunden. „Ich habe mich gerade so gerettet“, hat er damals gesagt. Wobei ihn sicher auch seine Verdienste um den deutschen Biathlonsport gerettet haben. Einen dreifachen Olympiasieger lässt man beim Saisonhöhepunkt vor der eigenen Haustür nicht zuschauen.

          Würdiger Abschluss war möglich

          Umso erstaunlicher war die Leistung von Greis bei der WM – auch ohne Einzelmedaille. Und Bronze in der Staffel hätte doch durchaus als würdiger Abschluss einer großen Karriere getaugt. Für Greis war aber gerade die Ruhpoldinger „Auferstehung“ der Anlass, weiterzumachen. Einen Bonus hatte er nicht mehr. Der Mann, der stets für das Weltcup-Team gesetzt war, musste sich mit einem Mal gegen 15 Jahre jüngere Konkurrenz durchsetzen. Aber er hat zuletzt ja noch gesagt: „Ich fühle mich nicht alt.“

          Es war wohl auch weniger der Körper als vielmehr der Geist, der letzten Endes nicht mehr willig war. „Im Leistungssport muss man den absoluten Glauben, den Willen und das Gewinner-Gen in sich tragen. Ist dies nicht mehr der Fall, hat man bei der Leistungsdichte, die heutzutage im Biathlon vorherrscht, keine Chance.“ Greis hatte stets genau von diesem Willen gelebt. Der Allgäuer ist der Beweis, wie weit man es mit Fleiß, harter Arbeit und einem Stückchen Besessenheit bringen kann, während weitaus talentiertere Konkurrenten irgendwann von der Bildfläche verschwinden.

          Zuletzt alle Ziele verfehlt: Turin-Olympiasieger Greis

          Kaum ein anderer hat sich so intensiv mit seiner Waffe beschäftigt, auch wenn die ewige Tüftelei ab und zu nach hinten losging. Locker und entspannt war Greis selten, er war eher grüblerisch veranlagt, ein sperriger Typ und bisweilen auch hypersensibel. Der Nesselwanger hat lange warten müssen, ehe ihm der damalige Bundestrainer Frank Ullrich überhaupt eine Chance gab. Aber seine Feuertaufe, als Schlussläufer der deutschen Staffel bei der Heim-WM 2004 vor 20.000 tobenden Fans, hat er mit Bravour bestanden – Gold. Es war vielleicht das Schlüsselerlebnis in seiner Karriere.

          Hypothek Dreifach-Gold

          Sein größter Erfolg war zugleich auch seine schwerste Hypothek. „Du wirst immer an den drei Goldmedaillen gemessen“, hat er noch kurz vor dem Saisonauftakt geklagt. Auch wenn das mehr als sechs Jahre zurückliegt und noch überraschender kam als jetzt der Zeitpunkt seines Rücktritts. Turin hat ihn berühmt gemacht, zum Großverdiener werden lassen, zum Biathlon-Star, auch wenn er dazu eigentlich nicht taugt.

          Die nacholympische Saison war für Greis vermutlich die schwerste. Weil er partout beweisen wollte, dass seine olympischen Erfolge keine Zufallsprodukte waren. Es gelang ihm eindrucksvoll – mit dem einzigen Gesamt-Weltcupsieg seiner Karriere.

          Bis zuletzt Weltklasse, aber kein Seriensieger

          Weltklasse war Greis fast bis zuletzt, ein Seriensieger war er aber nie. Elf Weltcuprennen gewann er als Solist, darin eingeschlossen sein einziger Einzel-Weltmeistertitel. 2007 war das, als er in Antholz in einem packenden Duell den Norweger Ole Einar Björndalen bezwang. Selten war das Sieger-Gen in Greis deutlicher sichtbar. Aber es gab auch bittere Momente: zum Beispiel 2011, bei der WM in Chanty-Mansijsk, als er das sicher geglaubte Staffel-Gold am Schießstand vergab.

          Greis’ Stern ging bei den Winterspielen 2006 in Turin mit drei Olympiasiegen auf

          Das ändert nichts daran, dass da nun ein großer Biathlet von der internationalen Bühne abtritt, der mit Recht von sich behaupten darf: „Ich hatte eine Super-Karriere.“ Jetzt ist es an der Zeit, sich dem Leben nach dem Sport zuzuwenden „und ein bisschen was fürs Köpfchen zu machen“. Greis studiert Internationales Management in Ansbach. Einmal noch wird er zum Gewehr greifen: am 29. Dezember auf Schalke. Das ist jetzt sein Abschiedsrennen. Aber eigentlich das von Magdalena Neuner. Die hatte es viel eiliger mit dem Rücktritt.

          Michael Greis im Kurzporträt

          Geboren: 18. August 1976

          Erfolge:

          - dreimaliger Olympiasieger 2006: Einzel, Massenstart, Staffel
          - dreimaliger Weltmeister: 2004 (Staffel), 2007 (Massenstart), 2008 (Mixed-Staffel)
          - Gesamt-Weltcup-Sieger: (Saison 2006/2007)
          - WM-Silber: 2005, 2007 (jeweils Einzel), 2011 (Mixed-Staffel)
          - WM-Bronze: 2005, 2009 (Mixed-Staffel), 2007, 2008, 2009, 2012 (Staffel)

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