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Michael Jung : Der Düsentrieb der Reiterei

  • -Aktualisiert am

Vielseitigkeitsreiter Michael Jung wird mit Takinou bei Olympia antreten. Bild: Picture-Alliance

Viele halten Michael Jung für den besten Reiter, den es jemals gab. Auch die schärfste Konkurrenz muss das zugeben angesichts seiner Erfolge. Auch beim CHIO in Aachen ist Jung nicht zu schlagen.

          3 Min.

          Der Altersunterschied ist enorm. Aber auf dem Foto, das riesig vergrößert in der Reithalle der Familie Jung hängt, scheinen sich zwei Verliebte anzusehen. Links Michael Jung, ein 33 Jahre alter Schwabe aus Horb am Neckar. Und rechts die Königin von England. Jung beugt sich breit lächelnd zur Regentin herab, er steht auf einem Siegerpodest, vor seiner Brust baumelt eine Goldmedaille.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Die Queen gratuliert ihm mit behandschuhter Hand, lächelt mehr als huldvoll und schaut ganz verzaubert unter der Krempe ihres eleganten Hutes hervor. Ja, bestätigt Jung, verliebt sei er in diesem Moment auch gewesen. Die beiden trafen im vergangenen Jahr in Blair Castle in Schottland zusammen, bei den Europameisterschaften der Vielseitigkeitsreiter, Jung hatte gerade den Titel gewonnen, mit der Mannschaft und in der Einzelwertung, und Elisabeth II. hatte ihm bei seiner phantastischen Leistung zugesehen.

          Darauf, dass Michael Jung ein ganz besonderer Reiter ist, kann sich die ganze Welt einigen. Viele sind davon überzeugt, dass es nie einen besseren gab. Auch die schärfste Konkurrenz kann längst nicht mehr anders, als das zuzugeben angesichts seiner Erfolge. Jung ist der erste Reiter, der das Kunststück geschafft hat, gleichzeitig Olympiasieger (2012), Weltmeister (2010) und Europameister (2011, 2013 und 2015) zu sein. Jung hat alles gewonnen, was es in der Vielseitigkeit zu holen gibt, auch in die bisher angelsächsischen Domänen ist er gnadenlos eingedrungen, die Vier-Sterne-Klassiker in Burghley und Badminton und auch den dritten Grand-Slam-Wettbewerb in Kentucky hat er gewonnen.

          Sogar sein britischer Gegenspieler William Fox-Pitt gab irgendwann klein bei und sagte über Jungs Stute Rocana: „Mit jedem anderen Reiter wäre sie ein Pferd für eine Zwei-Sterne-Prüfung und würde dort nicht einmal in den vorderen Rängen landen.“ Und mit Michael Jung? Der hat mit Rocana das Feld schon mehrmals bei den schwersten Wettbewerben der Welt hinter sich gelassen. Auch die Aussichten für Olympia in Rio sind glänzend.

          2012 bei Olympia in London holte er zwei Goldmedaillen.

          Beim CHIO in Aachen jagte er am Samstag noch einmal mit Sam und Takinou durchs Gelände, als wäre alles ein Kinderspiel: die tiefen Gräben, die Mutproben über dicke Baumstämme hinunter ins Wasser, die Gehorsamsübungen über schmale Ecken, die Konditionsprüfung bergauf und bergab. Jung und seine Pferde huschen üblicherweise mit fast surrealer Sicherheit über die Querfeldeinstrecken. Er ist der einzige Vielseitigkeitsreiter der Welt, der gleich drei Pferde für die Olympischen Spiele qualifiziert hat, Sam, Takinou und Rocana. Sam, der Wallach, mit dem er in London Doppel-Olympiasieger wurde, ist ihm nach wie vor der Liebste.

          „Mit ihm bin ich groß geworden, und wir haben viel zusammen durchgemacht“, sagt er. Unter anderem die harten Zeiten, als Sams frühere Mitbesitzerin das Pferd entführte und für einen Millionenpreis verkaufen wollte. Jung hat sich für Rio aber für den erst neun Jahre alten Anglo-Araber Takinou entschieden. Der Grund: Mit Takinou kann er das beste Ergebnis in der Dressur erzielen, die bei Olympia einen besonders hohen Stellenwert hat, weil der Geländeritt mit Rücksicht auf die schwächeren Nationen nicht so schwer gestaltet sein wird wie bei den klassischen Prüfungen.

          Damals gewann er mit Sam, wie auch beim CHIO in Aachen.

          Auch in Aachen war Jung mit Takinou nicht zu schlagen: Vierter in der Dressur, fehlerfrei im Springparcours und im Gelände exakt eine Sekunde schneller als der Zweitplazierte. Seine Fans behaupteten, so etwas habe Jung im Griff, doch er sagte: „Dazu braucht man viel Glück.“ Mit Sam, dem er noch weniger Druck machte als Takinou, war er zudem Sechster.

          Was die Queen dachte, als sie Jung im vergangenen Jahr so herzlich gratulierte, lässt sich dem Foto ablesen. Was aber denken die anderen Reiter, wenn sie ihn in vorbildlicher Haltung, in perfektem Gleichgewicht und mit sich und seinem Pferd vollkommen im Reinen dahinschweben sehen? Die deutschen Pferdeleute, wenn sie nicht allzu engherzig sind, denken vielleicht: Beneidenswert, wie gut er das kann. Hoffentlich macht er noch lange weiter, damit wir noch an vielen Mannschafts-medaillen beteiligt sind. Die Konkurrenz mag sich fragen: Wie lange es wohl noch dauert, bis dieser Jung endlich in das Springreiterlager wechselt? Wird Zeit, dass wir den loswerden.

          Tatsächlich kann der Umstieg auf das spezialisierte Parcoursspringen nach Rio ziemlich schnell vor sich gehen. Anders als in der Vielseitigkeit wird dort großes Geld verdient. Dass er über das nötige Können verfügt, hat Jung schon bei Spezialturnieren bewiesen. Fehlt nur noch ein geeignetes Pferd für die ganz großen Sprünge. Jungs Sponsor und Mäzen jedenfalls, der Dübel-Fabrikant Klaus Fischer, wäre einverstanden.

          Er ist der Sohn Artur Fischers, eines Tüftlers mit mehreren hundert Patenten. Er erfand nicht nur die Plastikdübel, sondern auch Spielzeug-Baukästen und den Blitzlicht-Würfel für Kameras. Seinem Sohn und Erben, der täglich Millionen von Dübeln auf den Markt wirft, haben Michael Jung und seine Familie, deren Anlage in Horb in seiner Nachbarschaft liegt, imponiert. Echte Wertarbeit, wahre schwäbische Seelenverwandtschaft - Michael Jung ist der Düsentrieb der Reiterei.

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