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Aus in Wimbledon : Kerber und der schleichende Niedergang

  • -Aktualisiert am

Aus und vorbei: Titelverteidigerin Angelique Kerber scheidet früh aus in Wimbledon. Bild: Reuters

Auf dem geliebten Rasen sollte es wieder bergauf gehen. Doch schon in der zweiten Runde gibt es eine deftige Niederlage für Titelverteidigerin Angelique Kerber in Wimbledon. Nun wird sie erstmal abtauchen.

          Wimbledon 2019 könnte als schwarzes Jahr in die Annalen des Deutschen Tennis-Bundes eingehen. Nach dem schwarzen Montag, als alle sieben deutsche Tennisprofis einschließlich des Weltranglistenfünften Alexander Zverev am ersten Tag der Championships auf dem heiligen Rasen ausschieden, scheiterte am Donnerstag auch die Titelverteidigerin Angelique Kerber in der zweiten Runde – wie Zverev an einem krassen Außenseiter. Die Amerikanerin Lauren Davis war in ihrer Karriere nur kurz unter den ersten 30 plaziert. Ansonsten warfen sie Verletzungen immer wieder zurück. Sie kam noch nie in einem Grand-Slam-Turnier über die dritte Runde hinaus. Das Hauptfeld der Damenkonkurrenz erreichte sie, obwohl sie in der letzten Qualifikationsrunde verlor, als Lucky Looser.

          Peter Heß

          Sportredakteur.

          Am Donnerstag jedoch war die 1,57 Meter große, an Schulter und Oberschenkel bandagierte Amerikanerin zu stark für die als Fünfte der Weltrangliste nach Wimbledon gekommene Norddeutsche. Die Nummer 95 der Branchenhackordnung besiegte Kerber 2:6, 6:2, 6:1, die eine der schwächsten Leistungen ihrer Laufbahn auf ihrem geliebten Rasen ablieferte. Seit 2016 gewann sie mehr Spiele auf Rasen als alle Kolleginnen auf der WTA-Tour. „Ich habe mich heute einfach nicht gut gefühlt, ich hatte keine Energie, solche Tage gibt es“, kommentierte die dreimalige Grand-Slam-Siegerin ihre überraschende Niederlage. Im ersten Satz wurde Angelique Kerber ihrer Favoritenrolle noch gerecht. Nachdem sie das erste Aufschlagspiel des Matches verloren hatte, übernahm sie die Initiative. Und so sehr sich die kleine Amerikanerin auch anstrengte, die Norddeutsche hatte im Zweifel im Ballwechsel das letzte Wort. 6:2 gewann sie den ersten Durchgang und nichts deutete darauf hin, dass die Titelverteidigerin noch in Schwierigkeiten geraten könnte.

          Aber schon zu Beginn des zweiten Satzes begann schleichend ihr Niedergang. Kerber wurde immer defensiver und vorsichtiger, Davis riskierte mehr und traf den Ball immer besser. Beim Stand von 2:3 hatte Kerber mehrfach die Chance, der Amerikanerin den Aufschlag abzunehmen und noch mal auszugleichen. Aber nachdem das Spiel sechsmal über Einstand gegangen war, gelang es Davis doch noch, auf 4:2 davonzuziehen. Über dieses frustrierende Erlebnis kam die Deutsche nicht hinweg. Sie wurde negativ, haderte mit sich, ihrem Betreuerteam und der Welt und gewann danach nur noch ein einziges Spiel. Die ansonsten so leidenschaftliche Kämpferin fügte sich in die deftige Niederlage. „Ich bin sehr enttäuscht, dass war nicht die Art, wie ich spielen und hier enden wollte“, sagte Kerber. Aber sie müsse es akzeptieren, die Leistung vergessen und nach vorne schauen. Sie werde jetzt nach Hause fahren, dann ein paar Tage im Urlaub abtauchen und sich dann auf die US Open vorbereiten.

          Nach dem frühen Aus der Spitzenkräfte trägt nun jeweils die Nummer zwei der nationalen Rangliste die deutschen Hoffnungen. Julia Görges und Jan-Lennard Struff zogen nach souveränen Leistungen als einzige deutsche Profis in die dritte Runde ein. Die 30 Jahre alte Görges besiegte die russische Qualifikantin Warwara Flink 6:1, 6:4. Der 29 Jahre alte Struff setzte sich über den Amerikaner Taylor Fritz 6:4, 6:3, 5:7, 7:6 (7:2) hinweg. Görges dominierte gegen die Russin, die in Wimbledon zum ersten Mal in ihrer Laufbahn das Hauptfeld eines Grand-Slam-Turniers erreichte, das Geschehen von Beginn an. Nach 73 Minuten verwandelte sie den Matchball. „Sie war eine unbequeme Gegnerin, aber ich konnte über meinen ersten Aufschlag das Spiel bestimmen“, sagte Görges, die 31 erste Aufschläge ins Feld brachte und dabei 27 mal den Punkt machte.

          Ihre nächste Gegnerin ist viel erfahrener. Görges trifft nun in einer Neuauflage des letztjährigen Halbfinales auf Serena Williams. Ob sie aus der Niederlage Nutzen für das Duell am Samstag ziehen könne, wurde die Norddeutsche gefragt. „Das wissen wir hinterher. Auf jeden Fall habe ich wieder ein Jahr mehr Erfahrung und gehe mit einer gewissen Souveränität auf den Platz.“ Ansonsten wollte Görges nicht viel über die mit Spannung erwartete Auseinandersetzung mit der berühmtesten aktiven Tennisspielerin der Welt sagen: „Egal, ob ich gegen einen großen Namen oder einen Champion spiele, es kommt auf mich an, und dass ich mein Ding von A bis Z durchziehe.“

          Viel komplizierter als für Görges war die Aufgabe für Struff, um in die dritte Runde einzuziehen. Der Sauerländer hatte es in Taylor Fritz mit einem ausgesprochenen Rasenspezialisten zu tun. Der 20 Jahre alte Familienvater kam mit der Empfehlung des Sieges beim Vorbereitungsturnier in Eastbourne in den Südwesten Londons. Es entwickelte sich eine hochklassige Auseinandersetzung zweier hervorragender Aufschläger. Zu viele Ballwechsel kamen nicht zustande, doch wenn der Ball mehrmals über das Netz flog, demonstrierten beide fast zwei Meter große Spieler ihr feines Händchen für Tennis. Struff hatte dabei in den entscheidenden Momenten die besseren Nerven. Er nutzte in den ersten beiden Sätzen alle drei Breakmöglichkeiten gegen Fritz und dominierte den entscheidenden Tie-Break im vierten Durchgang 7:2.

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