https://www.faz.net/-gtl-9kmju

Benedikt Doll bei der WM : Ein Mann für Großes im Biathlon

Aufs Schießen kommt es an: Benedikt Doll hat manchmal Ladehemmung. Bild: EPA

Benedikt Doll hat erst ein Herren-Rennen gewonnen. Es fehlt die Konstanz am Schießstand. Aber beim WM-Sprint ist er Titelverteidiger.

          3 Min.

          Er liebt Anstiege, vor allem die längeren, und wenn sie noch dazu steil sind, umso besser. Wenn andere auf der letzten Rille daherkommen, ist Benedikt Doll in seinem Element. Und deshalb fühlt sich der 28 Jahre alte Schwarzwälder auf den anspruchsvollen WM-Strecken von Östersund auch pudelwohl. Da kann er seine Stärken voll ausspielen. Deswegen hat ihm Bundestrainer Mark Kirchner beim WM-Auftakt auch den verantwortungsvollen Part als Schlussläufer der Mixed-Staffel anvertraut.

          Auch wenn der Versuch, an den führenden Norweger Vetle Sjaastad Christiansen noch heranzukommen, letztlich an zwei Nachladern beim letzten Schießen scheiterte, sprach Doll hinterher von einem entspannten Rennen. Weil von hinten keine Gefahr mehr drohte. „Es ist schon komfortabel, wenn man eine Medaille sicher hat“, sagt der Biathlet. Und mit Silber kann Titelverteidiger Deutschland gut leben. Doll auch, „Das ist ein beruhigendes Gefühl für die kommenden Aufgaben“, sagt er.

          Überragend in der Loipe

          Bei seiner nächsten, dem Sprint an diesem Samstag (16.30 Uhr in der ARD und bei Eurosport), ist Doll ganz persönlich der Titelverteidiger. Vor zwei Jahren in Hochfilzen in Tirol hatte ihn keiner auf der Rechnung. Da hieß es nur: Fourcade oder Bö? Und dann brachte der als Wackelkandidat am Schießstand bekannte Schwarzwälder doch tatsächlich das Kunststück fertig, alle zehn Scheiben zu treffen.

          Doll erinnert sich noch genau an die entscheidende Situation damals: Wenn das Gehirn plötzlich anfängt, zu rattern. „Ich stand richtig gut da am Schießstand, aber nach dem vierten Schuss kam so einiges in mir hoch. Aber da konnte ich mich gut fangen. Ich habe noch mal neu aufgebaut und auch den letzten getroffen.“ Und für eine faustdicke Überraschung gesorgt. Es ist bis heute sein einziger Sieg. Das wäre anders, gäbe es eine getrennte Wertung für Laufen und Schießen.

          Auch in dieser Saison gehört Doll stets zu den schnellsten auf der Strecke, zuweilen auch mit Bestzeit. Der Mann ist also schon eine latente Bedrohung für die Branchenriesen, sofern er am Schießstand durchkommt. Und er scheint sich mittlerweile zum Mann für Großereignisse zu entwickeln. Auch aus Pyeongchang hat er zwei olympische Bronzemedaillen mit nach Hause gebracht: in der Verfolgung und in der Staffel. In dieser Saison war er immerhin beim Weltcup in Ruhpolding Dritter im Sprint und rangiert im Gesamt-Weltcup als zweitbester Deutscher hinter Sprint-Olympiasieger Arnd Peiffer auf Platz 12.

          Arbeit am Schießstand

          Was Doll an seinem Ziel, „unter die Top-Sechs zu kommen“, fehlt, ist die Konstanz am Schießstand. „Bei mir ist die häufigste Fehlerquelle der erste Schuss liegend und auch stehend. Weil ich oft noch nicht hundertprozentig zum Schießen bereit bin.“ Wenn das alles wäre. Aber da sind schon noch ein paar andere Baustellen zu beackern. Und wenn die eine geschlossen ist, tut sich die nächste auf. Vielleicht ist sein Respekt vor Johannes Thingnes Bö, dem großen Favoriten dieser WM, deshalb sogar noch ein bisschen gewachsen. Der schnelle Norweger war auch so ein Wackelkandidat am Schießstand. Und hat sich mittlerweile zum Muster an Konstanz entwickelt – und zum Seriensieger: 12 von 18 Saisonrennen hat Bö gewonnen – eine beeindruckende Bilanz. Findet Doll auch: „Einmal ein Rennen zu gewinnen ist das eine, aber jedes Mal ganz oben zu stehen, alles nahezu perfekt zu machen, dem zolle ich am meisten Respekt.“

