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CHIO in Aachen : Ehning muss passen

  • -Aktualisiert am

Vorübergehend Fußgänger: Reiter Marcus Ehning nach seinem Sturz in Aachen Bild: dpa

Schmerzen im Knie und ein dicker Daumen: Marcus Ehning stürzte auf dem Vorbereitungsplatz und ist klug genug, auf seinen Einsatz an diesem Freitag zu verzichten.

          3 Min.

          Wenn Marcus Ehning in den Parcours reitet, schaut alles hin. Seine ruhige, wohldosierte, ausbalancierte Reitweise ist stilbildend, vielen ist der Mann mit der idealen Springreiterfigur ein Vorbild. Auch am Donnerstagabend, beim Nationenpreis in Aachen, richteten sich die Blicke auf den Einritt, durch den er mit seinem Pferd kommen sollte. Sein Kollege Daniel Deußer hatte mit der Stute Killer Queen bereits eine perfekte Runde gezeigt, es hatte also bestens begonnen für die deutsche Equipe, und Ehning, der Klassiker, sollte mit seinem Hengst A La Carte so weitermachen. Aber Ehning kam nicht.

          Evi Simeoni
          Sportredakteurin.

          Der 47 Jahre alte Reiter lag draußen unter einem Baum auf der Erde. Kurz zuvor war er auf dem Vorbereitungsplatz gestürzt. Heute wissen wir: Die Sache ist glimpflich abgelaufen. Am Freitagmorgen saß er schon wieder auf dem Pferd und fühlte vorsichtig in seinen Körper hinein. Aber die Sorge um ihn war nicht unbegründet gewesen. Bei einem Vorbereitungssprung über einen kleinen Oxer war Ehnings Pferd aufgrund eines Missverständnisses mit dem Reiter viel zu früh abgesprungen, er wurde aus dem Sattel katapultiert, fiel über den Pferdehals und landete hart auf dem Hinterteil. „Ich bin geflogen und habe ihn über mich rüberspringen sehen“, sagte er ein paar Stunden später bei einem Beruhigungsbier. „Ich bin aufgestanden und ein paar Schritte gegangen.“ Dann musste er sich hinsetzen.

          Ziemlich schnell kam eine Ärztin, die alles gesehen hatte, und kümmerte sich um ihn. Er musste sich hinlegen. „Ich war auch mal kurz weg“, sagte er. Er habe einen extrem niedrigen Blutdruck, da könne so was schon einmal passieren. Später im Krankenhaus gaben die Ärzte Entwarnung. Das Hinterteil tat Ehning aber auch am nächsten Morgen noch weh. Und das rechte Knie. Sein rechter Daumen war dick geschwollen, er hatte Probleme, die Zügel zu halten. Also keine guten Voraussetzungen, um bei weiteren schweren Springen zu starten. Am Freitagmittag war klar: heute kein Einsatz. Über die nächsten Tage, auch über seinen Start beim Großen Preis am Sonntag, wollte er später entscheiden. Die feierliche Verabschiedung seines Pferdes Pret A Tout, die für diesen Samstag geplant ist, wird aber in jedem Fall abgehalten. „Da muss ich ja nicht springen“, sagte er.

          Doch zurück zum Nationenpreis: Als Kollege Deußer zur zweiten Runde einritt, stand Ehning schon wieder am Zaun, sah dessen zweiten fehlerfreien Umlauf und musste dann mit ansehen, wie die deutsche Equipe die günstige Ausgangsposition, die sie sich trotz seines Ausfalls erarbeitet hatte, höchst unglücklich verlor. Auch Christian Ahlmann war mit seinem Schimmelhengst Clintrexo in bestem Stil unterwegs. Als die beiden auf die dreifache Kombination zugaloppierten, waren sie noch fehlerfrei und Ahlmann durfte zuversichtlich sein, dass sie auch diese Schwierigkeit meistern würden.

          18.000 Zuschauer – genau so viele, wie die Behörden erlaubt hatten – hielten die Luft an, um Reiter und Pferd nicht zu stören. Da hallte plötzlich ein energisches Wiehern durch das Stadion. Das war Balou Du Reventon, der eindrucksvolle Hengst des jungen Amerikaners Brian Moggre, der bereits am Einritt auf seinen Einsatz wartete. Clintrexo hörte die Botschaft, seine Aufmerksamkeit wanderte von dem anvisierten Steilsprung zum Artgenossen – und schon fiel eine Stange. Der Rhythmus war dahin, sodass ein weiterer Fehler am letzten Sprung, einem Oxer, hinzukam. Weil David Will mit dem Wallach C Vier anschließend gleich dreimal patzte, blieb für die Deutschen, die durch Ehnings Ausfall kein Streichresultat frei hatten, nur der sechste Platz. Die Vereinigten Staaten – mit Jessica Springsteen, der Tochter des Rockmusikers, in ihren Reihen – gewannen vor Schweden und Frankreich.

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          „Das war nicht unser Abend“, sagte Bundestrainer Otto Becker. Er hat schon andere erlebt. 2016 bis 2018 etwa gewannen die Deutschen dreimal, Ehning war immer dabei, jedes Mal mit Pret A Tout, dem Fuchswallach, der jetzt in den Ruhestand geschickt wird. Zweimal steht Ehnings Name auf der Tafel am Richterturm, als Sieger der Großen Preise 2006 mit Küchengirl und 2018, auch mit Pret A Tout. Der ist jetzt 18 Jahre alt und hat die Rente verdient. genau wie die drei anderen, die Ehning dieses Jahr verabschiedet hat. Der Hengst Comme Il Faut wurde im Rahmen der EM in Riesenbeck noch einmal gefeiert. Der Hengst Cornado wurde mangels Gelegenheit ganz formlos vom Sport verabschiedet, so wie die Stute Cristy, die nun ein Fohlen erwartet – von Cornado.

          Ehning muss also im Moment ein paar Lücken im Stall füllen, will sich aber nicht mehr so viel Druck machen wie früher. „Ich bin keine 20 mehr“, sagt Ehning. „Ich bleibe auch gern einmal eine Woche zu Hause.“ Aber Aachen ist Aachen. Da will jeder reiten. Es wäre Ehnings 17. Nationenpreis in der Soers gewesen. Doch am Freitag war er trotz seines Pechs so klug zu sagen: „Glück gehabt“.

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