https://www.faz.net/-gtl-7on9i

Ecclestone-Prozess : Endspiel für Bernie

Gibt es da vielleicht doch noch ein Schlupfloch für Mister Ecclestone? Bild: REUTERS

Für Bernie Ecclestone geht es im am Donnerstag beginnenden Korruptionsprozess von München um alles. Wird der Fomel-1-Boss verurteilt, ist der schillerndste Sportfunktionär Geschichte. Einstweilen aber treibt er sein Spiel weiter.

          Er muss eine Verurteilung vermeiden, um jeden Preis. Mit diesem Ziel wird Bernard Charles Ecclestone von diesem Donnerstag an vor dem Landgericht München um die Führungsrolle in der Formel 1 kämpfen, um sein System, um sein Leben. Ecclestone ist 83 Jahre alt. Seit Mitte der siebziger Jahre hat er zwischen dem Aufstehen und dem Nachtlager nichts anderes getan, als die berühmteste Rennserie der Welt zu regieren, gewogene Mitspieler reich zu machen, aufmüpfige gnadenlos auszubremsen. Selbst eine seiner Hochzeiten quetschte er im Terminkalender zwischen zwei Vertragsverhandlungen. Immer stand er im Zentrum. Wenn der kleine Brite durch das Fahrerlager geht, weichen die Menschen wie einst das Meer vor Moses. Regierungschefs stellen sich vor seinen als Machtzentrale beschriebenen Bus und warten auf Einlass. Er hört Kleinen wie Großen zu, wenn sie bitten und manche betteln. Die Briten nennen ihn Godfather, den Paten.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Michael Wittershagen

          Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Falls Richter Peter Noll Ecclestone im Bestechungsverfahren um den verurteilten Banker Gerhard Gribkowsky schuldig spricht, ist der wohl schillerndste Sportfunktionär Geschichte, selbst bei einer kleinen Bewährungsstrafe. Denn nicht ganz unbedeutende Teilnehmer und Protagonisten der großen Sause sind keineswegs an einer Fortsetzung von Bernies Regime interessiert.

          Kläger fühlen sich ausgegrenzt

          Oppositionen hat es immer gegeben. Vor Jahren scheiterte sogar eine Gemeinschaft der Automobilkonzerne mit BMW, Honda, Mercedes und Toyota an den Winkelzügen, an der Verzögerungstaktik des ehemaligen Gebrauchtwagenhändlers. Deshalb mögen die vier Teams Force India, Sauber, Marussia und Caterham nicht als große Gefahr erscheinen. Aber sie beklagen schon lange ernsthafte Defizite der Formel-1-Führung und damit an „Bernie’s Game“. Am 10. April haben sie in einem Brief an den Präsidenten des Internationalen Automobil-Verbandes Jean Todt, eine „transparente, demokratische und verantwortungsvolle“ Führung der Formel 1 gefordert: „Besonders das Konzept der Demokratie, die faire Repräsentation aller Teilnehmer, ist von großer Bedeutung.“ Die Kläger fühlen sich ausgegrenzt. Zu Recht: Sie sind nicht Mitglieder der Formel-1-Strategiekommission. In diesem Gremium haben auch dank Ecclestone Ferrari, Lotus, Mercedes, McLaren, Red Bull und Williams Sitz und Stimme.

          Die meisten von ihnen besitzen genügend Geld, um über die Runden zu kommen. Und so entschied die Gruppe, die von Force India und Co angestrebte, für sie überlebenswichtige Kostenreduzierung auf die lange Bank zu schieben. „Es ist nun klar für uns, dass eine Führungsstruktur auf der Basis einer arrangierten Leistungsgesellschaft (die Strategie-Gruppe) nicht die Standards erfüllen kann, wie sie der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees und viele Regierungen empfehlen“, heißt es im Brief vom 10. April. Die vier Teams sind überzeugt, dass die Machtstruktur in der Formel 1 auch gegen Wettbewerbsgesetze der Europäischen Union verstößt. Es gebe „substantielle Vorteile für einige Teams gegenüber anderen“. Ecclestone hatte bei seinen individuell ausgehandelten Formel-1-Verträgen unter anderem Red Bull mit Hinweis auf die Bedeutung für die Historie der Formel 1 eine Sonderzahlung (70 Millionen Dollar) aus den Vermarktungseinnahmen gewährt, auch zum Verdruss von Mercedes. Andere mussten nehmen, was sie bekamen. „Die Diskriminierung eines einzelnen Teams erscheint als Missbrauch einer dominanten Position. (...) Wir glauben, dass das Verhalten der Formel-1-Strategie-Gruppe und ihre Akzeptanz durch die Fia und den Rechtebesitzer (vertreten durch Ecclestone, d. Red.) einige Wettbewerbsregeln in Frage stellt.“ Die Strategie-Kommission habe keine Autorität, den Sport zu kontrollieren.

          Diese Beschreibung ist das vorerst letzte Kapitel eines dicken Buches über Ecclestones Geschick, seine Macht zu erhalten. Jahrzehntelang ist es ihm gelungen, die Rennställe in Zänkereien zu verwickeln. Sie waren nie über einen längeren Zeitraum in der Lage, ihre Interessen zu bündeln. Mit Versprechungen und Zahlungen aus dem Topf der Einnahmen, den Ecclestone dank seines Verhandlungsgeschicks füllte und über den er teils frei verfügte, ließen sich kleine wie große, zum Beispiel Ferrari, aus einem Oppositionsverbund locken. Schon war die Gefahr gebannt.

          Weitere Themen

          Ein Este wird der Erste sein

          Rallye-WM : Ein Este wird der Erste sein

          Der Rallyefahrer Ott Tänak ist drauf und dran, die Ära der französischen Rallye-Sieger zu beenden. Außerdem wird er nach der Rallye Deutschland eine Entscheidung bekannt geben.

          Bieter kämpfen um Osram

          Milliarden-Übernahme : Bieter kämpfen um Osram

          Der Chiphersteller AMS will die Finanzinvestoren Bain und Carlyle überbieten. Aktionäre des Lichttechnikspezialisten können daher zwischen zwei Übernahmeangeboten wählen, wenn die Finanzaufsicht grünes Licht gibt. Der Aktienkurs steigt.

          Topmeldungen

          Sowohl Trump als auch Johnson winken mit ihrem zerstörerischen Potential. Nur schätzen sie ihre Position falsch ein.

          Schwäche der EU? : Boris Trump

          Sowohl Trump als auch Johnson verschätzen sich: Man kann aus den Wechselbeziehungen der globalisierten Welt nicht in Trotzecken fliehen und dabei nachhaltige Gewinne machen. Europa ist da in einer stärkeren Position.

          Axel Voss auf der Gamescom : Zu Gast bei Feinden

          Der EU-Abgeordnete Axel Voss ist die Hassfigur der Youtuber und Gamer. Mit der Reform des Urheberrechts hat er die Szene gegen sich aufgebracht. Sein Besuch auf der Spielemesse Gamescom lief dann aber anders als erwartet.
          Noch baumelt der Golf an den Greifarmen im Zwickauer VW-Werk. Bald soll ihn das Elektromodell ID ablösen.

          VW-Werk : Zwickau wird elektrisch

          VW produziert im sächsischen Zwickau bald nur noch Elektroautos. Das Werk wird damit zum Modell für die ganze Branche. Was bedeutet das für die Arbeiter? Ein Besuch im Versuchslabor.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.