          Laufstärke allein genügt da nicht. Wobei die ihm quasi in die Wiege gelegt worden ist. Die Mutter war Langstreckenläuferin, der Vater war als Berg- und Marathonläufer bekannt. Von Papa Charly, der in Hinterzarten ein Seminarhotel betreibt, hat Doll junior aber auch die Leidenschaft zum Kochen mitbekommen: „Ich bin quasi in der Küche groß geworden“, sagt er. Und weil eben die ganze Familie – auch die Schwester ist Marathonläuferin – so ausdauerverrückt ist, lag es nahe, Kulinarisches und Konditionelles zu verbinden. Das Ganze ist als „Dolls Schwarzwaldlust – das sportliche Genießerkochbuch“ kurz vor Weihnachten auf den Markt gekommen, und Benedikt behauptet, er habe alle Gerichte darin schon selbst zubereitet.

          Eine Perspektive für das Leben nach dem Sport? Eher wohl nicht, auch wenn sich Doll junior längst schon auf die Zukunft eingestellt hat. Er studiert parallel zum Sport Marketing und Vertrieb/Wirtschaftsingenieurswesen an der Hochschule Furtwangen und hat auch schon bei einem fünfmonatigen Praktikum in die Berufswelt hineingeschnuppert. Die Thematik liegt ihm, aber acht Stunden am Schreibtisch zu sitzen, das ist sein Ding nicht. „Da habe ich gemerkt, wie sehr ich Bewegung brauche“, sagt er.

          Die bekommt er jetzt zur Genüge. Und warum soll er mit seinen Zielen hinterm Berg halten. „Ich will auf jeden Fall eine Einzelmedaille“, sagt Doll, „aber den Sprinttitel zu verteidigen, das wird hart. Da muss alles stimmen.“ Zumal er weiß: Der Schießstand in Östersund hat seine Tücken.

          Weitere Themen

          Willy wollte es wissen

          Thorbjørn Jagland über Brandt : Willy wollte es wissen

          Vor 50 Jahren wurde Willy Brandt Bundeskanzler. Ohne seine Zeit in Norwegen ist er nicht zu verstehen. Der frühere Ministerpräsident Thorbjørn Jagland redet darüber, wie das Land Brandt formte – und wie er Norwegen beeinflusste.

          Ungebetene Besucher

          Wildschweine in der Innenstadt : Ungebetene Besucher

          Gut 20 Wildschweine wurden in der Nacht zum vergangenen Freitag in der Wiesbadener Innenstadt gesichtet. Landes- und Stadtpolizei verfolgten die Rotte, die unbehelligt in den Kurpark entkam. Ein Vorfall von vielen ähnlichen. Nicht immer geht so etwas gut aus, auch nicht für die Tiere.

          Topmeldungen

          Johnson und der Brexit : Drei Briefe und ein einziges Ziel

          Boris Johnson will weiter versuchen, das Brexit-Abkommen bis Ende des Monats zu ratifizieren. Schon am Montag könnte die Regierung in London eine neue Abstimmung über den Brexit-Vertrag ansetzen – wenn John Bercow das zulässt.
          Kurdisches Fahnenmeer: Demonstranten am Samstag in Köln

          Türken-Kurden-Konflikt : Kurz vor der Explosion

          Der Krieg in Nordsyrien führt auch in Deutschland zu handfesten Auseinandersetzungen zwischen türkischen und kurdischen Migranten. Das könnte erst der Anfang sein.
          Mit Arte in Oslo: Carola Rackete.

          Carola Rackete bei Arte : Ein ganz persönlicher Kulturschock

          In der Arte-Reihe „Durch die Nacht mit ...“ treffen die Aktivistin Carola Rackete und die norwegische Schriftstellerin Maja Lunde aufeinander. Man meint, sie hätten einander viel zu sagen. Es kommt anders.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.