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Werth siegt beim CHIO : Wieso aufhören?

  • -Aktualisiert am

Doppelt Grund zur Freude in Aachen: Isabell Werth siegt bei der Dressur-Kür und bekommt bei der Siegerehrung ein Geburtstagsständchen. Bild: dpa

Am Ende, als es das Ständchen gibt, werden die Augen feucht: Rekordreiterin Isabell Werth feiert an der Kultstätte ihres Sports, beim CHIO in Aachen, den 13. Sieg – und ihren 50. Geburtstag.

          Happy Birthday aus 6000 Kehlen. Eine Riesentorte, die zu Isabell Werths 50. Geburtstag an die Kultstätte ihres Sports, ins Dressurstadion von Aachen getragen wird. Ein Film mit den Highlights von 30 Jahren internationalem Spitzensport, mit Bildern von Gigolo und Satchmo und Weihegold, und wie sie alle hießen und heißen, Isabell Werths hochbegabte Pferde, mit denen sie sechs olympische Goldmedaillen, neun Weltmeistertitel und 17 Europameistertitel gewonnen hat.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Eine Ehrenrunde zu Fuß zu ihrer einstigen Kürmusik, Standing Ovations, im Viereck besondere Gratulanten, ihre Familie, ihre Freundin und Mäzenin Madeleine Winter-Schulze und Ursula von der Leyen, neue Präsidentin der Europäischen Kommission und selbst begeisterte Reiterin. Und draußen, nicht weit weg: Bella Rose. Das Geschenk ihres Reiterlebens, das Pferd, das sie sich immer gewünscht hat, und das ihr vorkommt wie eine lebende Traumerfüllung.

          Einen schöneren 50. Geburtstag hätte Isabell Werth sich nicht wünschen können: Bevor die Party losging, hatte sie mit ihrer Fuchsstute in der Kür zur Musik eine neue Bestnote aufgestellt: 90,450 Prozentpunkte. Sie gewann damit zum 13. Mal den Großen Dressurpreis von Aachen. Alles hat sich in dieser Zeit verändert, das ganze Stadion ist neu gebaut worden – Isabell Werth aber ist sie selbst geblieben. Ob das nun der Moment war, an dem sich alles rundete in ihrem Sportlerleben? Das wird sie erst später beurteilen können, an dem fernen Tag, wenn sie dem ganzen Trubel Adieu sagen wird. Aber so weit ist es noch lange nicht.

          Zusammen erfolgreich: Isabell Werth auf Bella Rose in Aachen

          Unzählige Male ist Isabell Werth vor diesem Geburtstag gefragt worden, wann denn nun Schluss sein soll. Aber wieso? Sie hat ein Pferd, das 2020 in Tokio für einen weiteren Olympiasieg gut sein könnte, sofern nichts Unerwartetes geschieht. Sie hat hochtalentierte junge Pferde im Stall, die sie noch lange zu neuen Erfolgen tragen können. „Ich habe keine Ahnung, wieso ich immer gefragt werde, wann ich meine Karriere beende“, sagte sie in Aachen. „So alt bin ich ja noch nicht. Es sind hier noch ein paar Ältere unterwegs, und ich weiß nicht, warum die nicht auch gefragt werden.“ Spontan erhob sich zum Beispiel der 55 Jahre alte Amerikaner Steffen Peters, Mitglied der Mannschaft, die beim Nationenpreis hinter Deutschland und Dänemark Dritte geworden war. Und wieso Rente? „Ich werde 50 und nicht 100“, sagte sie. Joseph Neckermann war 60, als er bei den Olympischen Spielen 1972 in München Mannschafts-Gold und Einzel-Bronze gewann. Und die älteste Olympiateilnehmerin überhaupt war die britische Dressurreiterin Lorna Johnstone, 1972 in München mit 70 Jahren Zwölfte.

          Dressurreiten ist schließlich nicht Turnen für Menschen, sondern für Pferde. Der Dressurwettbewerb in Aachen jedenfalls machte Lust auf mehr. Um den Sieg in der Kür musste Isabell Werth mit aller Kraft kämpfen. Sie hatte, um sich die Konkurrenz vom Leib zu halten, ihrer extrem anspruchsvollen Kür noch zwei weitere Schwierigkeiten hinzugefügt. Sie begann wie zuvor mit der Piaffe-Pirouette, schon dies ein Highlight zu den Klängen von Puccinis Arie „O mio babbino caro“. Es folgte als Neuerung gleich der nächste spektakuläre Move, die Traversale im erhabenen Trab, genannt Passage. Die zweite vermeintliche Verbesserung erwies sich noch als Stolperstein: Die Einer-Galoppwechsel auf einer gebogenen Linie. Bella Rose, wie alle Lebewesen ein Gewohnheitstier, war kurz verwirrt, was zu einer Störung führte. Es gibt also noch Raum nach oben, was insofern wichtig ist, als die Konkurrenz der Meisterin im Nacken sitzt.

          Schaut man auf das aufgeschlüsselte Noten-Tableau, so zeigt sich, dass Dorothee Schneider aus Framersheim mit ihrem dreizehnjährigen dunkelbraunen Wallach Showtime, ihrer Kollegen an deren Geburtstag ziemlich heftig auf die Pelle gerückt ist. Das Geburtstagskind lag in technischer Hinsicht sogar 0,3 Punkte hinter der Konkurrentin, und gewann aufgrund der höheren subjektiven Noten für die künstlerische Gestaltung, was sicherlich berechtigt war. Doch es zeigt: Dieser Zweikampf könnte eines Tages auch anders herum ausgehen. Zum Beispiel im August, bei den Europameisterschaften in Rotterdam. Auch die 89,660 Prozentpunkte für Schneider waren eine Bestleistung, Tendenz steigend.

          Und nicht nur Bella Rose – auch Showtime löst bei den Zuschauern einen Gänsehaut-Faktor aus. Viele Dressur-Freunde kennen ihn noch aus dem Jahr 2016, als die beiden bei Olympia in Rio zur Gold-Mannschaft gehörten. Showtime mit seinen überragenden Bewegungen galt als Dressurpferd der Zukunft, eher er sich verletzte. Kaum genesen, verletzte er sich 2018 in Aachen beim ersten Wettbewerb gleich noch einmal. Dass diese Erfahrungen Reiterin und Pferd eng verbunden haben, war sogar während der Kür zu spüren. „Wir sind uns sehr nahe gekommen“, sagte Dorothee Schneider. Auch die Drittplatzierte von Aachen zum Beispiel, Jessica von Bredow-Werndl (Aubenhausen) mit der zwölfjährigen Stute Dalera rückt der Meisterin immer näher. Isabell Werth aber sieht solche Entwicklungen gelassen: „Was war das für ein Sport heute!“ Starke Konkurrenz hält sie jung. Und die neue Mega-Konkurrentin Dorothee Schneider ist auch schon 50 Jahre alt.

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